„Früher galt ich als Linke, heute bin ich plötzlich rechts.“ Dieses Zitat stammt von der Politikwissenschaftlerin Ulrike Guerot, und sie sagt es mit einem gewissen Galgenhumor. Denn Guerot wurde für ihr kritisches Auftreten während der Corona-Pandemie angefeindet, sie verlor alte Freunde, ihre Reputation und schließlich ihre Stelle an der Universität Bonn. Vor allem ihr Buch „Wer schweigt, stimmt zu“ wurde heftig kritisiert. Vieles, was sie darin thematisierte, gilt heute als bestätigt. „Wenn man das Argument nicht entkräften kann, muss man die Person angreifen“, lautet Guerots Kommentar dazu.
So wie Ulrike Guerot ging es in den vergangenen drei Jahren vielen anderen, die ihre Stimme erhoben. Nicht alle konnten damit so gut umgehen wie die streitbare Professorin, die sich nach eineinhalb Jahren Shitstorms und Anfeindungen eine Auszeit nahm, weil sie, wie sie heute sagt, nicht mehr konnte.
Journalismus in der Kritik
Im Jänner 2022 – es war der sogenannte „Lockdown für Ungeimpfte“ – traf sich eine Gruppe von Journalistinnen und Medienvertretern im Hinterzimmer eines Wiener Cafés. Sie wollten und konnten nicht länger mitansehen, wie die Medien ihre Aufgabe der vierten Gewalt im Staat vernachlässigten. In der Gruppe befanden sich einige, die Angst davor hatten, öffentlich Kritik zu üben. In den Redaktionen wurde großer Druck ausgeübt, regierungskonform zu berichten, viele hatten zensurähnliche Beschränkungen erlebt. Einige Journalisten wollten aufgrund des stattfindenden Unrechts nicht den Mund halten und taten das, was Journalisten normalerweise tun: kritisch hinterfragen. Manche begannen, für „alternative“ Medien zu schreiben – und wurden prompt in die „rechte“ Ecke gestellt.
Aus den regelmäßigen Treffen ging schließlich ein journalistisches Manifest hervor, das in Form einer Petition veröffentlicht wurde (siehe unten).
Die Grenzen verschwimmen
Die Liste der Beispiele, in denen die Bezeichnung „rechts“ als Totschlagargument dient(e), ist lang: Demonstrationen, in denen hunderttausende Menschen für Grundrechte auf die Straße gingen und mit eini gen wenigen Rechtsradikalen in einen Topf geworfen wurden. Kritische Stimmen, bei denen man um viele Ecken Kontakte zu (angeblichen) Rechtsextremen suchte, um sie diskreditieren zu können. Neu gegründete Medien, die dem Einheitsbrei der Mainstreammedien etwas entgegensetzen möchten. Der Begriff „rechts“ wird im politischen Spektrum gleichgesetzt mit konservativ, ausländerfeindlich, Nazisympathisanten. Wer will das schon sein? „Links“ stand dagegen lange Zeit für sozial, umweltbewusst, fortschrittlich. Für viele stand fest: links ist gut, rechts böse.
Tatsächlich sind die Grenzen zwischen den beiden Polen in den vergangenen Jahren verschwommen. Denn auf den Corona-Demos gingen eben nicht nur Rechtsextreme auf die Straße, sondern viele besorgte Bürger und Bürgerinnen aus den unterschiedlichsten Gesellschaftsschichten. Zahlreiche ehemalige Linke wandten sich während jener Zeit enttäuscht von ihren Parteien ab, von denen sie sich nicht mehr vertreten fühlten.
Meinungsvielfalt
Die Frage, die wir uns stellen können, lautet: Wollen wir in einer Welt leben, in der Andersdenkende diskriminiert werden? Vielleicht geht es letztendlich darum, anzuerkennen, dass wir nur gemeinsam Veränderungen bewirken können. Vielleicht geht es nicht mehr darum, links oder rechts zu sein, sondern vielmehr darum, anzuerkennen, dass es eine Vielfalt an Meinungen und Lebensmodellen gibt. Setzen wir uns für unsere Werte ein, statt über andere zu urteilen. Hinterfragen wir kritisch, statt in einer Blase zu leben. Leben wir die Toleranz und Empathie, die wir uns von anderen wünschen.
Um es mit den Worten Ulrike Guerots zu sagen: „Ich hoffe, dass die Gesellschaft wieder zusammenfindet und sich fragt: Was haben wir einander da angetan?“
Aus dem Manifest „Für eine Erneuerung des Journalismus in Österreich“:
„Stattdessen verschwimmen Meinungsmache und Berichterstattung zusehends auf eine Art und Weise, die den Prinzipien eines seriösen Journalismus widersprechen. Stimmen, die einen als gegeben angenommenen gesellschaftlichen Konsens hinterfragen, werden entweder bewusst ignoriert oder lächerlich gemacht oder diffamiert. Überdies müssen Andersdenkende
damit rechnen, automatisch als dem „Rechtsextremismus“ nahestehend bezeichnet zu werden. Dies ist nicht nur unredlich, sondern auch gefährlich, weil der inflationäre Gebrauch solcher Zuschreibungen dazu führt, dass tatsächliche Radikalismen nicht mehr einwandfrei identifiziert werden können.“
Susanne Wolf hat sich dem konstruktiven Journalismus verschrieben, der sich bei den Herausforderungen unserer Zeit auf die Suche nach möglichen Lösungen macht. Ihr Anliegen ist es, mit ihrem Schreiben Mut zu machen und den aktuellen gesellschaftlichen Wandel zu begleiten.
