Hoch lebe die Eutopie, sagt Huhki
Hoch lebe die Eutopie, sagt Huhki
Brennstoff Nr. 73 | | 02.07.2026

Eutopie und Dystopie

„U-topia“ [altgrch. „Nicht-Ort“] hieß der gefeierte Roman von Thomas Morus, in dem der englische Humanist und Staatsmann eine ideale Form des Zusammenlebens schildert, wo Gemeinbesitz und gemeinsame rationale Entscheidungen die Gesellschaft prägen. Das 1516 erschienene Buch war so erfolgreich, dass eine ganze Literaturgattung danach benannt wurde. Morus zeigt sich darin auch als entschiedener Gegner der Todesstrafe, welche er übrigens 1535 selbst erlitt, weil er Heinrich VIII. den Religionseid verweigerte. Der Begriff „Dys-topisch“ wurde dagegen am 12. März 1868 durch John Stuart Mill in einer Parlamentsrede im britischen Unterhaus öffentlich gemacht; der Philosoph meinte, dass die Zukunftsvisionen seiner Gegner schlicht zu schlecht waren, um jemals einzutreten. Die „Eutopie“ meint dem gegenüber schöne und gute Zukunftsaussichten.

Die ersten Europäer, die mit den Indigenen in Kontakt kamen, staunten über ihre Gesellschaftsform, die viel egalitärer war als die europäische. Schon Thomas Morus fand Gesprächspartner, die ihm von dieser neuen anderen Welt erzählten. Sein „Utopia“ fand darin so manchen Impuls. Rousseau´s Gesellschaftsvertrag ebenso. So wurden diese Erlebnisse mit den Indigenen Wegbereiter für die Gedanken von Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit. Hei

Die Ent-Entfremdung der Menschheit...

Das Schöne an der Utopie, besonders wenn sie „Eutopie“ ist: Man muss sie nicht in jeder Einzelheit „beweisen“; aber eine gewisse Stringenz der Vision tut ihr schon gut. Es geht um die Zeit, da das „Philosophieren“ so alltäglich und vertraut sein wird, wie vormals das Diskutieren und Argumentieren. Gelingt es, so wäre auch ein jahrhundertealtes Projekt seiner Vollendung näher gekommen: die Ent-Entfremdung der Menschheit...

Die Überlebensform.

Die totale Digitalisierung, die Machtergreifung des „überhandnehmenden Maschinenwesens“, das Goethe „quält und ängstigt“, denn es „wälzt sich heran wie ein Gewitter“, ist schon im Gange. Doch ich bin guten Mutes: Wenn auch noch so viele Lebensbereiche – Literatur, Kunst, Wissenschaft – durchalgorithmisiert und so dem menschlichen „Reich der Freiheit“ entzogen, entfremdet werden; das Philosophieren bleibt unberechenbar. Die Philosophie ist digital niemals zu bändigen. Sie ist die Zitadelle des analogen Widerstands. Ich meine: nicht als Doktrin, die von einem Lehrstuhl herab verkündet wird; vielmehr: das „philosophische“ Alltagsverhalten als allgemeine Lebensform.

Würfelbecher der Geschichte

Immer wieder erlebten Einzelne oder Gruppierungen, manchmal ganze Kulturkreise, wie alle Werte und Sicherheiten im Würfelbecher der Geschichte durcheinander geschüttelt wurden und waren gezwungen, das Unsagbare neu an- und auszusprechen, dieses unfassbar Flüssige in neue Wortformen zu gießen, das heißt: zu philosophieren.

Weltfremde Träumer

Deshalb ist die Philosophie, bin ich überzeugt, so alt und so tief in uns verwurzelt, wie die Sprache selbst. Sie ist das geistige Überlebensmittel, wenn die sprachtragende Lebenswelt Risse bekommt. Denn, wer philosophiert, bedient sich schon der Begriffe von morgen, die nicht zu den brüchigen Lebensformen von heute passen – deshalb wirken philosophisch aktive Menschen noch heute wie weltfremde Träumer, doch sie sind nur fremd in der Welt, die sich – das spüren sie deutlich -wandelt; heimisch aber vielleicht schon in der Welt des nächsten Tages...

Das „Digital“

Digitalität ist unser Kunstprodukt. Und dieses Erzeugnis unseres gemeinsamen Scharfsinns steht knapp davor, uns kulturell und intellektuell zu enteignen.

Dabei war der Einsatz von Dualzahlen, um monotone Prozeduren automatischen Programmen zu überlassen, eine ursprünglich sehr menschenfreundliche Idee. G.F. Leibniz hat sie im 17. Jhdt. ausgearbeitet und damit den Grundstein für die K.I. gelegt. Dass das Projekt schließlich nicht den Menschen von überflüssiger Arbeit befreit, sondern die Arbeit von überflüssigen Menschen konnte er nicht ahnen.

