Der Knacks und nichts mehr ist wie zuvor
Der Knacks und nichts mehr ist wie zuvor

Aus dem Buch von Roger Willemsen ,,Der Knacks".

UTOPIA - Thomas Morus

machte sich zu Anfang des 16. Jahrhunderts lauter konstruktive Gedanken über eine ideale Gesellschaft, und bis in die Arbeitspläne und die Feierabendgestaltung hinein suchte er die Vision eines freiheitlichen und gerechten Staates zu umreißen. In einem besonnenen Schritt schaffen die Utopier zunächst das Gold ab und sich selbst damit eine Menge von Problemen und Hierarchien vom Hals.

Gold bleibt künftig den Kindern

und den Einfältigen zum Spielen vorbehalten, es ist jeden Tauschwertes beraubt. Als nun eine politische Delegation aus einem Nachbarland anreist, haben die hohen Repräsentanten der fremden Nation viel Gold und Schmuck angelegt, während die Sklaven schmucklos und unauffällig gewandet daherkommen. Entsprechend halten die Utopier die Delegationsleiter mit ihren goldenen Ketten für gefesselt, für kindisch oder närrisch und wenden sich an die ungeschmückten Sklaven, die sie in ihrer Schmucklosigkeit als die wahren Herren willkommen heißen. Mir erscheint die Hinwendung zu den Sklaven in dieser symbolischen Erzählung als Gestus der humanitären Vernunft, und man muss nicht wie die Utopier die Nichtigkeit des Besitzes propagieren, um sich mit ihnen zu wundern, »dass es einen Menschen gibt, dem das trübselige Funkeln eines winzigen Splitters oder Steinchens Spaß macht, wo er doch die Sterne oder selbst die Sonne betrachten kann, oder der so unsinnig ist, dass er sich wegen eines feineren Wollfadens für vornehmer dünkt, während doch diese Wolle selbst, wie fein auch der Faden sein mag, einst ein Schaf getragen hat, das dabei doch nichts anderes gewesen ist als ein Schaf.

Selbst der Mensch gilt weniger

Sie verstehen genausowenig, dass das von Natur aus unnütze Gold heutzutage überall in der Welt so geschätzt wird, dass selbst der Mensch, durch den und vor allem für den es diesen Wert erhalten hat, viel weniger gilt als das Gold, ja dass irgendein Bleischädel, der nicht mehr Geist als ein Holzklotz besitzt und ebenso schlecht wie dumm ist, dennoch viele kluge und wackere Männer in seinem Dienst haben kann, nur deshalb, weil ihm ein großer Haufen Goldstücke zugefallen ist.

Armut und das Selbstbild der Gesellschaft

In der Armut wird das Selbstbild der Gesellschaft gekränkt und bestätigt: gekränkt, weil ihre idealen Bilder ohne Rückstände produzieren möchte, bestätigt, weil sie diese Armut ja selbst herstellt, die Produktion von Armut also genau so forciert wie ihr Pendant, den Wohlstand.

Verkäuflichkeit und Käuflichkeit

In dieser Kultur, und das heißt auch in den Beziehungen der Menschen untereinander, hat sich der Wert der Verkäuflichkeit und Käuflichkeit derartig verselbständigt, dass Menschen schon degradiert werden, weil sie nicht am Warenverkehr teilnehmen können oder wollen. Jede Gesinnung, jedes Phänomen, jede Leistung wird auf optimale Verkäuflichkeit untersucht und abgerichtet. Unvorstellbar, welche Kultur sich entwickeln könnte, wenn nicht jede Lebensregung an ihrer Markttauglichkeit gemessen, wenn Zugang zur Öffentlichkeit nicht nur Dingen verschafft würde, die sich verkaufen lassen, wenn, mit einem Wort, jeder täte, was er gesellschaftlich für wichtig, und nicht, was er für profitabel hielte. Eine Utopie mehr.

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