ANGELA MERKEL gibt sich gern als schwäbische Hausfrau mit gesundem Menschenverstand. Wie ihr biederes Äußeres signalisiert dies die umsichtige und f leissige Fähigkeit zur sparsamen Haushaltsführung. Ihr Budget ist allerdings doch etwas höher als das der Hausfrau, geschweige denn das eines Hartz-IV-Empfängers : Der Bundeshaushalt 2014 sieht Ausgaben in Höhe von 296,5 Milliarden Euro vor. Angela Merkel wird als »die wichtigste Entscheidungsträgerin« innerhalb der EU bezeichnet. Sie gilt als Steigbügelhalterin des Chefs der EU-Kommission, dem Aufsteiger Jean Claude Juncker. Juncker ist durch Luxleaks in eine Vertrauenskrise geraten: zu seiner Regierungszeit als Finanzminister und Premierminister in Luxemburg wurden Bedingungen für Konzerne geschaffen, die sich durch luxemburgische Konten Milliarden an Steuern in ihren Heimatländern ersparten. Eine Aussage von ihm zur Bürokratie in Brüssel erregte schon 1999 Aufsehen: »Wir beschließen etwas, stellen das dann in den Raum und warten einige Zeit ab, ob was passiert. Wenn es dann kein großes Geschrei gibt und keine Aufstände, weil die meisten gar nicht begreifen, was da beschlossen wurde, dann machen wir weiter – Schritt für Schritt, bis es kein Zurück mehr gibt.« Juncker war zuletzt der dienstälteste Regierungschef in der EU. Von 2005 bis 2013 war er zudem Vorsitzender der Euro-Gruppe. Für Aufregung sorgte ein Satz, den der Eurogruppenchef im Jahr 2011 im Zusammenhang mit der Schuldenkrise äußerte: »Wenn es ernst wird, muss man lügen.« Er hat wahrlich seinen Macchiavelli gelesen!
In einer Rede vor dem Bundestag 2010 formulierte Angela Merkel ihr Credo: Europa ist der Euro. Scheitert der Euro, scheitert Europa. Und sie wiederholte dieses Mantra immer wieder bei vielen Gelegenheiten, bei kritischen Anfragen zu ihrer Wirtschaftspolitik: Europa ist der Euro. Scheitert der Euro, scheitert Europa. Beschwört sie die Bewährung der Währungsgemeinschaft als eine Art Schicksalsgemeinschaft? Sie spricht von Europa, nicht von der EU, der Wirtschaftsunion. Europa auf den Euro zu reduzieren, ist erbärmlich. Aufwen ist diese Reduktion gemünzt?
Europa hat über 700 Millionen Einwohner, sie bewältigen ihr Leben recht, manchmal auch schlecht, sie mühen sich, das, was Europa ist, zu gestalten – verwurzelt in ihren je eigenen Traditionen. Sie leben in der Vielfalt, manchmal in Kargheit – das hängt von der Bodenbeschaffenheit und vom Klima ab. Sie arbeiten, sie ziehen Kinder auf, feiern, lachen und weinen. Sie sind Europäer und die Summe aller europäischen Bürger und Bürgerinnen ergibt Europa.
Europa liegt überwiegend in einer gemäßigten Klimazone. In den arktischen Regionen des Nordens haben die Inuit in Grönland, das Teil des dänischen Königreiches ist, über zwanzig Bezeichnungen für Schnee und streiten mit den Isländern, die das für sich in Anspruch nehmen wollen. Schneestrukturen, und -farben sind in Worten eingefangen und bewahrt. Wie öde ist dagegen die Reduktion des vielfältigen Europas auf den Euro und eine monetäre Sprache! Und wie spannend wäre ein Wettstreit der Bewohner der Steiermark mit den Irländern um die Vielfalt der Beschreibung von Grün. Denn Europa ist bunt! In den 28 Amtssprachen der EU, unzähligen Dialekten und anerkannten Sprachen, ( z. B. in Spanien gibt es vier, darunter die älteste Sprache Europas, das Baskische ) kann ein Mensch in Europa seiner Freude, seiner Wut, seiner Trauer Ausdruck verleihen, kann sagen oder in lateinischen Buchstaben schreiben »Ich liebe dich«. Für die Anzahl der Küsse verwendet er arabische Zahlen. Oder es wird in vielen Klangfarben und Rhythmen gesungen und musiziert! Wie anregend wäre es, ein europäisches Neujahrskonzert zu hören mit Obertongesängen, mit portugiesischem Fado und finnischem Tango!
Oder er kann sagen »Ich habe Hunger!« Es braucht fruchtbare Böden, die gegen den Hunger bestellt werden. Im europäischen Bodenatlas der EU-Kommissionscheinen 24 Bodengruppen auf, die weiter in zahlreiche Subtypen ( in einem Fall 15! ) aufgegliedert werden. Mehr als die Hälfte dieser Bodentypen haben land- und/oder forstwirtschaftliche Bedeutung und sind schon früh in Europa urbar gemacht worden. Jahrhunderte alte Traditionen wissen um das Kultivieren und die Pflege von Pflanzen gegen den Hunger. Die Arche Noah im Weinviertel in Österreich bewahrt 121 Apfelsorten von der Ananasrenette bis zum Horneburger Pfannkuchenapfel. Allein in Deutschland sind 704 Getreidesorten zugelassen, aus denen traditionell Brot gebacken wird. Und überall schmeckt und duftet das Brot ein bisschen anders, ist es anders geformt als in der heimischen Region. Europas Küchen und Speisekammern sorgen für den »Geschmack Europas«, der köstlich mundet. Einen Eindruck ge winnt man von Lojze Wiesers Matineen im ORF und natürlich auf kulinarischen Entdeckungsreisen. Überall sättigt Brot und wird vielleicht geteilt.
Mit ge teiltem Brot kann man sich gut auf den Weg machen – com-pane-ros. Weggefährten brechen auf – nicht in die ewige Drehung des Hamsterrades, nicht zu einem Kompetenzenorientierungs lauf, nicht zu der Squashpartie der Einzelkämpfer, nicht in die Kletterwände des angestrebten Wachstums, nein, sie brechen auf, um die Beziehung zwischen den europäischen Institutio nen und den Bürgern und Bürgerinnen Eu ropas zu klären, sie stark zu machen und an ei nem gemeinsamen, friedlichen Europa zu bauen.
Utopie ?
Nein, Möglichkeit.