Ein Gespenst geht um
Ein Gespenst geht um
Brennstoff Nr. 39 | Lojze Wieser | 10.07.2026

Tradierte Ungerechtigkeiten über Bord werfen, ein modernes und gerechtes Europa schaffen

Ein Gespenst geht um in Europa: Sezession oder territoriale Integrität. Separatismus oder Demokratie? Sprachen und Kulturen suchen ihr Licht unter der Sonne. Die Sezessionsbewegungen, wie sie allgemein benannt werden, haben den reichen Westen erreicht und bedrohen die nach dem Zweiten Weltkrieg entstandene territoriale und politische Integrität. Solange sie sich in den ärmeren Teilen Europas abgespielt haben, wie z. B. am Balkan, waren sie für die Eliten der Welt noch nicht brisant.

Das Jahrhundert der Kriege, das 20. Jahrhundert, hat das Drei-Nationen-Prinzip, wie es Karl Fürst Schwarzenberg nennt, zum Heiligtum erhoben. Es handelt nach der Einteilung: die herrschende, die taktisch notwendige und die unterdrückte Nation. Nach diesem Prinzip haben die jeweils die Weltgeschicke dominierenden Nationen die Welt unter sich aufgeteilt. Das kann man sehr deutlich anhand der Szenarien nach dem Ersten und nach dem Zweiten Weltkrieg studieren. Der Zerfall Jugoslawiens war in neuester Zeit ein Lehrbeispiel und gegenwärtig sind wir wieder Zeugen neuer Separationsbestrebungen – im Osten in der Ukraine und der Krim, im Westen auf der iberischen Halbinsel, in Schottland, bei den Flamen, den Wallonen und vielen anderen Teilen in Europa.

Solcherart sind nach dem Zerfall der Österreich-Ungarischen Monarchie Nationalstaaten (Österreich, Tschechoslowakei u. a.) entstanden und haben auf ihrem Territorium Zahllose zu Minderheiten gemacht, die sie zur Assimilierung drängten.

Ob die heutigen Neugründungen von Staaten richtig oder falsch sind, soll an dieser Stelle nicht diskutiert werden. Hier gilt es einzig und allein festzustellen, dass es kein allgemein geltendes Prinzip gibt, nach dem den Einen schon, den Anderen nicht die Nationalstaatsgründung erlaubt wird.

Es gibt kein Prinzip, nach dem die EU agiert und es gibt keine strategische Antwort auf die Frage, wie Kulturen und Sprachen, die in der Zeit, als die stärkste beherrschende Nation den jeweiligen Staat prägte, ihr Territorium verloren, überleben sollen und wie sie in das angedachte und vielgepriesene »Friedensprojekt Europäische Union« einbezogen werden könnten. Man hat das Gefühl, als ob die agierende Politik mangels anderer Alternativen versucht ist, einen einzigen großen europäischen Nationalstaat zu schaffen.

Reichsterritorien, egal welche, sind in der Vergangenheit meist an sich selbst und in viel Leid zerbrochen. Es kann nicht sein, dass man den Schotten, den Katalanen, den Basken, den Flamen, den Bretonen, den Albanern, den Makedoniern, den Kurden usw. auch heute wieder als einzige Antwort die territoriale Integrität des meist aus vielen Ungerechtigkeiten entstandenen jeweiligen Nationalstaates entgegenhält. In einer solch angestrebten Lösung, aber auch in neuer- lichen Gründungen von neuen Nationalstaaten wird nicht die Antwort zu finden sein.

Die derzeitige Debatte leidet an der Perspektivlosigkeit und an mangelnder Phantasie. Vielerorts wird vom »übersteigenden Nationalgefühl« gesprochen; es wird wieder einmal das »Europa der Regionen« als rettende Antwort beschworen; auch darauf wird hingewiesen, dass es sich lediglich um »Separatisten mit dicken Brieftaschen« handelt. Alle diese Über legungen, auch wenn sie den einen oder anderen wahren Kern in sich tragen, greifen zu kurz.

Ohne in einen allgemeinen geschichtlichen Exkurs einsteigen zu wollen, kann man feststellen, dass eine grundsätzliche Fragestellung fehlt: Wie ist das Selbstbestimmungsprinzip der Nationen heute zu verstehen, wie ist es mit den Menschenrechten zu vereinen und wo kommt die soziale Gerechtigkeit her?

