Ist das Leben ein Traum oder der Traum das Leben?
Ist das Leben ein Traum oder der Traum das Leben?
Brennstoff Nr. 42 | Ute Karin Höllrigl | 10.07.2026

Gedanken zu Traum und Wirklichkeit von Ute Karin Höllrig

Meine wundersame Reise durch Traum und Wirklichkeit und eine überraschende Erfahrung

1985 REISTE ich anlässlich der Ausstellung »Traum und Wirklichkeit« nach Wien. Als junge Analytikerin aus der Schule C. G. Jungs in Zürich war dies für mich so etwas wie ein Gebot der Stunde. War doch Wien jene Stadt, in der sich die beiden großen Forscher der menschlichen Psyche immer wieder begegnet sind. Eine der Kostbarkeiten dieser Ausstellung, deren Erleben mich in die Mitte meines Wesens traf, waren die Bilder des Beethovenfries von Gustav Klimt in der Secession, begleitet von der 9. Sinfonie von Ludwig van Beethoven, die in der Ode an die Freude endet. Gleichzeitig wurde mir bewusst, welchen Weg dieses freudvolle Jubeln der Musik zu dem die ganze Menschheit umschlingenden Kuss für uns selbst und die Welt in sich birgt. Das Übereinstimmen dieser Bilder mit dem inneren Weg der Träume ließen mich in Tränen der Freude ausbrechen.

Die Kunst als Sinn bezogene Trägerin menschlichen Reifens

Die Kunst ist Sinn bezogene Trägerin sowie Mittlerin einer Reise zu uns selbst und visionäre Mit-Gestalterin einer gerechteren Weltordnung zwischen Zeitlichem und Zeitlosem und auch Vollendende der Schöpfung. Gleichsam ist jeder von uns mit seiner Begabung und Gabe gefragt, Mit-Schöpfender zu sein. Darin liegt der Sinn menschlichen Lebens bis zum letzten Atemzug.

Die Unruhe des Herzens

Nicht selten beginnt der Weg sehr uneins, eine Sehnsucht, eine Unruhe des Herzens, ein Gezogen- und Getrieben-Sein drängt uns. Wohin?

Zunächst wissen wir nicht, woher es kommt, was unsere Aufgabe im Jetzt ist und wohin dieses Drängen führen will. Klar ist uns lediglich, wir wollen keinen Krieg in uns, mit anderen und in der Welt. Vielleicht wäre der Weg einfacher, Vertrauen erweckender, wenn wir uns an großer Kunst, den Erzählungen, den Märchen, religiösen Urbildern und unseren Träumen orientieren könnten. Und wenn wir uns ihnen anvertrauen könnten, in ihrem Weg und zumeist verheißendem Ausgang.

Der Beethovenfries von Klimt zeigt uns diesen Weg auf eindrückliche Weise, der menschlichen Bestimmung gerecht zu werden, so wie ich ihn in meiner strengen Ausbildungsanalyse erfahren habe und noch immer erfahre. Klimt zeigt uns einen Weg der Wandlung in eine allumfassende tiefere Freude, die sich immer wieder aus Schwerem erlösen kann.

Die Suche selbst ist das Ziel

In den Musen zeichnet Klimt dieses sehnsüchtig Strebende des Menschen nach Sinn, Erlösung, Glück und Freude zunächst scheinbar noch schwebend, nicht fassbar. Wesentlich scheint ihm zu sein, dass der Mensch ein Strebender und Suchender bleibt und die Suche selbst im Augenblick das Ziel ist. Der Entschluss zum Weg der Stärke, Hingabe, Geduld und Ausdauer ist die nächste Aufgabe, die sich aus dem Gehen des Weges erst zeigt.

Aus dieser Sehnsucht ergibt sich das erste Bild eines Ritters in goldener Rüstung mit einer ehrgeizigen und einer mitleidenden Frauenfigur zur Seite. Die menschliche Natur, eingespannt in diese Gegensätze von Schatten und Licht, symbolisiert in den Frauenfiguren, sehnt sich nach einer Lösung. Es bedarf der Kraft und Demut einer ritterlichen Haltung.

