Ein Traumgespräch mit Ute Karin Höllrigl, begleitet von Sylvia Kislinger
sylvia kislinger Liebe Ute Karin, du hast dich ursprünglich für die Juristik entschieden. Wer oder was hat dich aus dieser Welt der irdischen Wirklichkeit hin zu den Träumen geführt?
ute karin höllrigl Ich bin in meiner Zeit als Untersuchungsrichterin in Schaffhausen mit dem Leid der Gefangenen ganz unmittelbar in Berührung gekommen. Jugendliche Straftäter wurden aus der Zelle zu mir ins Verhör gebracht und mussten danach sofort wieder zurück in die Zelle. Das war unerträglich. Der Weltschmerz und mein Gerechtigkeitsgefühl, die mich zunächst zum Studium der Jurisprudenz gedrängt hatten, drängten mich nun, meine Gaben in den Dienst einer persönlichen Arbeit mit Menschen zu stellen. Daraufhin habe ich ein Pro Bono-Projekt mit vier jugendlichen Straftätern begonnen und bin 3 Jahre lang jede Woche auf eigene Initiative und unentgeltlich ins Gefängnis gegangen, um mit ihnen zu arbeiten. Und dieser Versuch der Heilung ist gelungen. Sie haben nach ihrer Haftentlassung drei Monate in unserer Familie gelebt und sind aus ihrem negativen Kreislauf herausgekommen. Von dieser Startmöglichkeit aus begannen sie eine Lehre und gründeten später eigene Familien. Aus dieser Arbeit heraus spürte ich, dass ich noch Psychologie studieren muss und entschloss mich, eine Analyse zu machen. Ich komme also zu meiner Analytikerin und sag’ ihr, ich hab eine Ahnung, dass ich Psychologie studieren muss. Und dann sagt sie mir, Psychologie könne man nicht studieren, dazu müsse man berufen sein. Wenn ich nicht einen Traum dazu hätte, könne sie mich am C. G. Jung-Institut sowieso nicht empfehlen. Und dann ist ein paar Tage später das Wunder passiert, dass ich einen unglaublichen Berufungstraum mit C. G. Jung persönlich hatte. Er hat mich angesehen und mir mit seinem Blick gesagt: »Du musst das tun! Geh!« Und dann hab ich noch einmal studiert und bin jetzt seit 35 Jahren glückliche Analytikerin – begeistert wie am ersten Tag.
sylvia kislinger Eines deiner Bücher heißt »Die goldene Spur«. Ist diese goldene Traumspur die Fährte zu unserer Innenwelt?
ute karin höllrigl Im Symbol des Goldes zeigt sich die zeitlose, heilende Spur in uns, die eigentlich schon in unserer Kindheit beginnt, aber uns nicht bewusst ist. Besonders in unserer Lebensmitte ist von uns gefragt, uns ihrer bewusst zu werden, sie zu sehen, sie später immer mehr zu lieben und sich ihr hinzuwenden. Es ist alles da, aber wir haben uns darüber bewusst zu werden. Das, was C. G. Jung so betrübt, ist, dass wir den Reichtum, der in unserem Unbewussten da ist und sich in der Kunst wie in unseren Träumen zeigt, einfach nicht schöpfen und so die Schattenseiten dominant werden lassen. Die Gesamtenergie ist konstant und wenn wir die Lichtzeiten nicht schöpfen, werden die Schattenseiten übergewichtig. C. G. Jung er kannte, dass das Göttliche an uns die Waage ist. Ich hab’ wirklich eine uralte Waage in meiner Wohnung und schau jeden Tag, auf welcher Seite ich ein Schäufelchen nachlegen muss. Und warum ist es das Göttliche in uns? Weil wir als Menschen die Fähigkeit haben, mit diesen Gegensätzen umzugehen, die Seiten abzuwägen und zu wandeln.
sylvia kislinger Unsere Sprache bedient sich so gerne des Traumes. Immer dann, wenn es gilt, die Grenze des Positiven in Richtung Superlative zu sprengen, wird es »traumhaft«. Das gilt fürs Wetter ebenso wie für die Frauen, die Männer, die Schiffe, die Zahlen ... einfach für alles unbeschreiblich Großartige, wofür uns in unserer Sprache die Worte fehlen.
ute karin höllrigl Jetzt, wo du das sagst, wird mir wieder bewusst, dass ja das Umgehen mit den Träumen wirklich etwas Visionäres, Heilendes, Großartiges ist. Der Mensch projiziert unbewusst in die äußere »Traumfrau« sein eigenes Ideal, das nicht selten zu Spannungen und Enttäuschungen führt. Das Phantastische ist, nicht nur wir haben eine Sehnsucht nach Vertrauen, nach Geborgenheit, nach angenommen und geliebt werden, sondern auch die Liebe, das Vertrauen, die Freude hat eine unglaubliche Sehnsucht, bewusst zu werden. Nicht nur in glücklichen Momenten, sondern auf einem lebenslangen, achtsamen Weg.
