sagt Seneca. Und das meint Barbara Rauchwarter
Begehren, ein seelischer Antrieb, ist Ausdruck eines subjektiven Mangelerlebens. Ich kann nicht zu-frieden, in Frieden sein mit dem, was ist. Ich will haben, bekommen, »kriegen« – dieses deutsche Wort sagt ja viel über die Brutalität der Aneignung aus.
Will haben – ist nicht nur eine oft und oft aufgesuchte Website; eine Marktzone von Angebot und Nachfrage; will haben – das ist die Antwort auf die Kaufappelle in Shoppingmalls und Konsumzonen der Industrienationen. Massenhaft maschinell hergestellte Produkte werden angeboten, die letztlich kaum mehr Spuren von tradiertem Handwerkswissen aufweisen.
Will haben – das ist die gewünschte Antwort auf Werbespots. Die designte Macht der Werbung verspricht uns Versorgung mit allem, was wir je brauchen könnten. Sie fesselt uns in einer Art Bedürftigkeitsversklavung und weckt permanent neue Bedrüfnisse. Die Bilder und Slogans durchdringen unser Unterbewusstsein und täuschen Freiheit als Freiheit der Wahl vor. Der Kaufakt ist die sinnstiftende Handlung, wenn wir shoppen gehen. Genuss ist uns verheißen »an den Dingen, die wir nicht brauchen und mit dem Geld kaufen, das wir nicht haben, um Menschen zu beeindrucken, die wir nicht mögen.« (Wolfgang Menges). Vor allem aber definiert die Werbung Vollkommenheit, Lebenssinn und redet uns Defizite ein. Alles, was wir erwerben und horten, soll – wie mit einer Zauberformel – die Sorglosigkeit garantieren. Aber immer lauert anscheinend eine letzte Unsicherheit angesichts von dem, was menschliches Leben bergen kann: Krankheit, Gebrechen, Elend, Tod. Daher ist das Begehren grundsätzlich unersättlich.1 Wir können den Hals nicht vollkriegen.
Will haben wird zum cantus firmus unseres Lebens. Du sollst nicht begehren ... – so beginnt das zehnte Gebot in der Bibel. Es will vor der Falle warnen, in die uns das Begehren führt: auf das zunächst als Gedankenspiel Daherkommende könnte möglicherweise sehr real zugegriffen werden. Gier wäre also die Vorstufe zum Raub – dem Aneignen von dem, was anderen zusteht. Das wird nur scheinbar legitimiert durch vertragsähnliche Übereinkommen, bei deren Abschluss die Partner selten gleiche Bedingungen vorfinden. Denn die Macht, sich anzueignen, was anderen zusteht, wächst aus Privilegien. Das Privat-Eigentum wird gemehrt und die Gier verstellt die Sicht auf das Gemeinwohl ( das lateinische Wort privare bedeutet »rauben« ). Das Ungleichgewicht an Beziehungsnetzwerken und materiellen Ressourcen wird sichtbar an der viel zitierten sozialen Schere mit ihren auseinanderklaffenden Schneiden.
Der erste, der ein Stück Land eingezäunt hatte und es sich einfallen ließ zu sagen: dies ist mein und der Leute fand, die einfältig genug waren, ihm zu glauben, war der wahre Gründer der bürgerlichen Gesellschaft. Wie viele Verbrechen, Kriege, Morde, wie viel Not und Elend und wie viele Schrecken hätte derjenige dem Menschengeschlecht erspart, der die Pfähle herausgerissen oder den Graben zugeschüttet und seinen Mitmenschen zugerufen hätte: »Hütet euch, auf diesen Betrüger zu hören; ihr seid verloren, wenn ihr vergesst, dass die Früchte allen gehören und die Erde niemandem.«
Jean-Jacques Rousseau ( 1712 — 1778 ), Abhandlung über den Ursprung und die Grundlagen der Ungleichheit unter den Menschen, 1755
Diese Ungleichheit bringt den Neid ins Spiel. Der Neid ist ein fundamentales Systemerfordernis (Marianne Gronemeyer bei den Goldegger Gesprächen 2013). Er wuchert aus der Unersättlichkeit des Begehrens, von dem unser Wirtschaftssystem lebt – kein Ort ohne brutale Konkurrenz um die Mittel zum Leben. Die Strategien zum Aufbau einer Neidkultur sind: Wettbewerb, Statusorientierung, Leistungsmaximierung und Habsucht. Sie werden heute als Triebfedern der bürgerlichen Gesellschaft angesehen.
