Ohne Neid kein soziales Leid
Ohne Neid kein soziales Leid
Brennstoff Nr. 37 | Henri Quelcun Huhki | 13.07.2026

Ein-Ordnung! Es gibt etwas, das ich nie gelernt habe: Neid. Nicht, weil ich ein besonders lauterer Typ wäre. Sehr böse bin ich auch nicht, halt im selbstgerechten Mittelfeld. Als Student bin ich mit einem Freund, der auch an einem Neiddefizit litt vor die Prachthotels an der Ringstraße gegangen und wir haben versucht, die Prachtmänner mit ihren Prachtlimousinen, an einer Hand Prachtjuwelen – nicht von Swarowski –, an der anderen eine Prachtfrau, zu beneiden. Es ist uns nicht gelungen. Es war eher so, dass ich bis heute Leute beneide, welche Neid empfinden können. Das meine ich nicht nur ironisch. Wenn ich etwas je in meinem Leben sozial gelernt habe: Es tut wohl, zu erkennen, dass ich in vielem dieselben Probleme und Mängel habe wie alle anderen Menschenwesen. Es beschwert das Herz, sich im Geringsten »besser« vorzukommen als die »anderen«. Es erleichtert und macht stark, zu sehen: Ich habe doch dieselben »Schwächen«, wenn auch um die Ecke, auf eine etwas verrückte Weise. Das ist halt mein Brösel an dem ganzen Kuchen. Jetzt habe ich aber mit vielen Freundinnen gesprochen, die mir versichert haben, dass Neid keine Befähigung bedeutet, die zum Wohl im Geringsten beiträgt. Und ich glaube ihnen.

Bescheidenheit als Hochmut. Es klingt wahrscheinlich seltsam, nicht zu wissen, welche Bedeutung das imageträchtige Konsumbedürfnis im täglichen Leben spielt. Hineinfühlen kann ich mich noch immer nicht ganz. Auf Menschen herabzuschauen, welche ihr Leben nach diesem Kompass ihres Alltags ausgerichtet haben, gelingt mir erst recht nicht. Warum sollte ich mich besser fühlen, weil mir etwas fehlt? Ich habe einfach in meiner Kindheit vergessen, dieses tiefe Verlangen nach Besitz, der mich erhöht, zu entwickeln. Später haben mir viele eingeredet, man könne sich als etwas Besseres als alle anderen fühlen, indem man einen ganz wichtigen Schädel mit ganz schweren Gedanken auf seinem Hals trägt. Zum Glück ist es mir gelungen, meinen Kopf wieder leicht zu machen. Eine Fügung. Aber Hochmut kenne ich, dieses soziale Fieber. Ich habe jahrelang arme Menschen gezwungen, meine oft schwer verdaulichen Gedanken zu schlucken, habe also durchaus selbst geistigen Konsumterror ausgeübt. Kein Wunder, dass ich keinen Neid brauche, wenn ich mich sowieso schon als so super empfinde; das war meine Krankheit des Geistes und ich vermute, dass deren komplementäre Seite, eben die Kehrseite, der sogenannte Neid ist. Ich habe von der akademischen Seite her an demselben Netz mitgestrickt, das uns alle noch in grauenvoller Weise aneinander fesselt; uns den Abstand raubt, der uns allen ermöglichen würde, frei aufeinander zuzukommen. Wir konsumieren Waren aller Art – vom Luxusauto bis zum Luxuswissen in den TV-Wettbewerben der Hypergehirnler – nur mittelbar, das, was Hegel als vermittelt anstatt unmittelbar so klar konturiert hat. In Wahrheit versuchen wir, einander zu konsumieren; wer seinen Nächsten die imaginären »Rangstufen« hinunter tritt, um selber etwas »höher« zu stehen, frisst das Leben seiner Mitmenschen auf.

