Wenn die Welt nach Hause kommt
Wenn die Welt nach Hause kommt
Brennstoff Nr. 39 | Barbara Pachl-Eberhart | 10.07.2026

Friedensnobelpreisträgerin Leymah Gbowee war zu Besuch im niederösterreichischen Rabenstein an der Pielach. Eine persönliche Begegnung, erzählt von Barbara Pachl-Eberhart

»DU GLAUBST, EIN PROBLEM ist weit weg, am anderen Ende der Welt? Gott hat Humor: Es dauert nicht lang, und er bringt das Problem direkt vor deine Haustür.« Wie wahr. Und wie gut, dass Gott nicht nur Probleme vor unsere Türen setzt, sondern auch Menschen, die uns lehren können, wie man Probleme löst. Leymah Gbowee, Friedensnobelpreisträgerin, Liberianerin. Eine der ganz großen, inspirierenden Frauen unserer Zeit. Bis zum März 2014 wusste ich nicht einmal, dass es sie gab. Und als ich zum ersten Mal von ihr hörte, ordnete ich sie sofort ein: in die illustre Riege der großen Persönlichkeiten, die erstens auf einem Podest und zweitens irgendwo weit weg am anderen Ende der Welt sitzen. Unerreichbar. Beinahe künstlich. Fremd, größer, ganz anders als ich. Heute, beim Schreiben dieser Zeilen, denke ich wieder an Leymah Gbowee. Sie ist nicht nur eine Freundin und Schwester, die mir in den wenigen Stunden unseres Zusammenseins eng ans Herz gewachsen ist, sondern mehr noch: Sie steht für ein Prinzip. Für ein Wissen, das mit ihr in mein Haus getreten ist und bis heute lebhaft durch Luft und Räume weht.

»Wir suchen Vorbilder, und wir haben uns angewöhnt, dabei nach oben zu schauen. Zu denen, die gut gekleidet sind und sich eloquent ausdrücken. Wir erkennen nicht, dass jeder Mensch die Kraft hat, Frieden zu bringen. Keiner von uns Friedensobelpreisträgern wurde mit einem Stern in der Hand geboren. Wir sind ganz normale Menschen, die eines Tages gesagt haben: ›So, jetzt ist es aber genug.‹« Leymah Gbowee: Eine große Frau und ... ein ganz normaler Mensch. »Eine Sünderin«, wie sie selbst sagt, »die im Traum den Auftrag bekommen hat, Frauen zum Gebet zu versammeln, um den Krieg zu beenden. ›Das kann ich nicht‹, sagte ich zu meinem Pfarrer. ›Wer die Botschaft empfängt, hat auch die Kraft‹, antwortete er.«

Der Krieg, für dessen Ende Leymah Gbowee verantwortlich zeichnet, ist der Bürgerkrieg in Liberia, der von 1989 bis 2003 tobte und Grausamkeiten offenbarte, an die wir, vom Frieden verwöhnt, nicht einmal denken möchten. Wie kann es gelingen, inmitten von Vergewaltigungen, Brutalität und Willkür nicht zu verzweifeln? Woher nimmt man die Kraft, sich den Warlords zu stellen und sogar mit ihnen zu sprechen? Das fragte ich Leymah im Gespräch, das wir im Gemeindezentrum von Rabenstein an der Pielach vor Lehrern, Maturanten und zahlreichen anderen Gästen führten. Und wie es für jede ihrer Antworten charakteristisch war, schlug sie sofort eine Brücke, hin zu jedem von uns. Wie man das macht ? Das darf keine Frage an eine Macherin sein, keine staunende Erkundung eines fremden Wesens namens »Nobelpreisträgerin«. Nein: Diese Frage muss in Wahrheit an uns selber gehen, die Antwort muss uns betreffen, in unserer täglichen Lebensrealität. Leymahs Antwort trifft: »Frieden, das ist Schwerstarbeit. Und diese Schwerstarbeit besteht darin, dass wir dem Menschen, der uns jetzt gerade am nächsten ist, ein kleines bisschen anders begegnen als wir es für gewöhnlich tun.«

