von Andreas Wagner (Brennstoff)
Das GEA-Pfingstsymposium 2019 war ein Erlebnis, nicht bloß ein Ereignis. Wie Kooperation, Reflexion und persönliche Begegnung gut zusammengehen; nicht „was ich alles bin“, sondern „was wir gemeinsam bewirken können“ stand vorne quasi als Leuchtschild dran, wohin des Wegs es geht. „Topisch“ (Heini) alle schon im Tun ihrer zivilgesellschaftlichen Projekte vorangeschritten, wehte der „Geist der Utopie“ (oder pfingstliches Pneuma), sprühte das Lichterspiel jener famosen, großen Idee, phantasie- und lustvoll in ein neues, besseres, menschlicheres gemeinsames Leben zu gehen. Es findig, klug und bewusst herauszugestalten. Unter dem Motto „Staunen – Denken – Tun“ hatte Heini ja angekündigt, dass „wir Leute und Gruppen einladen, die IM TUN stark sind, deren Versuche beispielhaft sind und deren Wirklichkeit eine ansteckende Wirkung entfalten möge“. Und so kam es auch.
Nicht nur das Wetter war herrlich. Freude, Leichtigkeit, Neugierde, Offenheit trugen alle rund 90 Teilnehmerinnen und Teilnehmer mit herein. Das Interesse an Austausch und persönlicher Begegnung war groß. Die Vielfalt der Themen, die Kreativität und Erfahrenheit der Teilnehmer beeindruckten, schafften Produktivität, Atmosphäre, Vergnügen. Das Wohlgefühl aller (schien mir) war jeden Tag wie ein Fluidum, in das wir getaucht waren, zu spüren. Es machte Spaß, dabei zu sein. Es waren sehr gelungene, gute Tage in Gemeinschaft.
Fritz Lietsch, der Münchner Herausgeber von „Eco World“ und der Zeitschrift „Forum – Nachhaltig Wirtschaften“, und Bettina Wegleitner, Berufscoachin „für Kopf und Körper“, moderierten das Symposium sehr erfahren, mit Takt und feinem Gespür. Das Tagesprogramm erhielt einen angenehmen Rhythmus und Flow, obschon höchst dicht. Der Wechsel von Plenum und Open Space (je vormittags und nachmittags) belebte die Gemeinschaft und die Vertiefung der persönlichen Diskussionen um großartige, zukunftsgewandte Projekte. Das ungeheuerliche Potenzial von Zivilgesellschaft und zivilgesellschaftlichem Engagement trat hier überall ganz direkt vor Augen. Also darf man, meine ich, durchaus euphorische Worte dafür finden.
Wolfgang Lalouschek, Universitätsprofessor für Neurologie an der Uni Wien, Coach und Buchautor, eröffnete am Freitagabend die Reihe der Plenumsvorträge, sprach über „planetYES“, die Vernetzungsplattform, die er international mitgestaltet. Mit Georg Dygruber (Projekt „Lebenswerte Gemeinde“, Salzburg, und Initiator des „Lösungs-Kongress bewusst gemeinsam leben“ im September) gestaltete er anderntags im Open Space den Workshop „Multiplikation von Wirkung“, der auf erweiterte regionale und globale Vernetzung fokussierte (u.a. Global Ecovillage Netwerk GEN, Global Campus, Dorf-Universität und eine „Landkarte der Partizipation“). Nach der Eröffnung des Symposiums durch Heini und Wolfgang Lalouschek entzückte in den Abend hinein mit Musik die ungarisch-österreichische „Gipsy Swing Company“ in der GEA-Jurte.
Den Pfingstsamstag eröffnete ein Plenumsbericht über „Riace“, jene süditalienische Dorfgemeinde, die Bürgermeister Domenico Lucano in einen blühenden, weithin bekannten Ort verwandelt hatte; dadurch, dass er in sein „aussterbendes“ Dorf afrikanische und arabische Flüchtlinge in großer Zahl umsorgend aufgenommen hatte. Domenica Lucano, der zum Symposium kommen wollte, wurde von Christiane Lüst (Stiftung „Riace Citta Futura“) und von Karl Heinz Jobst, beide aus Deutschland, vertreten. Auch die mutwillige Zerstörung und manipulierte Auflösung des zuvor so erfolgreichen integrativen Riace-Projekts durch die italienische Regierung, vor allem durch Italiens Innenminister Matteo Salvini von der rassistischen, rechtspopulistischen Lega Nord, wurde von ihnen dargelegt.
Im Workshop „Riace, unsere Antwort“ setzte Christiane Lüst dann im Open Space (unterstützt von Leila Dregger von der portugiesischen Gemeinschaft „Tamera“) die Diskussion und ihre Informationsarbeit fort. Karl Heinz Jobst trug die Riace-Erfahrungen in einen Workshop zur Frage, durch welche politischen und zivilen Aktionen und Maßnahmen sich Fremdenfeindlichkeit und politischer Populismus überwinden ließen (u.a. Grundeinkommen, Grundrente, Übertragung des Projekts Riace auf strukturschwache Landregionen in Deutschland und Österreich).
