Roland Berger ist Biologe und Demeter-Imkermeister.
„Honig ist die erste Wohltat, die Gott den Menschen erwiesen hat“ lesen wir im Koran. Und im Alten Indien galt Honig als in Materie verwandelte Liebe. Ja, eine wichtige Gottheit war dort Madhukara, was wörtlich übersetzt „Honigmacher“ heißt. Er ist der Gott, der den Menschen die Liebe bringt. Honig als materialisierte Liebe? Und sind Bienen dann die Liebesboten? Wie kommt das?
Was heißt denn hier Liebe?
Indem sich zwei Wesen füreinander öffnen und das Beste von sich geben, beschenken sie sich gegenseitig und gehen reicher aus dieser Begegnung hervor. Im Zusammenspiel von Blüten und Bienen wird uns genau das vor Augen geführt. Welch schönes Bild für die Liebe.
Geschenk an die Bienen
Die Blüten produzieren aus freien Stücken Nektar und Blütenstaub und rufen den Bienen zu: „Kommt her, das ist alles Geschenk für euch. Bedient euch. Es ist reichlich da!“. Mit ihrem Duft und ihrer Schönheit weisen sie den Bienen den Weg. Die wiederum folgen dem Ruf, schaukeln von Blüte zu Blüte, nehmen die Geschenke in Empfang, tanken den süßen Saft und schnüren sich Pakete mit wertvollem Blütenpollen an ihre Hinterbeine.
Geschenk an die Pflanzen
Dabei geschieht es, dass sie in ihrem Eifer beim hingebungsvollen Herumwuseln in der Blüte, kleinste Mengen von Blütenstaub verlieren und ihn somit von Blüte zu Blüte bringen. Damit wiederum machen sie den Pflanzen das größte Geschenk, das nur denkbar ist, indem sie ihnen ermöglichen, ihre Bestimmung zu erfüllen: denn durch den zugetragenen Blütenstaub kommt es in jeder Blüte zur Befruchtung und so kann sich aus der Blüte eine Frucht entwickeln. Darin reifen dann die neuen Samen heran, die später zu neuen jungen Pflänzchen auskeimen und so den Lebensfaden immer fort spinnen werden. Ich stelle mir vor, wie die Flugbahn jeder einzelnen Biene mit einem dünnen goldenen Faden sichtbar und damit die gesamte Landschaft von einem zarten Gewebe überzogen wird, einem feinen goldenen Vlies, das der Natur neues Leben bringt.
Im Dunklen des Bienenstocks
warten tausende Bienen auf die heimkehrenden Sammelbienen. In einer zarten Berührung von Bienenrüssel zu Bienenrüssel übergibt jede ankommende Biene ihr Nektar-Tröpfchen an eine Biene im Innendienst. Diese schluckt es und behält es kurz in der Honigblase. Dort fügt sie dem Nektar eine kleine Menge an Drüsensekret zu und reichert es so mit Enzymen und anderen wertvollen Stoffen an. Gleich darauf nimmt sie Kontakt mit einer weiteren Biene auf und übergibt ihr das süße Tröpfchen über einen weiteren Bienenkuss. Das Tröpfchen wandert in der Folge im Stockdunklen etwa 300 mal von Biene zu Biene. Jedes Mal werden wertvolle Inhaltsstoffe zugesetzt und Wasser wird entzogen. So entsteht aus dünnflüssigem Blüten-Nektar dickflüssiger, goldener Honig, die „Speise der Götter“, - reine Medizin für uns Menschen.

Die schönere Welt, die unser Herz kennt ...
Ich staune und träume und ich verspüre die Gewissheit, dass, wie es Charles Eisenstein so wunderbar sagt, „die schönere Welt, die unser Herz kennt, ist möglich“. Eine Welt, in der wir von einer Gesellschaft der Herrschaft zu einer der Teilhabe übergehen, von der Unterwerfung zur gemeinsamen schöpferischen Tätigkeit, von der Ausbeutung zur Regeneration, von der Schädigung zur Heilung und von der Vereinzelung zur Liebe.