Vom Standpunkt der Nicht-Dualität
Vom Standpunkt der Nicht-Dualität
Brennstoff Nr. 37 | Ursula Baatz | 13.07.2026

Ursula Baatz über den Zen-Meister Bernard Glassman

Bernie Glassman, der Zen-Meister, hat seinen Vortrag beendet. Das Publikum kann Fragen stellen. Bevor er antwortet, nestelt er in seiner Jackentasche. Er nimmt eine rote Clown-Nase heraus und setzt sie auf, bevor er spricht. »Man, that’s just my opinion«, sagt er. Mensch, das ist bloß meine Meinung, den Satz wird man an dem Wochenende im Salzburger Bildungshaus St. Virgil noch öfter hören. Der 75-jährige Bernie Glassman ist einer der innovativsten und auch kontroversesten Zen-Meister der Gegenwart. Sein Markenzeichen sind Grenzüberschreitungen – Zen-Retreats auf der Straße. Oder Retreats in Auschwitz. Oder in Ruanda mit Hutus und Tutsis. Glassman Roshi hat dem Zen eine neue Perspektive gegeben – heraus aus dem Kloster, hinein in die Welt, könnte man sagen. Doch das ist nur die halbe Wahrheit – es geht ihm nicht um Kloster oder Welt, es geht um das Herz des Zen – ums »Erwachen zur Einheit des Lebens«, so hieß auch der Workshop mit ihm in Salzburg. Diese Einheit muss man nicht suchen. »Wir sind schon im Eins-Sein des Lebens, die Frage ist nur, wie wir das realisieren können«, kommentierte er im brennstoff-Interview.

Seit mehr als zwei Jahrzehnten leitet Bernie Glassman Roshi Straßen-Retreats. Mit einer kleinen Gruppe lebt er wie Bettler und Obdachlose auf der Straße und meditiert: eine direkte Erfahrung, genauso wie das einwöchige »Bearing-Witness-Retreat« der Zen-Peacemaker im ehemaligen KZ Auschwitz, das seit 1996 jährlich im November stattfindet. Beides sind »plunges«, ein »Eintauchen« in unbekannte, Angst und Ablehnung erregende Situationen. »Plunges« sind spirituelle Übungen, um die eigenen egoistischen Grenzen zu überschreiten. »Plunges« bewirken mehr als Jahre von individualistischer Meditationsübung am Sitzkissen, sagt Zen-Meister Bernie Glassman.

Als Bernie Glassman vor 22 Jahren das erste Mal auf die Straße ging, fanden er und seine Gruppe Essen und Unterkunft nur bei christlichen Hilfsorganisationen. Heute ist es selbstverständlich, dass Buddhismus gesellschaftlich engagiert ist: Meditation im Gefängnis, im Spital, mit Drogenabhängigen usw.

Das aktive Eintreten für sozial Schwache und Ausgegrenzte ist für Glassman Verwirklichung des »Erwachens«, der Erleuchtung. Das sehen nicht alle Buddhisten so. Roshi Glassman würde den Buddhismus ruinieren, hieß es, als der ehemalige NASA-Mathematiker und Zen-Meister 1982 im New Yorker Stadtteil Yonkers die

»Bakery« eröffnete, die Arbeitslosen und ehemaligen Drogendealern eine Möglichkeit zum Einstieg in die Arbeitswelt bietet – und für seine Zen-Schüler ein Übungsfeld darstellt, da im Zen körperliche Arbeit traditionell ein Teil des Übungsweges ist. Die Essenz des Buddhismus liegt im »Erwachen« – in der persönlichen Erfahrung, dass alles Leben miteinander verbunden ist und dass das »Ich« nur ein Aspekt dieser Einheit ist – zu der auch die Ausgegrenzten und sozial Schwachen gehören. »Alles ist Buddha-Natur«, sagte der japanische Zen-Meister Dogen (1200 —1253 ). »Erwachen« heißt, die rosarote Brille abzulegen und Armut, Hunger, Krieg, Völkermord klar wahrzunehmen, ohne Urteile oder Lösungsrezepte. »Not knowing«, »nicht wissen« ist die Basis, um Zeuge zu sein für die Einheit der Wirklichkeit. »Bearing witness“, nennt Glassman das; und daraus entsteht ein der Situation angemessenes Handeln, »action«. Dies sind die drei Grundsätze der internationalen Gemeinschaft »Zen-Peacemaker«, die Glassman 1996 gründete und die auch in Wien einen Ableger hat. Auf dieser Basis unterstützt Glassman unter anderen auch Sami Awad und die Friedensbewegung in Palästina.