Klimt zeigt mit der Figur des Ritters den festen, mutigen Entschluss zur Auseinandersetzung mit der inneren Welt und auch den Schattenseiten. Das Gold symbolisiert den Willen zur Wandlung in uns, als eine Notwendigkeit in Freude zu ernten. In dem knienden Paar erinnert er an die unumgängliche Demut auf diesem Weg, immer auch bei allem Mut und aller Stärke ein Bittender zu bleiben. In der hinter allem stehenden jugendlichen Mädchenfigur scheint er das ewig Werdende in uns anzusprechen, immer wieder ein neu Beginnender zu bleiben, wie es von uns gefragt ist.

Der Entschluss und die Erkenntnis allein genügen nicht, verlangt ist von uns mehr, das Mitgefühl mit der Liebes-Wunde, ein Lebendig-Sein, nach dem wir uns sehnen. Die Dankbarkeit für die Wunder verbindet unsere Wunden. Im Entdecken dieses zweiten Kontinents unserer Psyche, die sich nach Zuwendung sehnt, werden wir selbständig. Zunächst scheint es bei Klimt wiederum eine bildhafte Leere zu sein, die es auszuhalten gilt. Und wieder ziehen die Musen als Strebende weiter, bis das nächste Ziel auf der inneren Landkarte erscheint. Wohl die größte Herausforderung an den Weg unseres Mensch-Werdens ist es, die Schattenseiten anzunehmen. Sie sind der menschlichen Natur zugehörig. Wesentlich ist das Annehmen der Begrenztheit des menschlichen Lebens, mit Krankheit, Tod, Begierde, Unmäßigkeit und nagendem Hunger. Gerade in dieser Begegnung ist es von uns gefordert, gleichzeitig aus den Lichtseiten zu schöpfen. Auch die Schattenseiten wollen wie Angst in Vertrau en gewandelt werden und sehnen sich nach ihrer Befreiung. Unsere Frage dabei darf sein, wann wir die Kraft dazu haben.

Die Gnade des Erlöst-Werdens

Wieder sind es die drängenden Kräfte der Musen, ihre Beharrlichkeit, die zu einer kreativen Auseinandersetzung mt den Künsten hinführen. Nun ist ja der Mensch selbst – wir – das Werk, in all seinem bewussten und unbewussten psychischen Urstoff, das in kreativer Verwandlung steht. Die Schattenseiten wollen ja gezähmt, die Lichtseiten geschöpft werden. Der kreative Umgang mit uns selbst, eine Phantasie zu haben, einen Traum, Rituale, die gelebte Kreativität, die Künste, Beziehungen, der Körper sind uns Verbündete in der Wandlung.

Selbstvergessenheit und Kreativität

In der Selbstvergessenheit der Kreativität schöpfen sich immer mehr unsere Begabung und Gabe. Begabung, unser Talent, Liebende zu werden; die Gabe, das Instrument, dem Wohl der Allgemeinheit zu dienen. Aus ihnen entspringen aus dem Zeitlosen das Mit-Gefühl, der Mit-Schmerz, die Freude, eine Alleins-Erfahrung. Es ist die uns geschenkte Gnade eines Befreit-Seins von unserer gegensätzlichen Natur zwischen Haben und Sein aus einem Weg, der jeden Tag wieder neu beginnen darf ! Allerdings sind wir dem Kuss der ganzen Welt mit jedem neuen Aufbruch versehrter und heiler näher gekommen. In der Gabe, die uns zur Aufgabe zum Wohl aller wird, findet sie selbst ihre tiefste Bestimmung. In dieser Verwirklichung verbinden sich in uns als Mensch Traum und Wirklichkeit.

Author Placeholder

ein Artikel von

Ute Karin Höllrigl

Teile deine Meinung auf