Nehmen wir das Land der Basken, Katalanenmund der Galegos auf der iberischen Halbinsel. Revolution und Reaktion stehen eng beieinander, oft duckt sich die eine und die andere schaut vor und umgekehrt. Derzeit liegt die Arbeitslosigkeit von Jugendlichen zwischen 16 und 19 Jahren bei bis zu 70 %. Unter den Fünfundzwanzigjährigen ist jeder zweite arbeitslos. Und doch sind sie erfindungsreich und voller Phantasie. Sonst hätten sie bis heute nicht überlebt.

Ihr Beispiel ist eine Widerspiegelung des ohnmächtigen Versagens, der heutigen europäischen Wirklichkeit näher zu kommen – Wege zu finden, wie Kulturen und Sprachen ohne Territorium in einem demokratischen Europa überleben können und dadurch die Grundlage für eine friedliche Entwicklung des Kontinentes geschaffen wird. Das zu ermöglichen, ohne die zentrale, sich zunehmend in den Vordergrund drängende gesellschaftliche Frage zu stellen, ist nicht vorstellbar, liegen darin doch die Wurzeln für die in Form von neuen Unabhängigkeitsbewegungen zutage tretenden, über Jahrzehnte übersehenen und missachteten Probleme der Nationen 3. Klasse.

Es wird langsam, aber zunehmend deutlicher, wo sich die gesellschaftlichen Widersprüche reiben. Es verlangt ein genaues Hinsehen und Hinterfragen, bewegen sich doch Lösung und die Gefahr, ins Falsche abzugleiten, auf dem selben schmalen Grat, zumal die Suche nach großen Antworten ( Kapitalismus, Imperialismus versus Sozialismus, Blockfreiheit ) bisher immer wieder gescheitert ist.

Die Menschen horchen in die Zukunft – bloß dem, was sie hören, können sie kaum trauen. Entweder ist es so leise bis nicht verständlich, oder es ist mit so viel Schimmel und Rost belegt, dass es keine Anregung bietet, angenommen zu werden. Und euphorischen großen Reden, sofern es überhaupt solche gibt, will man auch nicht so richtig trauen. »Übersteigertes Nationalgefühl ist noch immer ein großes Hemmnis für die europäische Einigung« schrieb vor Kurzem ein Kommentator in der »Kleinen Zeitung« und denkt, dass die Zusammenführung Europas der Nationalstaaten in einem Bundesstaat dabei eine Lösung sein könnte.

Die Gründung von neuen Nationalstaaten ist keine erstrebenswerte und zeitgemäße Antwort. Aber welche Antwort bietet man Menschen, die ihre katalanische, baskische, serbische, kroatische, nieder- oder obersorbische, flamische, makedonische, albanische ... Sprache sprechen wollen und sie im öffentlichen Raum ebenso sichtbar haben wollen, wie die Sprache des Landes, in dem sie bisher, trotz widriger Umstände, zu überleben hatten?

Kulturen und Sprachen ohne Territorium, die bisher und bis heute überlebt haben, tragen die Zukunft in sich, denn sie sind ohne Nationalstaat ausgekommen, haben sich der Assimilation widersetzt und sind im Überlebenskampf vital und erfindungsreich, auch wenn sie selbst, Macht und Einfluss erreichend, nicht gefeit sind, bisweilen chauvinistischen Methoden zu unterliegen oder im Umgang mit anderen, noch Schwächeren, diese anzuwenden.

Der erste Schritt zu einem neuen, gleichberechtigten Zuhause in Europa (und in der Welt) wird es sein, die tradierten Ungerechtigkeiten über Bord zu werfen. Wir sollten jene, die über Jahrzehnte, wenn nicht über Jahrhunderte, ungerecht behandelt wurden, um Verzeihung bitten und ihnen ein glaubwürdiges Angebot unterbreiten, welches die Zukunft, basierend auf einer neuen Wirtschaftsordnung mit Achtung und Würde für jede/n Einzelne/n zur Realität werden lässt. Wir brauchen ein neues Denken, das sich historisch verwachsenen und falschen Wirklichkeiten entsagt.

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ein Artikel von

Lojze Wieser

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