Um Konflikte, Ausgrenzung und Unterdrückung zu erleben, muss man allerdings nicht wie ein Sandler auf die Straße oder nach Afrika gehen. Es reicht schon, im Supermarkt einzukaufen – denn was dort in den Regalen liegt, trägt unsichtbar die Spuren von Gewalt gegen Menschen und Natur in sich. Wie geht man als Zen-Meister und »sozial engagierter Buddhist« im Supermarkt einkaufen? Natürlich mit den »Drei Grundsätzen«, lächelt Glassman: »Der erste ist ›nicht wissen‹ – ich handle nicht so, wie es mir die Werbung sagt, und ich handle nicht so, wie die Leute sagen, die gegen Werbung sind, und nicht so, wie die Leute, die gegen Konsumismus sind. Ich versuche einfach, auf alles zu hören, was gesagt wird. Dann ›gebe ich Zeugnis‹, und daraus entsteht der Impuls zum ›Handeln‹. Vielleicht könnte man die Handlungen, die da entstehen, als konsumistisch ansehen – aber ich halte mich nicht an die Etiketten, die die verschiedenen Gruppen benützen. Ich halte mich an meine eigenen Gefühle und Empfindungen. Ich höre genau hin. Wenn es z. B. darum geht, für mich selbst etwas zu essen zu kaufen, höre ich auf mich selbst und bezeuge den, der ich bin – und habe Vertrauen, dass ich das esse, was für mein System ok ist. Und wenn nicht – dann werde ich krank und dann höre ich da hin – ich bezeuge das Faktum, dass ich krank geworden bin. Vermutlich werde ich diese Dinge dann nicht mehr essen.« Ob er auf Basis der Drei Grundsätze Fair-Trade-Kaffee kaufen würde? »Das kann ich nicht im Vorhinein sagen – das entsteht im Moment, und so kannst du dir nicht vorstellen, was ich tun werde, und ich kann nicht sagen, was ich tun werde.«

Es geht Glassman nicht um Rezepte, sondern darum, den Anforderungen des Augenblicks zu entsprechen. Die »Bakery« zum Beispiel, deren Brownies Kultstatus genießen und die täglich in Riesenmengen an Ben & Jerry’s als Basis für deren Brownie-Eiscreme geliefert werden, ist nicht dazu da, um Geld zu verdienen, sondern damit Arbeitslose arbeiten und so wieder in die Gesellschaft zurückfinden können. Die »Bakery« ist ein Teil der Greystone Foundation, des »Greystone Mandala«, einem umfassenden Sozialprojekt aus einem Netzwerk von profitorientierten und nicht-profitorientierten Unternehmen, das 15 Millionen Dollar pro Jahr umsetzt und den Bedürfnissen von rund 1200 Frauen, Männern und Kindern dient – mit Wohnprojekten für Familien mit niedrigem Einkommen; Kinderbetreuung, Schulprogrammen, Gemeinschaftsgärten und einem Betreuungszentrum für Aidskranke, das günstige Wohnmöglichkeiten und umfassende Pflege bietet. Das mehrfach ausgezeichnete Vorzeigemodell für sozial engagiertes Unternehmertum gilt als bestentwickeltes Modell einer »Kontemplativen Organisation«: zum Alltag gehören Phasen der Stille-Meditation genauso wie das »Council«, ein intensives, beziehungsorientiertes Kreisgespräch.

Glassman liebt praktische Beispiele. Mit spiritueller Praxis ist es wie mit dem Kochen, sagt er und spielt auf »Anweisungen für den Koch« an – ein Buch des Zenmeisters Dogen, das Glassman zeitgenössisch interpretiert hat. Man muss zunächst herausfinden, welche Ingredienzen es gibt, und dann kann man daraus eine Mahlzeit bereiten. Ingredienzien sind unsere eigenen Gefühle, Sehnsüchte, Ängste, Wahrnehmungen, die ganze Situation, in der man sich gemeinsam mit anderen findet, sagt Glassman. »Wir müssen die Ingredienzien wahrnehmen, das, was in jedem Augenblick geschieht. Wenn wir uns nicht darum kümmern, werden wir auch nicht angemessen handeln können.«

Sein »Greystone-Mandala«-Modell wird mittlerweile von Wirtschaftsunis als Beispiel für Corporate Social Responsibility studiert. Der spirituelle Aspekt wird jedoch ausgeblendet.

In Glassmans Modell dagegen steht die spirituelle Praxis im Zentrum von allem. Selbst der Einkauf im Supermarkt ist Teil davon. »Viele Leute, die in den Supermarkt gehen, werden durch die Werbung konditioniert, bestimmte Dinge zu kaufen. Wenn ich in den Supermarkt gehe – dann halte ich inne – ich frage mich, was ich brauche – zum Beispiel ich habe keinen Kaffee mehr ... Das heißt, ich beginne beim ganz Grundlegenden, ich beginne zu hören. Das ist nicht einfach, weil die Welt der Werbungen sehr mächtig und zugleich subtil ist. Sie prügeln Botschaften in dich hinein, und auf dieser Basis tut man dann alles Mögliche. Ich versuche, das nicht zu tun, versuche leer zu werden und zuerst zu hören.«

Alte Fotos zeigen Glassman in der traditionellen Kleidung der japanischen Soto-Zen-Schule, in der er 1976 zum Lehrer und 1995 zum Roshi ernannt wurde. Auch wenn seine Aussagen unkonventionell und sozusagen entspannt klingen, setzen sie jahrzehntelange Zen-Übung voraus. Denn durch die Zen-Übung kommt man dem »nicht wissen« näher. Die hierarchischen Strukturen des traditionellen Zen hat Glassman vor einigen Jahren verlassen. Seit kurzem bieten die Zen-Peacemaker je eine Ausbildung für Leiter von »bearing witness retreats« und für Soziales Engagement auf spiritueller Basis an. Die asiatischen monastischen Strukturen müssen erweitert und verändert werden, sagt Glassman. »Das Leben passiert einfach, und wir müssen der Situation entsprechen.«

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Ursula Baatz

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