Ein Witz verdeutlicht den Unterschied zwischen Neid und Gier: Begehren äußert sich, wenn ein Cadillac an zwei Freunden vorüberrauscht und einer sagt: »Über kurz oder lang fahre ich auch so einen.« Neid lässt in der gleichen Situation sagen: »Der geht über kurz oder lang auch zu Fuß.«
Die Gier ist aktiv, ergreift jede Möglichkeit, sich das Begehrte anzueignen. Der Neid dagegen bleibt in der Unerträglichkeit des Gedankens stehen, dass jemand etwas hat, was mir versagt ist. Er spornt nicht an wie etwa der Eifer, ist nicht auf eigene Leistung bedacht, bleibt also – was das Erreichen eines Objektes angeht – passiv. Im Gegensatz zur Gier will der Neid nicht das begehrte Objekt an sich bringen, sondern er will den geneideten Vorzug aus der Welt schaffen. Nicht das, was den Neid hervorruft – Fähigkeiten, Reichtum, Erfolg, Ansehen, Status usw. ist das Ziel der Missgunst, sondern vor allem die Person, die das alles hat. Der Neid löst ein unerträgliches Minderwertigkeitsgefühl aus, offenbart die eigene Schwäche, den Kleinmut, das mangelnde Selbstvertrauen. Die Frage, warum gehöre ich nicht zu den Begünstigten, nagt am Selbstbewusstsein. Neid ist Unterlegenheitsgefühl, duckt sich grollend unter eine herrschende Macht, sei es jetzt das Schicksal, Gott, die Vorgesetzten, dernChef oder die Chefin, die Nachbarn, Geschwister. Und sieht sich ohnmächtig ausgeliefert. Erst der Absturz des Beneideten befriedigt den Neider.
Wenn der Neid sich aber nun mit anderen Gefühlslagen – Hass, Ressentiments – verbündet, um seine lähmende Handlungsunfähigkeit aufheben zu können, ist er gefährlich und kollektivstiftend. Das offenbart sich in Rivalität und Konkurrenz. Auf diesem gärenden Boden gedeiht das Mobbing und hier gründet sich die Neidgenossenschaft. Ihr zugesellt darf ich mein unschönes Neidgefühl zeigen, aussprechen: »Öffentlicher Neid wirkt wie ein Scherbengericht, das diejenigen ereilt, die allzu groß werden.« 2 Der Absturz von Prominenten ist oft von viel Schadenfreude begleitet.
Hans Magenschab, Journalist und ehemaliger Pressesprecher von Thomas Klestil, dem Neoliberalismus nicht abgeneigt, stellte in der Zeitschrift FORMAT fest: »Die Österreicher haben Neidhammelei seit eh und je als ingeniöse Nationaleigenschaft gehätschelt. Hierzulande missgönnt jeder jedem das Lebenseinkommen zwischen Anfangsgage und Pensionsabfertigung; den Kindern ihre Erbschaft; den Ruheständlern das Pflegegeld; den Bauern den Milchpreis; den Managern ihren Bonus; den Politikern die Dienstautos; und den Lehrern die langen Ferien. Alles in allem ist das ein famoses Konstrukt von Missgunst und Verlogenheit, Heimlichtuerei und Rechthaberei.« Soweit die Beschreibung der Stimmungslage der Stammtische. Aber Magenschab setzt fort mit der Unterstellung des Motivs Neid als Instrument des Klassenkampfes: »So weit ich mich erinnern kann, erheben Jusos, ÖGB-Funktionäre, Caritas und Opposition den Vorwurf des ›zu viel‹ und ›nicht gerechtfertigten‹ Einkommens bei Klassenfeinden, miesen Charakteren, schlechten Christen und politischen Opportunisten.«3 Hier redet einer aus der Position desjenigen, der »die Macht« hinter sich weiß. Die von ihm genannte Gruppe aber kritisiert die Zustände im Staat vor dem Hintergrund der Ungleichheit und will einen Diskurs zum Thema Gerechtigkeit eröffnen. Nicht ein öffentliches Scherbengericht, sondern die Frage nach der Umverteilung von Mitteln zum Leben ist das Anliegen dieser Gruppe von Kritikern.
Und stimmt es, dass die Österreicher den Neid »gehätschelt« haben? Die genannten Strategien zum Aufbau einer Neidkultur zwingen die Menschen in das Hamsterrad. Sie bleiben Lohnsklaven und Konsumenten, kennen keine wirksame Vorsorge gegen ihre Angst, unter dies Hamsterrad zu kommen. Sie sind einsam, Solidarität ist ihnen fremd, denn Neid würgt Solidarität grundsätzlich ab.
»Ich habe genug« wäre die Zauberformel, die aus dem Hamsterrad befreit und zur Freundschaft befähigt. Es ist genug da, Freunde!