ES WAR IM WINTER 1999. Das ehemalige Jugoslawien lag hoffnungslos in Trümmern. Die freundliche Donaustadt Novi Sad war immer wieder von den Alliierten bombardiert worden, die Brücken hingen zerstört im Fluss. Die Bewohner der Stadt standen an den schneebedeckten Ufern, voller Bestürzung. Über den Krieg, über ihre verwüstete Welt, über das Unvorstellbare, das sie sich selbst angetan hatten. Ich besuchte den alten Aleksandar Tisˇma, einen der bedeutendsten jugoslawischen Autoren. Er wohnte gleich um die Ecke, er ist 2003 gestorben.
Als ich ihn fragte, wie er sich fühle in diesem verlorenen Land, da erzählte er mir eine Geschichte über seinen Hund Jackie. Eines Tages im Winter war das Tier weggelaufen, die Donau entlang, und irgendwie war es auf eine Eisscholle geraten. Kinder aus der Nachbarschaft waren gekommen, um ihn zu holen. »Herr Tišmas, Ihr Hund ertrinkt!« Er rannte hin, rief den Hund immer wieder bei seinem Namen, aber das Tier blieb auf der Scholle hocken, wie erstarrt. Jackie befand sich in einem Schockzustand. Schließlich gelang es einem der Kinder, ihn beim Nackenfell zu packen, und die Geschichte nahm ein glückliches Ende.
»So ergeht es zur Zeit auch uns«, sagte Tišma. »Wir hocken wie erstarrt auf einer Eisscholle, wir wissen nicht, wie wir uns verhalten sollen, und gleichzeitig treiben wir den Strom hinab.«
In diesen Monaten muss ich oft an Tišmas Hund auf seiner Eisscholle denken. Historische Ereignisse werden von denen, die dabei sind, selten als historisch erlebt. Und das ist auch gut so, denn ohne die Ruhe unserer alltäglichen Beschäftigungen würden wir vor lauter Sorgen und Nervosität wahnsinnig werden. Unser ganz normales Leben ist von einer gewaltigen Kraft; es lässt sich nicht so leicht aus der Bahn werfen, auch nicht wider besseres Wissen. Doch dieser Hang zur Beständigkeit in turbulenten Zeiten hat auch eine Kehrseite: Je tiefgreifender die Konsequenzen neuer Entwicklungen für unser alltägliches Leben sind, umso stärker neigen wir dazu, den Blick abzuwenden. Wir ziehen es vor, einfach immer weiterzugehen, wie ein kopfloses Huhn, auf unseren ausgetretenen Pfaden.
Vor Jahren verbrachte ich einmal anderthalb Tage in den Kellern der Wiener Hof burg, in der warmen Geschlossenheit der Nationalbibliothek, um nachzuvollziehen, wie der durchschnittliche Wiener im Sommer des Jahres 1914 hinter seiner Zeitung oder beim Kaffee die heraufziehende Katastrophe des Ersten Weltkriegs erlebte. Ich tat dies mithilfe des gebundenen Jahrgangs der Stadtausgabe der Neuen Freien Presse und machte eine verblüffende Entdeckung:
Auch damals ging alles noch wochenlang seinen üblichen Gang. Die Titelseiten waren beherrscht von der Frage, wer zur Beerdigung des ermordeten Thronfolgers und seiner Frau eingeladen war und wer nicht, an der Börse machte sich eine schläfrige Sommerstimmung breit, Fürsten und wichtige Staatsleute fuhren in die Sommerfrische.
Erst einen Monat später erreichte die Unruhe die Zei tungsseiten mit aller Macht. Aber durch die Katastro henmeldungen hindurch war immer noch der eiserne Rhythmus der alltäglichen Anzeigen zu vernehmen, in denen zum Beispiel die figurverschönernde Wirkung von Feschoform Büstenbalsam angepriesen wurde. Es bleibt mir unvergesslich: die Zeitung vom Montag, dem 3. August 1914, Deutschland erklärt Russland den Krieg, aber die Feschoform-Werbung geht ein fach weiter.
Das damalige Wien war eine Welt voller Sicherheiten, schrieb Stefan Zweig in seinen Erinnerungen, eine Welt, die immer so weiterzugehen schien, und dennoch war plötzlich alles vorbei, endgültig, »eine tragische Folge jenes inneren Dynamismus, der sich in diesen vierzig Jahren Frieden aufgehäuft hatte«.
Die Gefahr ist groß, dass uns dasselbe widerfährt. Dass uns das gesamte europäische Projekt, dieses kostbare Erbe früherer Generationen von Europäern, unbemerkt aus den Händen gleitet. Und dass dadurch, so wie Zweig es beschreibt, auch unsere Welt aus selbstverständlichen Sicherheiten in Scherben zerbricht.