von David Bollier [Teil 2 des zweiteiligen Artikels] [–> zum ersten Teil des Artikels]
Die Dorfgemeinschaften richteten eine geschützte agro-ökologische Region ein, den Parque de la Papa, den »Kartoffelpark«, mehr als 12.000 Hektar Land, die sie für die Agrodiversität der Pisaq-Region sowie für den Erhalt ihrer traditionellen Kultur, ihres Wissen und ihrer Lebensweise als wesentlich erachteten. Der Kartoffelpark ist ein Modell für einen gemeinschaftsbasierten und rechtlich verankerten Umweltschutz, das sich von einem anderen »Entwicklungs-« Verständnis leiten lässt als konventionelle, marktorientierte Modelle. Der Kartoffelpark wird von allen beteiligten Dörfern gemeinsam verwaltet, jedes Dorf wählt eine Vertreterin oder einen Vertreter zur Mitarbeit im Verein. Besonderes Augenmerk wird darauf gelegt, traditionelle spirituelle Werte und Praktiken in die alltäglichen Tätigkeiten und Entscheidungen im Kartoffelpark zu integrieren.
Im Rahmen der IBCHA-Vereinbarung haben die zum Kartoffelpark gehörenden Dörfer zugestimmt, einen Teil der »lebenden Bibliothek« ihres Wissens über die genetische Vielfalt der Kartoffeln mit Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern zu teilen. Durch ein spezielles Abkommen mit dem internationalen Kartoffelzentrum (CIP) – einer Non-Profit-Organisation für Ernährungssicherheit, die mit der Beratungsgruppe für Internationale Agrarforschung (CG IAR) zusammenarbeitet – hat der Kartoffelpark mehr als 200 seiner 900 lokalen Sorten an die Forschung weitergegeben. Er unterstützt zudem Versuche, neue Sorten zu entwickeln, etwa solche, die widerstandsfähig gegen klimatische Veränderungen sind.
Die Mitglieder des Kartoffelparks haben darüber hinaus Interesse, die Kartoffelsorten wieder anzusiedeln, die durch die modernen Methoden der Landwirtschaft verloren gegangen sind. Jegliche Patentierung genetischer Informationen lehnen sie ab, weil sie glauben, dass Kartoffeln heilig sind und allen gehören und die Patentierung mit privaten Eigentumsrechten nicht vereinbar ist. Das IBCHA-Abkommen wird von vielen als Modell für eine andere agrarökologische Kultur angesehen. Einerseits erkennt es den genuinen Rechtsanspruch der Bevölkerung an, über die Nutzung der Kartoffeln selbst zu bestimmen, und andererseits ermöglicht es sowohl moderne Forschung als auch die lokale wirtschaftliche Nutzung der Artenvielfalt.
Der Kartoffelpark erfüllt damit nicht nur die Funktion, die Kultur der Quechua zu erhalten und die wissenschaftliche Forschung zu unterstützen, sondern er bietet auch Raum für sozial und ökologisch verträgliche Formen wirtschaftlicher Entwicklung, wie etwa durch Ökotourismus, die Herstellung von Nahrungsergänzungsmitteln oder pharmazeutischen Produkten. Im Kartoffelpark gibt es einen Verarbeitungsbetrieb für Naturheilmittel und Seifen, ein Netzwerk lokaler Arzneimittelhändler und ein Zentrum für Videokommunikation. Es gibt ein offizielles Register der Biodiversität des Parks sowie eine eigene Handelsmarke mit rechtlich geschützter geographischer Herkunftsbezeichnung, was der indigenen Bevölkerung die Autorität über die wirtschaftliche Nutzung der lokalen genetischen Vielfalt sichern sollen. Frauen spielen eine Schlüsselrolle in den zahlreichen ökonomischen Aktivitäten des Verbandes der Dorfgemeinschaften im Kartoffelpark. Da gibt es etwa das »Sipaswarmi Frauenkollektiv für Medizinalpflanzen«, das Naturheilmittel und Seifen verkauft, oder die Frauenkooperative für Audio-Visuelle Medien »Tijillay T’ika«, die Videos über lokale Ressourcen in indigenen Sprachen produziert.
Auch wenn der Kartoffelpark weder durch die peruanische Gesetzgebung noch durch seine Mitgliedschaft in der Internationalen Union zur Bewahrung der Natur und natürlicher Ressourcen (IUCN) staatliche Anerkennung genießt, bedeutet das nicht, dass der Verein nicht rechtlich abgesichert wäre. Die IBCHA-Vereinbarung ist mit bestehendem nationalem und internationalem Recht kompatibel; sie soll ähnlichen Projekten entlang der »Route des Kondors«, einem dem Andenverlauf von Venezuela bis Argentinien folgendem Landstrich mit großer Sortenvielfalt, als Vorbild dienen. Einige Instrumente und Aktivitäten des Kartoffelparks haben schon rechtliche Bedeutung erlangt, etwa das Forschungsabkommen mit dem CIP oder die Datenbank des Kartoffelparks, die genutzt werden kann, um die Anmeldung von Patenten für Heilpflanzen oder indigenes Wissen zu verhindern.
Einige der wichtigsten Gesetze sind nicht formal oder vom Staat erlassen, sondern sie basieren auf dem Gewohnheitsrecht und der Tradition, in dessen Rahmen die agroökologischen und biokulturellen Praktiken lokal organisiert und umgesetzt werden und zwar so, wie das eine staatliche Gesetzgebung niemals vorgeben könnte. Das IBCHA-Abkommen ist ein Versuch, beide Rechtssysteme miteinander zu verbinden. Die nationale Gesetzgebung dient hierbei dazu, das kontextbezogene Gewohnheitsrecht anzuerkennen, so dass generationenübergreifendes Wissen und die dazu gehörenden Praktiken als rechtsgültig und praxiswirksam anerkannt werden können.
Schließlich ist die Kultur des Commoning der Quechua der zentrale stabilisierende Faktor. In der Ortschaft Chawaytire gibt es das Biorestaurant Papamanke, das von einer Frauenorganisation betrieben wird, die sich als die Hüterinnen indigener Traditionen und Rezepte verstehen. Sie sind auf dieses Erbe stolz und geben über das Restaurant das indigene Brauchtum weiter, ohne sich dem Tourismus anzubiedern. Als die Reporterin des Gourmet eine Kellnerin bat, eine der Kartoffeln aufzuschneiden, damit sie die Farbe sehen könne, lehnte diese mit der Begründung ab, eine Kartoffel anzuschneiden, ohne sie zu essen, sei eine Beleidigung für »pachamama«.
Diese Ehrerbietung, die dem modernen Denken irrational erscheinen mag, ist einer der Hauptgründe, warum die Quechua in der Lage waren, ihre biokulturelle Tradition sowie das verletzliche Ökosystem zu erhalten. Der Erfolg des Kartoffelparks wirft die Frage auf, ob nicht eher jene »Rationalität« auf den Prüfstand gehört, die meint, ein System biokultureller Vielfalt könnte in Gewinnerwartung geplündert werden.
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Aus: Welt der Commons. Muster gemeinsamen Handelns.
Hgg. von Silke Helfrich, David Bollier u. Heinreich-Böll-Stiftung
Artikelfoto: kovgabor79 / istock-photo
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