NEBELTAGE haben ihren eigenen Reiz. Die Konturen der Bäume, Straßen, Häuser und Menschen verlieren ihre Kanten, die Welt wird weich und verliert sich in unsichtbare Tiefen. Im Alltag brauchen wir klare Konturen und eindeutige Daten zur Orientierung. Einbahntafeln z.B. müssen gut erkennbar sein. Wenn plötzlich Nebel einfällt, und die Verkehrszeichen nicht mehr zu sehen sind, ist das bedrohlich. Die Orientierung ist schwieriger, der Weg ungewiss und das Tempo muss langsamer werden. Aber wenn die Kontrolle nachlässt, kommen Gefühle auf, und die Beziehung zur Welt wird tiefer.
Maler wie Caspar David Friedrich oder Frederick Turner, Fotografen wie Alfred Stieglitz oder David Hamilton haben die Unschärfe benützt, um Sehnsüchte und Gefühle in ihren Bildern auszudrücken. Wenn im Film plötzlich das Bild verschwimmt, dann signalisiert das: Übergang in die »Innenwelt«, in eine Vision, eine Traum welt. Wer sich an die eigenen Träume erinnern kann, weiß aber, dass die gewöhnlich nicht diffus sind. Traumbilder fransen oft aus, Personen und Kontexte gehen ohne Vorwarnung ineinander über, doch was im wachen Zustand vermutlich Panik erzeugen würde, ist in der Traumwelt ganz selbstverständlich. Denn Träumende sind in ihrem Traum präsent und zu allem, was darin erscheint, in Beziehung.
Dass Unschärfe als Signal für Gefühle, Träume und Phantasie gilt, hängt mit der Entwicklung der europäischen Philosophie zusammen. Die Geometrie galt seit Platon als ideale Form der Erkenntnis, und ab dem 16. Jahrhundert wurde die Form geometrischer Problemlösungen zum Vorbild für wissenschaftliches Denken. Ein Problem wird in seine einfachsten Einheiten zerlegt und dann auf logische Weise wieder zusammengefügt. In der antiken und mittelalterlichen Philosophie war die Logik nicht die einzige Form des Erkennens. Die Rhetorik kannte z. B. auch Analogien und Metaphern, und umgesetzt in medizinische Rezepte ergab dies: weil Nüsse aussehen wie Gehirne, sind sie gute Gehirnnahrung – was heute Ergebnisse quantitativer Forschung bestätigen.
Für das tägliche Miteinander sind Analogien und Metaphern viel wichtiger als eine Erkenntnis more geometrico. Das allermeiste, das für unser Leben von Bedeutung ist, hat keine scharfen Grenzen und Kanten und ist in gewisser Weise konturlos. Wenn man sich im Gespräch mit jemandem befindet, und es kommt noch jemand anderer dazu, ändert sich die Atmosphäre. Das können alle Beteiligten spüren – aber dieses »Spüren« ist schwer zu f ixieren. Gefühle sind kontur- und gestaltlos, aber mächtig, wie man an Menschen merken kann, die sich frisch verliebt haben und von ihrer neuen Liebe erzählen. Das Gefühl teilt sich den Zuhörern sofort mit. Die Kunst – Musik, Dichtung, Theater, aber auch Malerei – lebt davon, dass Gefühle die Zuschauenden atmosphärisch erfassen.
Atmosphären können Räume z. B. erhellen oder verdüstern, verkleinern oder erweitern, ohne dass sich am physikalischen Raum etwas ändert. Atmosphären sind etwas wie eine Aura, etwas Ungreif bares, das einen Raum zum lebendigen Raum macht, nicht zu sehen und zu greifen, aber deutlich zu spüren ist. Doch dieses »Spüren« ist eine Art von Tabu.
In anderen Kulturen dagegen spielt »Spüren« eine wichtige Rolle – in der Beziehung zur Natur und zu den Mitmenschen. In Indonesien gibt es ein eigenes Wort dafür: »rasa« bedeutet in etwa »Gefühl, Empathie, in Beziehung sein«, betonte die indonesische Autorin und Menschenrechtsaktivistin Ayu Utami. Bisher war »rasa« die Basis der toleranten Alltagskultur in Indonesien, einer Gesellschaft mit rund 300 Ethnien und 6 vom Staat anerkannten Religionen, sagte Utami bei einer Tagung der Akademie der Wissenschaften in Wien. Dieser »Synkretismus«, diese »Ambiguitätstoleranz« hat auch der traditionelle Islam. Dies ermöglichte das friedliche Zusammenleben von sehr verschiedenen Kulturen und Traditionen nicht nur in Indonesien, sondern in ganz Süd- und Südostasien.
Doch mit der Industrialisierung und Konsumkultur kam auch die Dominanz des rechnenden, »geometrischen« Verstandes und seiner Kontrolle in die traditionellen Gesellschaften Asiens. Plötzlich reicht das Gefühl und die gute Beziehung nicht mehr, sondern es braucht harte »Sachbegründungen«.
Der Dogmatismus des neoliberalen, gewinnorientierten Denkens hat sein Gegenstück im Dogmatismus und der Gewaltbereitschaft des salafistischen Islam und beide zerstören das friedliche »leben und leben lassen« – ein Problem nicht nur in Indonesien, sondern weltweit.
Das Lebensgefühl von »rasa« und die kritische Kapazität des Verstandes müssen integriert werden, sagte Ayu Utami. »Reason is like sex, rasa is like love«, meinte sie und fügte hinzu: »Wir brauchen einen Dialog mit dem Besten, das ›rasa‹ geben kann, mit dem Besten, was der kritische Verstand leisten kann, im Licht des Mitgefühls.«