Erstens: Frauen erhöhen die Diskussion um Qualität
SEIT EINIGEN JAHREN setzt sich die Musikabteilung des früheren Bundesminis teriums für Kunst und Kultur, jetzt das BKA, dafür ein, dass mehr Kompositionen von Frauen in den Konzertsälen Österreichs zu hören sind. Die Aktion ist dramaturgisch sorgfältig vorbereitet und in verschiedenen Phasen unterstützt – von moderierten »Speed-Datings«, die Komponistinnen und Menschen aus der Musikszene zusammen bringen bis zu Förderungen an Ensembles, die in ihrer Auswahl Kompositionen von
Frauen stärker als bisher berücksichtigen. Der Erfolg ist hörbar und zugleich ein Ärgernis. Auf einmal werden in der Szene skeptisch Par tituren herumgereicht, es wird auf die Kindlichkeit des Komponierens oder auf die Mangelhaftigkeit der Arbeit hingewiesen, es wird die kümmerliche Qualität beklagt und das erschreckende Niveau dieser Frauen-Kompositionen. Ohne den Kritikern zu unterstellen, dass sie sich ausgebotet fühlen, und daher der Neid aus ihnen spricht, fallen doch Sätze wie: »Die Komponistin ist nur hübsch, die Komponistin verkauft sich gut, die Komponistin profitiert von der neuen politisch gesteuerten Förderung«.
Mich als Musikjournalistin interessieren Qualitätsdiskussionen ganz besonders; sie werden viel zu wenig geführt, viel zu selten erfahre ich von Kennern der neues ten Musik, an welchen Kriterien man die Kunst, die Ernsthaftigkeit, die Qualität messen könne. Ich vermisse all diese Diskussionen um die Parameter zur Auswahl eines Konzertprogramms – und ich vermisste sie in all den vergangenen Jahrzehnten. Dann, wenn Kompositionen von Funktionären oder anderen leitenden Herren der Musikszene gespielt wurden, war da nicht auch manch einem oder einer im Publikum klar, dass neben der Qualität möglicherweise andere Gründe für die Auswahl bestanden? Neue Musik auswählen, das bedeutet auch die Biografie auswählen, die politische Haltung des oder der Komponierenden, die Verbundenheit von ihr oder ihm in Organisationen oder bündischen Strukturen und die Sympathie der Auswählenden für dieses Zusammenspiel der gesellschaftlichen und künstlerischen Momente, wie es sich in einer Komponistin findet.
Zweitens: Frauen erhöhen die Frage nach Sparsamkeit
Ohne sich jetzt mit dem mangelnden Budget für die Genderprofessur der Universität Wien lange aufzuhalten, und auch über die Tatsache mit Leichtigkeit springend, dass gerade dieses Uni-Budget alljährlich neu mit dem Minister verhandelt werden muss, sind es die AbsolventInnen dieses Genderstudiums der Universität Wien, die wesentliche Veränderungen in der Gesellschaft in die Wege leiten. Sie sorgen im Verwaltungsbereich unseres Staates für eine Sprache, die die Realität abbildet und jegliche Diskriminierung aufgrund von Geschlecht, Hautfarbe, sexueller Orientierung oder anderer Merkmale verhindert. Was die österreichische Wissenschaft noch nicht als Voraussetzung des klaren Denkens fordert, nämlich eine Sprache, die Männern und Frauen gerecht wird, hat sich die Verwaltung auf Bundes- und Landesebene auf ihre Fahnen geschrieben. Das führt, spät aber doch, zu Veränderungen. Zum Beispiel zu jener:
Im August erbosten sich die Leser des Boulevards darüber, dass die vorhandenen Strafzettel für Verkehrsvergehen vernichtet würden, weil sie mit Monatsbeginn die Formulierungen für beide Geschlechter enthalten mussten. »Unnötige Arbeit, andere Sorgen, Verschwendung, Erschwerung der normalen Arbeit« beklagten die Beamten; es hätte sich doch ohnedies keine Angesprochene bisher beschwert, in Zeiten der Budgetnot und Asylkrise wären die Beamten der österreichischen Polizei überfordert und belästigt mit dieser Neuerung.
Die Sparsamkeit der Sprachverweigerer und Frauenverachter äußert sich im Netz auch am Dienstposten einer Genderbeauftragten des österreichischen Bundesheeres. Eine Website »Opinionnotes« reiht die Schaffung des Dienstpostens einer Genderbeauftragten unter das Schlagwort »Verantwortungslose Verschuldungspolitik«, unter »Verunstaltungspolitik« und »Skurrilität«. Die Kritiker einer Gender-Politik des österreichischen Bundesheeres übersehen die Innovationskraft des Heeres, die – sie mögen es nicht gerne hören – auch der Gender-Balance zugute kam. 1897 wurde die erste Medizinerin in Österreich promoviert, weil die Monarchie für die Patientinnen weibliche Betreuung brauchte. Längst ist die Arbeit des österreichischen Bundesheeres Friedensarbeit geworden, längst weiß die Politik und die Wissenschaft von der Problematik der männlich Besetzten UNO-Kontingente in Nachkriegs zeiten, die mit dem Problem der Hierarchie und der Vergewaltigung konfrontiert sind. »Der Krieg hat kein weibliches Gesicht« heißt eines der Bücher von Swetlana Alexijewitsch, der gerade gekürten Literaturnobelpreisträgerin. Noch, apropos Frauen heben die Welt aus den Angeln, sind die Sparsamkeitsdiskussion und die Qualitätsdiskussion in der Hoffnung geführt, die Partizipation der Frauen würde ein Zwischenspiel bleiben; den Kritikern fallen diese Argumente als am gewichtigsten ein.
Aber asylwerbende Frauen beleben die Wertedebatte. Angesichts der Flüchtlingswelle, die derzeit Österreich erreicht, fordern Männer Frauenrechte. Die konservative Innenministerin will Manifeste der Frauenrechte verteilen, Femi nistinnen wie Iwona Laub bezweifeln, dass es um die zugewanderten oder Asyl werbenden Frauen geht. Sie monieren, dass es mit den gleichen Rechten nicht weit her sei, denn Frauen verdienten bei uns für die gleiche Arbeit weniger als Männer, sie haben weniger Aufstiegschancen, über 74 % aller Frauen seien in ihrem Leben sexuell belästigt worden, ein Drittel aller Frauen fiele sexueller Gewalt zum Opfer, und so weiter. Auf einmal ist es ein Thema – das Wertesystem, wie es unverhandelbar eine Grundfeste des europäischen Lebens ausmache. Selbst wenn mit der Furcht vor dem Einbruch des Wertesystems die Furcht vor dem Ende der staatlichen Autorität verbunden wäre, auch wenn mit der Verweigerung des Handschlags der Flüchtlings-Frau die Furcht vor der Verweigerung der Kooperation der Flüchtlings-Männer verbunden ist – erst der Blick auf die Frauen eröffnet den Blick auf jene Balance der Gesellschaft, in der zu leben auch die europäischen Gastgeber wünschen.