Stellen Sie sich vor, Sie gehen in ein Restaurant in dem die Speisekarte keine Preise enthält, Sie werden bekocht und herzlich umsorgt. Anschließend erhalten Sie die Rechnung und der Betrag ist Null. Eine Fußnote weist Sie darauf hin, dass ihre Rechnung von einem Menschen bezahlt wurde, der vor Ihnen hier war und fordert Sie auf, diesen Kreislauf weiterzuführen. Das ist das Konzept hinter »Karma Kitchen«. Erfunden wurde es von Nipun Mehta, einem indisch-amerikanischen Unternehmer, der dieses »Großzügigkeits-Experiment« 2007 in’s Leben rief. Letzte Woche fand im Wiener Markhof Österreichs erste Karma Kitchen statt. Nipun Mehta war bei der Premiere vor Ort.
Im frisch eröffneten Kochstudio des Wiener Markhof wuseln ein Dutzend Menschen in grünen Schürzen um eine Kochinsel. Es wird geschnitten, gerührt und angerichtet. Frisches Gemüse wird in Reispapier gerollt, der Chefkoch träufelt Öl auf das Avocado-Limetten-Sorbet, eine junge Dame garniert das indische Curry mit Mangochutney. Das Treiben hat die Anmutung einer professionellen Großküche, aber nur einer der Anwesenden hat eine Kochausbildung. Die anderen sind als Freiwillige zusammengekommen, um Teil der ersten österreichischen Karma Kitchen zu sein.
Mehr als 15 Freiwillige halfen in der Küche und im Service (Foto: © Erika Büttner)
Bei Karma Kitchens geht es darum Großzügigkeit zu üben und damit tiefgehende Beziehungen zu anderen Menschen und sich selbst herzustellen. Für die Freiwilligen ist es eine Übung im Dienen, die Gäste bedanken sich mit einer Vorauszahlung für die nachfolgenden Gäste. Karma Kitchens gibt es mittlerweile in 26 Städten weltweit. Meist werden sie als Pop-Up-Küchen organisiert, manche mutieren zu fixen Restaurants, so auch das Erstexperiment in Berkeley, das seit 2007 einen Platz in der Gastro-Szene der Stadt einnimmt.
»Keiner von uns hatte je ein Restaurant betrieben, wir hatten kein Budget und keine Angestellten. Aber wir hatten nichts zu verlieren. Hätten die Leute das Konzept nicht angenommen, wäre es die erste und letzte Karma Kitchen gewesen«.
Nipun Mehta
Die Stimmung bei der ersten Wiener Karma Kitchen ist herzlich. Menschen die einander nicht kennen teilen Tische und stellen sich einander vor. Kaum wird ein Platz eingenommen, steht ein Mitglied des Service-Teams zur Seite und versorgt die Gäste mit frischem Wasser, bunten Säften und einem herzlichen Lächeln. »Ein Besuch in einer Karma Kitchen ist kein herkömmlicher Restaurant-Besuch. Die Mahlzeiten werden von den Freiwilligen mit viel Liebe zubereitet und den Gästen wie ein Geschenk serviert. Das hat eine ganz andere Energie« erklärt Mehta.
60 Gäste ließen sich in Wien auf das Experiment Karma Kitchen ein. (Foto: © Erika Büttner)
Ideengeber Mehta stammt ursprünglich aus Indien. Nach einem Studium in Berkeley startete er seine Karriere Ende der 90er-Jahre bei Sun Microsystems. An seiner Arbeit vermisste der praktizierende Buddhist trotz guter Bezahlung die soziale Komponente. Dies nahm er zum Anlass, mit Kollegen ein Obdachlosenheim zu besuchen und über Modelle nachzudenken, anderen Menschen Dienste zu erweisen. Das erste Projekt war eine Website für das Obdachlosenheim. »Ich kann mich noch genau an das Gefühl erinnern, als wir die Website online stellten. Ich erzählte all meinen Freunden davon und konnte selbst kaum glauben, wie gut es tat, anderen zu helfen.«.
Nipun Mehta ist einer der Erfinder der Karma Kitchen.
Mehta kündigte seinen Job und gründete Servicespace, einen Inkubator für Projekte, die sich dem Thema Großzügigkeit widmen. Unter anderem betreibt die Organisation eine Nachrichtenseite für positive Nachrichten (Dailygood) und eine Plattform, die zu großzügigen Aktionen im Alltag inspirieren soll (Kindspring). Später kreierte er den Begriff »Giftivism« – die Praxis, mit großzügigen Handlungen die Welt ein Stück weit zu verbessern – und verbreitet diese Botschaft regelmäßig bei seinen internationalen Vorträgen.
Die Inspiration dafür kam aus dem Elternhaus. Mehta’s Mutter organisiert seit mittlerweile 25 Jahren jeden Mittwoch Abend Meditationsrunden, bei denen ihr Haus allen Menschen – vom Obdachlosen zum Top-Manager – offensteht. Nach der Meditation bekocht sie die Anwesenden, am Esstisch tauschen diese sich über Sachen die sie beschäftigen aus. »Ich konnte über Jahre hinweg beobachten, wie meine Mutter, eine ganz normale Frau die für sich entschied etwas anders zu machen, zu einem glücklicheren Menschen wurde. Das hat mich angesteckt.«.
»Die Wissenschaft macht es klar: Tiefgehende Beziehungen zu den Menschen um uns herum tragen einen wichtigen Teil zu unserer Gesundheit bei. Karma Kitchen soll Menschen dazu anregen, solche Beziehungen herzustellen und zu pflegen.«
Nipun Mehta
Mittlerweile löffeln die Gäste Caramel Brulee und werfen beim Heimgehen ihren Anteil in eine Box. Ob es auch in Wien für eine weitere Ausgabe reicht? »Ich kann schon jetzt sagen, dass es eine weitere Karma Kitchen in Österreich geben wird und bin überwältigt von der Stimmung und dem Feedback der Gäste«, bestätigt Hermann Gams von der DreamAcademia, einer der Veranstalter. Wien ist bereits die 26. Stadt, in der Karma Kitchens organisiert wurden. Auch Mehta zeigt sich sichtlich zufrieden: »Ich kann immer noch nicht glauben, dass unsere Idee überall auf der Welt aufgegriffen wird und funktioniert. Es zeigt, dass Darwin recht hatte – Empathie ist ein ureigener Instinkt und stärker als Egoismus.«.
Foto: © Erika Büttner
Autor
Manuel Gruber ist Journalist und Filmemacher aus Wien und Mitglied des Redaktionsteams von Brennstoff Online.
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