Manche meinen
Lechts und Rinks
kann man
nicht velwechsern
werch ein Illtum
Ernst Jandl
ein Artikel von
Auf Simone Weil bin ich dank einer Buchbesprechung von Ulrike Guérot gestoßen (auf youtube leicht zu finden unter: Ulrike Guérot zu „Über die Ursachen von Freiheit und Gesellschaftlicher Unterdrückung“ Simone Weil). In diesem Buch erklärt Simone Weil die grundsätzliche Abhängigkeit des Menschen, - u...
Im Wahljahr 2024 heften sich zahlreiche Parteien die Erhaltung der Demokratie und den „Kampf gegen Rechts“ auf ihre Fahnen.Das ist insofern fragwürdig, als in den vergangenen Jahren, insbesondere während der Corona-Pandemie, der Begriff „rechts“ oder gar „rechtsextrem“ inflationär verwendet wurde. Er wurde all jenen verpasst, die es wagten, gegen die vorherrschende Meinung zu widersprechen. Mensch...
Bei einer Recherche zum Thema freie Bildung werden die Mechanismen eines Systems sichtbar, in dem Eigenverantwortung und selbstbestimmtes Denken nicht vorgesehen sind.„Freilernen oder Unschooling bezeichnet ein vom jungen Menschen selbstgesteuertes Lernen in seinem jeweiligen Lebensumfeld, im Unters...
Die tieferen Gründe für die Corona-Exzesse und für die Weigerung, daraus zu lernen - Norbert HäringDie Aufarbeitung des Abgleitens der Gesellschaft in schlimmsten Autoritarismus, Intoleranz, Diskriminierung, Misshandlung von Kindern und gesundheitliche Schädigung vieler Menschen durch die Corona-Maß...
Neulich besuchte ich mit meiner neunzehnjährigen Tochter einen Kleidertausch in einem kleinen Wiener Park. Wir trafen dort eine bunt gemischte Gruppe von Frauen jeden Alters, die eines verband: der Wunsch, dem Konsumdenken in unserer Gesellschaft etwas entgegenzusetzen. Wir probierten Hosen und Klei...
Zu den Unterzeichnern der Westminster Erklärung zählen u.a. Julian Assange, Slavoj Žižek, Oliver Stone, Jeffrey Sachs, Edward Snowden, John Cleese oder Glenn Greenwald. Sie wurde im Juni 2023 veröffentlicht und fordert die Verteidigung der Meinungsfreiheit sowie die Bekämpfung von weltweiter demokra...
Teil I: Was (viel schneller als erwartet) passieren könnte „Willkommen im Jahr 2030. Ich besitze nichts, habe keine Privatsphäre – und nie gab es ein besseres Leben. Ich besitze weder ein Auto noch ein Haus, keine Haushaltsgeräte, nicht einmal Wir haben freien Zugang zu Verkehrsmitteln, Unterkunft, Nahrung. Alles, was früher als „Produkt“ betrachtet wurde, ist nun Dienstleistung....
Im Waldviertel, Bezirk Waidhofen/Thaya, sollen gleich fünf neue „Windparks“ mit knapp 50 Windkraftanlagen entstehen – beschlossen hinter dem Rücken der Bevölkerung....
„Der Fluss Lethe wird in der griechischen Mythologie als Fluss des Vergessens bezeichnet. Wer sein Wasser kostet oder in ihm badet, der verliert die Erinnerung.Genau dies ist mit uns als Gesellschaften in den letzten Jahren während Corona passiert. Die meisten in der Gesellschaft haben vergessen, wi...
Erich Fromm schreibt in seinem Klassiker Die Kunst des Liebens:„Man kann das menschliche Problem des Kapitalismus folgendermaßen formulieren: Der moderne Kapitalismus braucht Menschen, die in großer Zahl reibungslos funktionieren, die immer mehr konsumieren wollen, deren Geschmack standardisiert ist...
Soziale Bewegungen sind heutzutage fast immer zerstritten. Warum ist das so, und wie kommen wir da raus?Die Zeiten sind verwirrend und die politische Obdachlosigkeit nimmt zu. In welches politische Spektrum würden Sie zum Beispiel jemanden einordnen, der sich Ihnen so vorstellt:Ich bin für Verhandlu...
"Willst du recht haben oder glücklich sein?" Marshall RosenbergDer Schweizer Historiker und Friedensforscher Dr. Daniele Ganser steht seit Monaten aufgrund seiner differenzierten Sicht auf den Ukraine-Krieg in der Kritik, bereits geplante Vorträge werden von den Veranstaltern wieder abgesagt....
Manchmal kommen mir die letzten drei Jahre vor wie ein böser Traum, oder auch wie ein schlechter Film. Immer schwächer wird das Bedürfnis, mich damit zu befassen, immer geringer die Hoffnung, dass alles restlos aufgeklärt wird. Dagegen wächst der Wunsch, nach vorne zu schauen.Weil ich selbst über meinen Körper bestimmen möchte, wurde ich ausgegrenzt und herabgewürdigt. Monatelang war es mir nicht ...
„Geschichten führen uns zusammen. Nicht erzählte Geschichten trennen uns.Wir bestehen aus Geschichten – solchen, die abgeschlossen sind, noch andauern oder erfunden werden, mithilfe von Wörtern, Bildern, Träumen und dem unaufhörlichen Staunen über die Welt.Ungeschminkte Wahrheiten, intimste Gedanken...
Aus einer Aussendung der Grünen Initiative für Grundrechte und Informationsfreiheit (GGI):Die letzten Jahre waren geprägt von einem zunehmenden Verfall des respektvollen Umgangs und insbesondere der respektvollen Sprache. Es wurde salonfähig, Menschen bzw. Menschengruppen durch abwertende Bezeichnun...