Leymah Gbowee begegnete den Frauen, die im Jahr 2002 mit ihr zu beten begannen, mit Hoffnung und Zuversicht. Sie hörte die Geschichten, jedoch nicht als Geschichten der Not, sondern als persönliche Zeug nisse der Kraft. Sie bemerkte und bekräftigte vor allem das »Aber«, das »Trotzdem«, das »Ich wünsche mir, dass ...« Gemeinsam begannen die Frauen zu singen, um Frieden zu beten. Tausende Frauen. Monatelang. Am Rand der Straße, auf der Diktator Charles Taylor jeden Tag zur Arbeit fuhr. Irgendwann wurden die Frauen in Taylors Palast geladen, um ihm eine Petition zu überreichen. Wieder frage ich mich, frage ich Ley mah Gbowee: Was sagt man, wenn man ahnt, dass man nur wenige Worte sprechen darf ? »Ich hatte keine Ahnung. Doch dann kamen die Worte wie von selbst aus meinem Mund. Ich sprach einfach aus, was unser aller Wahrheit war, ich sprach im Namen aller versammelten Frauen: ›Wir, eure Mütter, die Mütter eurer Kinder, sind müde. Wir sind zu müde, um weiter zu rennen, zu müde, weiter zu weinen, weiter zu hungern. Wir sind es müde, uns vergewaltigen zu lassen. Wir sind es müde, unsere Kinder zu verlieren. Bitte beenden Sie den Krieg.‹« So klar und einfach waren die Worte, die den Ball ins Rollen brachten.

Viele beherzte und sehr menschliche Schritte später geschah endlich das, worum die Frauen gebetet hatten: Liberias Kriegsparteien unterzeichneten einen Friedensvertrag. In einer öffentlichen Wahl wurde Ellen Sirleaf als erste Frau in der Geschichte Liberias zur Präsidentin gekürt, sie hat dieses Amt noch heute inne. Die Geschichte von Leymah Gbowees Einsatz für den Frieden ging an diesem Tag jedoch nicht zu Ende. Der Krieg, gegen den sie sich heute engagiert, ist nicht weniger grausam, doch hat er seine scharfen Grenzen verloren. »Wir sind aus einer Zeit, in der Krieg etwas war, das zwei Länder miteinander führten, in eine Zeit eingetreten, in der Krieg innerhalb einzelner Länder tobt. Und, mehr noch: Der Krieg ist eingezogen in unsere Häuser, unsere Gemeinden. Der Zustand der Welt ist besorgniserregend, denn er verliert mehr und mehr an Menschlichkeit.«

Ihre Worte rütteln auf, sie erlauben es nicht, sich zurückzulehnen, als säße man vor der Zeit im Bild. Doch es wäre nicht Leymah Gbowee, würde sie uns nicht schon im nächsten Satz wieder Hoffnung schenken – keine abstrakte Hoffnung, sondern konkrete Nachhilfe für Liebe und Leben. Sie erzählt von ihren eigenen Kindern, zu Hause, da, wo Friedensarbeit beginnen muss. »Denn wie sollen wir einen Frieden bringen, den wir selbst gar nicht haben? Ich kann doch auch keine tausend Dollar verschenken, wenn ich sie nicht habe.« Leymah erzog ihre Kinder im Geist des Teilens und der gemeinsamen Freude. »Ich konnte mir keine Schuhe für meine Kinder leisten. Jedes Jahr hat nur eines meiner sechs Kinder neue Schuhe bekommen. Ich habe dann alle sechs zusammengerufen, um ein Dankgebet für die neuen Schuhe zu sprechen. Heute sind meine Kinder erwachsen. Und sie teilen auf facebook ihre Freude über jeden Artikel, jeden Erfolg ihrer Geschwister. Da ist kein Neid, keine Gier. Sondern das, was Desmond Tutu ›Ubuntu‹ nennt: Ich bin, weil wir sind.«

Feiern, wenn etwas gelingt. Helfen, wenn einer etwas braucht. Und sich versöhnen – nicht im abstrakten Sinn, nicht, indem man es irgendwie gut sein lässt, sondern indem man sich ein Herz fasst, seine Gefühle ausspricht und bewusst auf die Macht, die man als Opfer hat, verzichtet, um in Freiheit weiter zu gehen. Das ist die Grundschule des Friedens. Und – wenn man es wirklich lebt – die höchste Stufe, das Diplom.

Sind wir stark genug, einen Frieden zu verwirklichen, der mehr ist als die Abwesenheit von Krieg und Konflikt? Einen alltäglichen Frieden der Freude, der Ehrlichkeit und Großzügigkeit? »Natürlich. Wir müssen nur aufhören, uns selbst zu erzählen, dass wir in einer schlechten Welt leben.« Sagt Leymah Gbowee. Das Publikum erhebt sich zu Standing Ovations. Und weiß: Leymah und ihre Botschaft werden bleiben, auch wenn sie selbst schon morgen weiterreist. Wohin? Das andere Ende der Welt ist näher gerückt. Afrika, Amerika, Europa ... Zu Hause, das ist überall. Überall ist ein Ort, an dem Frieden, durch jeden von uns, täglich neu ge boren wird. Werden darf. Werden muss!

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ein Artikel von

Barbara Pachl-Eberhart

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