IN KRISENZEITEN und Phasen des Umbruchs vergewissern sich Menschen gerne ihrer individuellen und kollektiven Ursprungsgeschichten. Gedächtnis und Erinnerung bilden ja eine elementare Grundvoraussetzung für das Selbstverständnis des Individuums und die Identität einer Kulturgemeinschaft. Vielleicht ist es daher auch der Mühe wert, uns die eine oder andere mythische Anfangsgeschichte Europas in Erinnerung zu rufen. Mit seinen Bildern ist der Mythos ein zeitloser Spiegel, in dem wir unsere (Ab-)Gründe betrachten können. Wir erzählen dabei von unserem Europa, das reich an Geschichte und Geschichten, bedacht auf seine Vernunft, stolz auf seinen Intellekt und seine Aufklärung, aber auch ( je nach Perspektive) überheblich, respektlos und voller Gier in eine immer tiefere ( Identitäts-)Krise schlittert.
Das schöne Mädchen Europa stammte als phönizische Prinzessin aus der Gegend des heutigen Syrien und des Libanon. Zeus, der die Prinzessin mit Freundinnen auf einer Frühlingswiese nahe der Stadt Tyros beim Spiel erblickte, entbrannte sogleich in Liebe zu ihr, ohne auf die fremdländische Herkunft Europas zu achten, verwandelte sich in einen Stier, umschmeichelte das Mädchen, ließ sie auf seinem Rücken Platz nehmen, lief mit ihr zum Strand und schwamm dann mit seiner Beute bis nach Südkreta. Dort gibt er sich zu erkennen, vereinigt sich mit Europa und zeugt so König Minos, der zum Begründer der minoischen Kultur wird. Ihm und seinem Baumeister Dädalus verdanken wir das Labyrinth, ein Symbol für die Irrgärten des menschlichen Bewusstseins, Ariadnes Faden hilft uns so wie einst ihrem Geliebten diesen Wirrnissen zu entkommen.
Schließlich kann uns der tragische Absturz des Ikarus, der mit seinem Vater einen völlig neuen Weg für ihre Flucht wählen sollte, warnen und deutlich machen, dass die Folgen des Verlustes der Mitte (medium iter) und die Selbstüberschätzung (hybris) oft erst an einem »point of no return« erkannt werden.
Eine andere Erzählung führt uns aus der Peloponnes nach Ägypten und wieder zurück nach Europa: Diesmal verliebt sich Zeus in eine Tochter des Flusses Inachus. Um sein Liebesabenteuer vor Hera zu verheimlichen, verwandelt der Göttervater Io – so der Name dieses Mädchens – in eine Kuh. Die gekränkte und eifersüchtige Hera treibt das arme Geschöpf durch alle Lande bis nach Ägypten. Dort findet die Gejagte schließlich am Nil Ruhe und erhält wieder ihre ursprüngliche Gestalt1. Sie gebiert nun dem Olympier einen Sohn namens Epaphos, der wiederum zum Vater der Libye (vgl. Libyen) wird. Einer ihrer Enkel flüchtet nach einem Streit um die Macht mit seinen 50 Töchtern aus Afrika nach Griechenland. Sein Name war Danaos, dementsprechend heißen seine (nun griechischen) Nachkommen Danaer. Ihm verdanken wir somit das trojanische Pferd als sogenanntes Danaergeschenk, von seinen Töchtern, den Danaiden, die in der Unterwelt wie König Sisyphos eine endlose und fruchtlose Arbeit verrichten müssen, stammt die Wendung vom Fass ohne Boden.
Seit einem von Plato geschilderten Gespräch des Sokrates mit dem Provokateur Kallikles, wie der Mensch zu seinem Glück gelangen könne, ist diese Wendung gerade für uns Europäer zum Warnsignal geworden: Sein Begehren dürfe man nicht zügeln, in Schwelgerei und ohne Schranken müsse man leben und stets auf der Jagd sein, um seine Gier zu befriedigen, so die Position des Kallikles. Sokrates lobt die freimütige Äußerung des Gesprächspartners, doch hat er einen entscheidenden Einwand: Diese unersättliche Jagd könnte den Jäger bald zum Gejagten machen. Wir müssten dann wie die Danaiden ständig in ein leckes Fass, das nichts zu halten vermag, hineinschütten. Kallikles versucht es darauf noch einmal: Gerade darin, lieber Sokrates, dass möglichst viel in das Fass hineinfließe, bestehe doch die Lust. Darauf Sokrates: Wo viel hineinf ließe, müsse bei einem Boden mit großen Löchern wieder viel hinaus fließen. Das sei doch eher das Leben einer Ente 2 als das eines Glücklichen.