Vermögen aller Art, ob materiell oder geistig, ist an sich nichts Schlechtes. Denn eine Menge Menschen haben mir vermittelt, dass sie mit ihrem Wohlhaben eine Menge Gutes bewirken konnten. Die Problematik beginnt mit dem, was Verhaltensforscher treffend »Hühnerleiter« genannt haben.

Ein deutscher Schriftsteller, der sich »Irwish« nennt, betont zu Recht: »Alfred North Whitehead hat einmal gesagt, dass der Fortschritt der Zivilisation daran abzulesen sei, wie viele Handlungen wir ausführen können, ohne über sie nachdenken zu müssen.«

Die Kämpfe um den Platz auf der lokalen, regionalen, globalen »Hühnerleiter« entspringen eben dem ständigen unnötigen Nachdenken und führen dazu, dass wir vermeintlich etwas »haben« müssen – Grundstücke, massenweise Liebschaften oder völlig hirnrissig berechnete Intelligenzquotienten –, um in einem wahrhaft verrückten Sinn »oben« zu bleiben. Ob jemand Prestigeartikel, Geschlechtspartner oder Bücher konsumiert, um in einem unermesslichen All, das gar keine Richtung kennt, »oben« zu sein, macht da nicht viel Unterschied. Nicht das sogenannte »Haben« ist desaströs, sondern, wenn wir haben wollen, um »etwas« zu sein! In diesem Sinne stimme ich mit Erich Fromm nicht ganz überein.

Denkkonsumterror. Ja, ich selbst habe Jahrzehnte andere Menschenwesen damit terrorisiert, dass ich sie gleichsam dazu gezwungen habe, meine Gedanken zu schlucken. Damit war ich selbst ein Hühnerleiterbekletterer, der sich Philosoph genannt hat und sich weitaus besser vorgekommen ist, als die »minderwertigeren« Sammler materieller Trophäen. In Wirklichkeit habe ich sie genauso in eine Art von sublimierten Konsumterror gezwungen. Weit bequemer, als sich durch harte Arbeit die Achtung anderer zu erwerben. Das war meine Art, Konsumterror auszuüben. Zugleich habe ich mir damit, wie erwähnt, den Neid erspart, denn Schreiben und Denken sind die beiden Fertigkeiten, welche mir unverdient in die Wiege gelegt wurden. Wenn ich die besseren Argumente habe – wobei ja nicht feststeht, ob es morgen noch die besseren sind - überhebe ich mich gegenüber den »miesen« Materialisten und kann mit dem geringsten Aufwand auf der höchsten Sprosse am lautesten krähen. Seit ich das vor ein paar Jahren unmittelbar erkannt habe, ist mir nicht nur ein Stein, sondern der Himalaya vom Herzen gefallen! Ich bin frei.

Conclusio. Das sollen keineswegs confessiones, Bekenntnisse sein. Nur ist Konsumterror, wenn man es so nennen will, keine Unterdrückung eines Teils der Bevölkerung durch einen anderen. Keine Tyrannei der Versklavten durch eine Clique von Sklavenhaltern. Es ist ein Krebsgeschwür, das aus dem Überf luss gewuchert ist. Wir alle büßen unser Zuviel an uns selbst und aneinander ab.

Metaphysisch ist es die Buße für das Zuwenig, das wir der Mehrheit aller anderen Menschenwesen in den ausgesaugten Kontinenten gerade noch zugestehen.

Unsere Friss-bis-du-stirbst-Ideologie wird uns selbst auffressen. Wir haben uns alle zu Auto-Kannibalen gemacht, sind Menschenfresser am eigenen Leib und Geist. Und keine vermeintliche Tugend rettet uns. Auch nicht Neidlosigkeit. Wie Heidegger gesagt hat: »Nur noch ein Gott kann uns retten!« Der rettet uns aber nur, wenn wir die Hühnerleiter in den Staub treten. Dann können wir erst wirklich teilen; materiell und geistig. Vor allem aber: Wir müssen uns nicht mehr wichtig nehmen, sondern wir dürfen einander wichtig nehmen!

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ein Artikel von

Henri Quelcun Huhki

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