ULRIKE JUZA
geboren 1967, ist Werbetexterin, Autorin, Feldenkrais- Lehrerin und Visionssucheleiterin.
Am ersten Juli 2022 saß Heini im Waldviertel auf der Bank vor seinem Arbeitszimmer in der Sonne und klagte, dass er sich die Zehennägel schneiden musste. Ich konnte in dem Moment nur erwidern: „Bitte sei doch froh und dankbar, dass du da bist und das tun kannst.” Damit wäre alles gesagt.
Rudern wir aber im Lebensfluss ein Jahr zurück. Am zweiten Juli 2021 wollte ich zum Porträtfotografie- Kurs mit Werner Bauer in der GEA Akademie aufbrechen. Das Leben wollte mich woanders haben und brachte mich ins Krankenhaus. Dort wurde fünf Tage später bei einer Notoperation ein Tumor entdeckt, der schon meinen Dickdarm perforiert hatte.
Die Erfahrung hat mich an die Schwelle zur anderen Welt und mir leibhaftig den Wert jedes Augenblicks vor Augen geführt. Der Krebsforderte von mir gründliches Sterben aus meinem alten Leben. Wandlung, der ich mich lange entgegengestemmt hatte. Ich wusste, wollte ich lebend durchkommen, musste ich mein Herz bis zur letzten Kammer öffnen. Aus Mauern in mir Brücken bauen, hin zu der Krankheit und hinaus in die Welt, Verbindung schaffen zwischen Disziplinen der Heilkunst und selbst einbringen, was ich konnte.
Das Fährboot kehrte um, setzte mich wieder herüben an Land, und ich schrieb in mein Journal: „Bin in lebendigem Bezug mit der Wach und der Traumwelt, wirklich bin ich in beiden Wirklichkeiten.” Nachtträume wiesen mir den Heilungsweg, mein Körper folgte ihnen durch unbekanntes Terrain, und er benötigte die Begleitung vieler Menschen. Damit ein Mensch überlebt, braucht er alle anderen. Allein sind wir bald tot. Das wissen wir. Gesellschaftliche und humanitäre Fragestellungen dürfen bei uns selbst beginnen.
Meine Eingeweide erzählten mir, dass das Mysterium in den kleinsten Dingen wirkt. Aus einem Erdapfel wird Blut, Haar, Kot – wird Flade oder Wurst, alles ist Leben, Verwandlungskraft. Mit Demut und Zugewandtheit lernte ich, mich und alles, was war, zu lieben. Heini schaut auf. „Wahnsinn, du hast das überlebt und schaust super aus. Wo nimmst du die Kraft her?” Es ist die Hingabe. Unser angeborenes Wissen, dass ES geschieht. Aufblühen, Abblühen, Gehaltenund Bewegtsein im Jahresrad. Das Leben gibt es nicht ohne das Sterben. Etwas von uns geht immer in die gute Nacht, solange wir das Licht der Welt erblicken.
Das Leben ist vor dem Leben und nach dem Leben, ist immer. Mit dem Sterben, in jedem Atem- zug, entbindet es uns in das, was größer ist als wir. In meinem Tagebuch steht: „Der Primar: „Die Entzündungswerte sind mächtig.“ Das Leben ist es auch.” Wir leben, um zu sterben und sterben, um zu leben. Eines speist das andere. Es gibt keine Trennung der Welten. Alles ist Übergang. Das Gegenteil zum Tod ist die Geburt. Diese beiden sind unsere großen Übergänge. Tod hier ist zugleich Geburt im Jenseits. Wir ändern nur die Form. Mit Sorgfalt im Blick können wir das fließende Licht sehen.
Das große Gehenlassen war zugleich das große Geschenk. Die ärgste Zeit meines Daseins war auch die fröhlichste. Beim zweiten Anlauf zum Porträtfotografie-Kurs also saß Heini auf der Hausbank. Himmelsnah, ein Moment in der Unendlichkeit, aus der er kommt und in die er geht. Heini: „In deiner Geschichte die Möglichkeit vom Tod gefällt mir sehr gut.” Befreiend ist er, der Lebensfluss. Wie er trägt und alles, was kommt, auch wieder gehen darf. Die Zehennägel im Garten vertrauen sich den Elementen an. Sie werden Staub, Erde.