Mit ‚Kapitalismus‘ allein kann man die Entwicklung, die uns heute überrollt, nicht mehr auf den Punkt bringen. Das Kapital ist umgezogen, vom Geldspeicher in den Datenspeicher, von dort aus greift es uns zangenartig in der Arbeits- und Freizeit zugleich an; eine anonyme und doch ganz nahe Macht. Man könnte fast vom ‚Digital‘ sprechen…

Repräsentative Zukunftshoffnung

Seit Beginn der 20er dieses Jahrhunderts hat das Interesse an philosophischen Lösungen für „digitale“ Probleme massiv Fahrt aufgenommen. Dass schon ein beachtlicher Teil der Bevölkerung die Philosophie als Orientierungshilfe in Zeiten digitaler Verunsicherung betrachtet, belegt eine Studie von Dr. Michael Rasche im Auftrag des VPU (Verband für Philosophie und Unternehmensberatung (Was denken Menschen über Philosophie?; 2025), die als repräsentativ für Europa gilt: Satte 29% der Befragten sehen sich als „Bewunderer“ der Philosophie, 18% sogar als „aktive Enthusiasten“, immerhin gut die Hälfte zählt sich zu den „Gelegenheitsphilosophen“. Für gut ein Drittel ist sie das Tool für kritisches Denken, 28% plädieren für Philosophieunterricht bereits in der Grundschule.

Rousseau: Archetyp des utopischen Rebellen

L‘homme est né libre et partout il est dans les fers – „Frei geboren ist der Mensch und liegt überall in Ketten!“ - Denn im unsichtbaren Käfig der Zivilisation ist er hors de lui – außer sich, entfremdet, Opfer der Aliénation, was bedeutet: das Individuum beginnenden der Moderne ist sein eigenes „Alien“, jede/r spielt wider Willen die Hauptrolle im privaten Gesellschaftsgruselstück...

Der Schöpfer dieser unerhört radikalen Wortgranaten, die Bastionen gefestigter Dogmen in die Luft jagen: Jean Jacques Rousseau. Er schlägt die Nation für Jahrzehnte in Bann und wird zum Säulenheiligen der Französischen Revolution. Selbst der gefürchtete Robbespierre pilgert zum Grab Rousseaus, um sich quasi Rat aus dem Jenseits zu holen.

Vorwärts zurück zur Utopie!

Wir sind durch die Droge des vermeintlichen "Fort-Schritts" (noch ein Schritt und fort sind wir) in einem Horrortrip gefangen, nur, dass dieser psychedelische Alptraum diesmal nicht einzelne, sondern viel zu viele in sich zieht. Ein globaler Trip mit allem was dazu gehört: massenhafte Panikattacken, kollektive Depersonalisation, allgemeiner Verfolgungswahn und am Ende überwältigende gemeinsame Einsamkeit... Das ist die Stunde einer Philosophie, die dafür sorgt, dass es gar nicht so weit kommt!

Die globale Alternative

Wir stehen vor dem Zerfall der globalen Ökonomie in zwei Weltwirtschaften: die eine im Dienste eines Datenkapitalismus, bestrebt, das letzte Byte an Grenznutzen aus dem Individuum herauszuquetschen; die andere eine Assoziation freier Personen im weltweit fairen Naturalientausch. Für die eine ist das Internet unabdingbare Bedingung; für die andere nur eine unter vielen Möglichkeiten. Und, da bin ich sicher: die letztere wird schließlich die letzte und einzige sein: denn Einsen kann niemand essen und Nullen taugen nicht zur Kleidung. Das Gemachte, in den Algorithmus Gezwängte, die Deepfake - wirtschaft wird unterliegen. Der kybernetischen Herren werden zu wenig und der Datensklaven zu viele, um eine Herrschaft aufrecht zu erhalten, deren Mechanismus die digitalen Machthaber selber keineswegs durchblicken. Und das Gesetz der Konzentration sagt unerbittlich: Diese Übermächtigen werden tendentiell immer weniger, weil sie sich gegenseitig ausdünnen, marginalisieren, weil der Billionär den einfachen Multimilliardär aus dem globalen Casino jagt.

Eichendorff: der romantische Revolutionär

Joseph von Eichendorff [„Aus dem Leben eines Taugenichts“] zeichnet in „Ahnung und Gegenwart“ (1812) eine beklemmende Zukunftsvision mit schließlichem Happy End:

„Denn aus dem Zauberrauche unsrer Bildung wird sich ein Kriegsgespenst gestalten, geharnischt, mit bleichem Totengesicht und blutigen Haaren...

Aus ihren Fugen wird [die Welt] noch einmal kommen, ein unerhörter Kampf zwischen Altem und Neuem beginnen, die Leidenschaften, die jetzt verkappt schleichen, werden die Larven wegwerfen, und flammender Wahnsinn sich mit Brandfackeln in die Verwirrung stürzen, als wäre die Hölle losgelassen...

Wunder werden zuletzt geschehen, um der Gerechten willen, bis endlich die neue und doch ewig alte Sonne durch die Greuel bricht, die Donner rollen nur noch fernab an den Bergen, die weiße Taube kommt durch die blaue Luft geflogen, und die Erde hebt sich verweint, wie eine befreite Schöne, in neuer Glorie empor. Wer von uns wird das erleben?“

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