Laszlo Bogdan, der Roma-Bürgermeister von Cserdi in Ungarn, hatte ebenfalls zugesagt, zum Symposium zu kommen, um über seine großartigen kommunalen Reformen zu sprechen; erfolgreiche Reformen, die Cserdi umgekrempelt haben; und die aus Cserdi ein Musterbeispiel guten Zusammenlebens von Roma und Ungarn und einer landwirtschaftlich erfolgreichen Gemeinde machten, die allen ihren Bewohnern Arbeit gibt. Der ARD-Radiojournalist Stefan Ozsvath (Wien/Berlin), der über Cserdi und Laszlo Bogdan eine Sendebeitrag gebracht hatte, übernahm dessen Part im Nachmittagsplenum. Ozsvath ergänzte mit einem Vortrag über Viktor Orban, den rechtspopulistischen, antidemokratischen Ministerpräsidenten Ungarns, und seine Partei „Fides“, über die Ozsvath 2017 sein kritisches Buch „Puszta-Populismus“ publiziert hatte.
Auf die Plenarvorträge folgten Workshops im Open Space, die bereits am Samstag zahlreich, äußerst interessant und vielfältig waren. Es waren dies (zu den schon genannten): ein Workshop der steirischen „Cambium Community“ zu ihrem Projekt und Thema „Leben in Gemeinschaft“ (von Rafaela Walter Bachmann und Mitwohnern); ein Workshop zu „Gemeinschaftliche Landwirtschaft – SoLaWi / GELA / Windisch-Bauernhof“ (von Bettina Windischbauer; Wolfgang Brandauer; Herbert Wegscheider); ein Workshop zu „Unabhängige Medien“ (von John Morrissey, Wien); über das Mietsyndikat „habiTAT“, Wien; über alternative „Blockchains“ (von Thomas Wilfried); zu „Genossenschaften – Haftung von Vorstand und Aufsichtsrat“ (von Karl Staudinger); über „Nachhaltige Bildung“ (von Eugenia Lackey, Wings); über den kommenden „Lösungs-Kongress gemeinsam bewusst leben“ in Salzburg (von Georg Dygruber); zu „Bhutan – Hilfe für Aufbau“ (von Heidi Capuder); und zu „Neue Nachbarschaften (NeNa) / Dorfgenossenschaften“. Den sehr kompakten Tag beschloss ein Konzert der Musikerlegenden Peter Ratzenbeck und Zappa (Bluespumpn) im GEA-Hotel zur Sonne.
Am Pfingstsonntag gab’s ein Splitting der Vorträge im Plenum. Zunächst präsentierte sich (vertreten durch Richard Fetscher, Christa Maier) der (2014-2016 unter besonderer Mitwirkung von Heini gegründete) Genossenschaftsverband Rückenwind (Förder- und Revisionsverband gemeinwohlorientierter Genossenschaften); sodann die Cambium Community zur „Vermögenspool-Finanzierung“, mittels derer sie 2,2 Mio. Euro zur Projektfinanzierung aufbringen konnte. Am Nachmittag sprach Anton Erlacher vom „Bienenschutzgarten“ über das Bienensterben, die es verursachenden Pestizide und die skandalöse Industrielandwirtschaft; danach berichtete Leila Dregger von der Gemeinschaft „Tamera“ in Portugal von ihrem erfolgreichen „Defend the Sacred“-Projekt gegen Erdölbohrungen vor der portugiesischen Atlantikküste.
Der Fleiß im Open Space setzte sich auch am Pfingstsonntag fort. Auf die Plena folgten Workshops zu „Leben in Gemeinschaft – Tamera“ (Leila Dregger); zu „Genossenschaftsbanken“; zu „Gemeinwohlorientierung“ (Rückenwind + GWÖ-Bewegung); zu „Riace 2.0“ (Christiane Lüst; Leila Dregger); zu „Lovingshire: Permapark, biologische Landwirtschaft“ (Ully Leitner, Helmut Doppelhofer); zu „Finanzierung, Erhaltung und Stärkung der Kleinbauern“ (Bettina Windischbauer + Demetergut Adam); zur „Gründung von Genossenschaften“ (Karl Staudinger); zur „Werkstatt Wohnmobil – WeWoMo“ (Christian Haas, Isolde Weiss); zur „Chancenfabrik Mensch + Maschine“ (Dietmar Klement); zum „Knoblauchwunder von Hittisan“ (Wilfried Flatz); sowie zu „Neuer Landwirtschaft“, „Medienalternative Gratiszeitungen“ und zu „Solidarität schafft Raum“ (Mietsyndikat habiTAT).
Am Abend spielte das österreichisch-ungarrische Musikerduo Isabella Krapf und Karoly Berki virtuose Musik; und Heini begleitete das Konzert in der Jurte mit einer ausdrucksstarken Lesung von Gedichten (Friedrich Achleitners).
Den Abschluss bildete am Pfingstmontag der schon traditionelle gemeinsame Spaziergang in Stille zum Bill Gates-Teich im Wald nördlich von Schrems; mit kühlender Schwimmrunde. Die emotionale Abschlusszeremonie leitete dort dann Leila Dregger (Tamera).
Ein letztes Mal ging’s dann zurück; im Restaurant des GEA-Hotels zur Sonne gab’s Applaus für die phantastische Küche (für die Köche und alle im Einsatz dort); großen Dank auch an Renate (GEA Akademie) und alle, die mit ihr das Symposium rundum großartig organisierten. Und besonderen Dank an Heini, der es vermochte, all diese Menschen zusammenzubringen und sie zu inspirieren.
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weitere Infos, Fotos und Videos gibt’s ab Ende der Woche auf unserer Website:
Pfingstsymposium 2019
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