sylvia kislinger Du lehrst uns in deinen Seminaren, die Sprache unserer Träume zu verstehen. Gibt es in der Traumsprache auch so etwas wie Vokabeln und Grammatik, die uns helfen, ihre Bedeutungen und Inhalte zu entschlüsseln?
ute karin höllrigl Verstehen setzt voraus, bereit zu sein, sich seinen Träumen zuzuwenden. Ich muss mich ihnen öffnen, und dafür ist mein Einsatz notwendig. Wie für jeden Beruf auch. Dieser innere Weg ist unsere Berufung und jeder Beruf und jede Berufung braucht eine Lehrzeit. Eine unserer Berufungen ist es, Mensch zu werden und das heißt, unsere Schattenseiten kennenzulernen und zu wandeln, um die großen Verheißungen, den großen Reichtum, den wir in uns tragen, schöpfen zu können. Ich hab immer gedacht, es ist selbstverständlich, wir müssen lieben können, wir müssen vertrauen können, mir müssen uns freuen können, wir müssen in Frieden sein. Aber jetzt habe ich begriffen, dass es unser Auftrag als Mensch ist, die Lichtseiten zu schöpfen, damit wir lernen, mit den Schattenseiten umzugehen. Und Licht bedeutet, dass wir uns überhaupt bewusst werden, was wir in uns tragen und einen übenden Weg damit gehen.
Wenn man träumt, soll man auf nichts verzichten.
Honoré de Balzac
sylvia kislinger Deine Traumseminare sind der Schlüssel zu einer Tür, die uns eine Welt eröffnet, die unermesslich groß und reich ist und die dennoch den meisten Menschen unerkannt bleibt. Beeinflussen uns unsere Träume auch, wenn wir uns ihrer nicht bewusst sind?
ute karin höllrigl Wir wachen in der Früh so auf, wie unsere Träume sind, das ist uns ja gar nicht bewusst. Wir sagen: »Ach, heute bin ich schlecht drauf.« Dann sind wir meistens schlecht drauf, weil wir einen Albtraum hatten oder: »Mei, heut’ ist ein super Tag!« Dann hatten wir meistens einen Traum, in dem wir uns verlieben. Wir tragen ja ein ungeheures Liebesmeer in uns, einen Liebesozean. Eine unserer Lebensaufgaben ist es, uns immer tiefer mit diesem Ozean zu verbinden. Und das geschieht über Traumbilder, in denen diese verliebte Energie angezapft wird. Dann wachen wir auf und sind eigentlich in das Leben verliebt. Ich bin tief davon überzeugt, dass das Verliebtsein unser erster großer Traum über unser Wesen ist und dann ein lebenslanger Weg beginnt, in dem wir versuchen, diesen großen Traum in unser Leben einzubringen. Dass Lieben eine Kunst und ein Übungsweg ist, ist uns Menschen zu wenig bewusst.
sylvia kislinger Du hast mir erzählt, dass du immer ein Notizbuch und einen Stift neben deinem Bett liegen hast, damit du dir beim Erwachen Stichworte zu deinen Träumen notieren kannst. Das schützt verlässlich vor dem Vergessen und genügt zum Erinnern. Darf ich dich zum Abschluss unseres Gespräches um einen Traum von dir bitten, an den du dich ganz besonders erinnerst?
ute karin höllrigl Ich hatte in der Zeit einer Krankheit, im Kloster St. Gerold, einen wichtigen Traum: Ein unglaublich liebevoller Energiestrom kommt über mich und trägt mich nach oben. Aber ich muss wieder zurück auf die Erde. Dort angekommen, gehe ich weiter auf meinem Weg und komme zu einem Haus. Und in diesem Haus ist mein ganzer Lebensweg aufgezeichnet. Ich gehe also in diesem Traum noch einmal meinen Lebensweg ab. Und wie ich ihn durchgehe, kann ich auf dem Weg Lahme heilen, Blinden die Augen öffnen; ich kann einfach dadurch heilen, dass ich meinen eigenen Schicksalskreis abgehe und durchlebe. Und am Ende des Hauses begegne ich einer mephistophelischen Gestalt. Und ich weiß, sie wird immer stärker sein als ich und ich kann mit ihr nicht kämpfen. Und dann hatte ich einen Traum im Traum: ich solle spielerisch und mit Humor mit dieser Gestalt umgehen. Ich gehe also immer wieder ein paar Schritte vor und wieder zurück, wie beim Fechten. Dieses Spiel treibe ich eine zeitlang und plötzlich tut sich in der Erde ein Spalt auf und die Gestalt versinkt. Ich bin total glücklich, aber schon tut sich die Erde wieder auf und die Gestalt kommt erneut heraus. Und ich denk’, oh Gott, jetzt muss ich alles noch einmal machen. Und dann nimmt sie mich überraschend auf ihre starken Arme und trägt mich aus dem Schicksalshaus heraus. Dabei taucht wieder diese unfassbare Kraft auf und trägt mich nach oben. Seither ist mir bewusst, dass wir ein ewiges Werden in uns tragen. Darin sind wir im Kreislauf des »stirb und werde« in unserer goldenen Spur als Mensch gefragt.