Warum wir auf dem Pfingstsymposium in Schrems über Franz von Assisi und das „einfache Leben“ geredet haben.
Dieser Text sollte eigentlich noch vor dem Pfingst-Symposium über Franz von Assisi erscheinen. Ein Wechsel im Erscheinungsmodus des „Brennstoff“ macht ihn zu einem Text danach. Ist er darum überholt und entbehrlich geworden? Einerseits ja, denn die Aufführung, die zum Fest gemeinsamen Nachdenkens über ein Thema (das machtlose Denken, das weiche Wasser, das den Stein höhlt) wurde, ist bereits über die Bühne gegangen. Und dennoch nein, denn wie es bei Hegel heißt, beginnt die Eule der Minerva erst in der Dämmerung ihren Flug. Alles Denken ist auch ein Nach-Denken – und bleibt somit hinter dem Geschehen zurück. Darum gibt es streng genommen kein Zu-spät-Kommen, denn jede Frucht reift nach ihrem eigenen Zeitmaß. Also lassen wir uns die Zeit, spielen die Fragen im Kopf noch einmal durch, damit sie in uns Spuren hinterlassen.
Das einfache Leben war der Leitspruch, dem Franz von Assisi folgte. Einfach heißt nicht unkompliziert. Es ist, wie Brecht wusste, schwer zu machen. Denn es versucht die vielen Widersprüche, die natürlich nie aufhören in uns zu rumoren, in eine lebbare Form zu bringen. Vielleicht sogar in eine Art Harmonie? Man sollte also auf keinen Fall „einfach“ mit „primitiv“ verwechseln. Das Einfache ist es, was sich in der Evolution immer gegenüber dem Umständlichen durchgesetzt hat. In der Technikentwicklung verhält es sich ähnlich. Die einfachste Lösung scheint also die beste - aber sie ignoriert komplexe Zusammenhänge keineswegs, darum ist das Einfache auch so schwer zu machen. Das Einfache in diesem Sinne ist die Essenz des Vielen.
Franz von Assisi steht vor uns als einer der ersten modernen Menschen. Er muss (und kann!) sich entscheiden, ob er das bürgerlich-komfortable Leben seines Vaters, der als Tuchhändler reich geworden ist, weiterführen will oder nicht. Er hat früh Dinge erfahren - ein Jahr als Kriegsgefangener im Gefängnis von Perugia, das er nur mit Glück überlebte - die ihn daran zweifeln lassen, dass die Welt nach Gottes Willen eingerichtet ist. Nein, auch Jesus, der einfache Mensch ohne Stand und Vermögen, litt am Kreuze wie es jeder von uns heute tun würde, der derart gequält wird. Und kein Gottvater half ihm.
Das heißt, für die Art unserer Weltordnung sind wir selbst verantwortlich. Franz von Assisi entscheidet sich Anfang des 13. Jahrhunderts dafür, die Nachfolge Christi anzutreten, in einer brüderlichen Gemeinschaft, so wie es die ersten urchristlichen Gemeinden in der römischen Antike taten. Er will weder Macht noch Geld erlangen, aber denen, die vom neuen Reichtum der Städte ausgeschlossenen wurden, ihre menschliche Würde zurückgeben. Was in deren Armut auch an Erkenntnismöglichkeiten steckt, werden Franz und die Minderbrüder zu erfahren suchen. Franz von Assisi bietet den Mächtigen einen Ausweg an: nicht Aufstand, nicht Revolte der Ausgegrenzten ist sein Ziel, sondern die „große Aussprache“ im Lande. Wie wollen wir künftig in dieser Welt zusammen leben, nach welchen Regeln, Werten und mit welchen Zielen? Wieviel vom „neuen Menschen“, den Jesus verkörperte, tragen wir bereits in uns und kann er uns den Weg aus der selbstverschuldeten Krise weisen? Solcherart grundsätzliche Fragen hört die Kirche im 13. Jahrhundert, die reich und mächtig geworden ist und zudem mit den feudalen Herrschern verbandelt ist, keinesfalls gern. Denn dies sind auch Fragen, die die Ketzer stellen und das überaus offensiv. Sie erblicken, dem urchristlichen Geist folgend, im Papst den Antichrist. Darum werden sie von der Kirche verfolgt. Aber es werden immer mehr von ihnen. Die Katharer (dem Wortsinne nach: die Reinen!) etwa sind in Frankreich sehr verbreitet und wie die Waldenser im Volke beliebt. Was unterscheidet Franz von Assisi von den Ketzern? Von der Sache her wenig, nur ist er moderater in seinem Auftreten dem Klerus in Rom gegenüber. Er bittet Innozenz III. sogar demütig um Erlaubnis, mit seinen Brüdern durchs Land wandernd predigen zu dürfen. Die Kirche ist derart tief in die Krise geraten, dass Franz statt verketzert zu werden - tatsächlich die Erlaubnis erhält, wenn auch nur mündlich.
Franz also ist immer beides zugleich: ein Heiliger (zu dem ihn die Kirche schon zwei Jahre nach seinem Tod erklärt) und ein Ketzer. Diese Mischung hat es in sich und sprengt jeden kirchlichen Rahmen. Er weiß um die Gründe der Krise, in die die ganze Gesellschaft geraten ist: der solidarische Geist ist ihr abhanden gekommen! Die Minderbrüder sollen die Laien zurück in die Kirche holen - so das Kalkül von Innozenz III., der sich eine Art Frischzellenkur für die erstarrte Institution erwartet. Mit Franz von Assisi als Idol versucht sich die Kirche neu im Volke zu verankern. Aber die Energien der franziskanischen Bewegung gehen weit darüber hinaus. Der urchristliche Geist ist aus der Flasche und ein neues Menschen- und Weltbild bricht sich Bahn. Doch die Frage bleibt, wie ein „einfaches“ - also auch gerechtes - Leben möglich ist. Darüber haben wir auf unserem Symposium in Schrems - mit sehr verschiedenen Hintergründen und Herkünften - debattiert. Die Frage etwa, ob Askese militant und kulturzerstörerisch oder eine notwendige Beschränkung ist, stellt sich seit dem franziskanischen Streit der Konventualen und Spiritualen im Mittelalter immer wieder neu. Umberto Eco schrieb in „Der Name der Rose“ darüber und es wurde zwangsläufig zur Kriminalgeschichte. Wie etwa konnte es passieren, dass nicht lange nach dem Tod Franz von Assisis der Franziskanerorden Mitinitiator der Inquisition wurde und viele Spirituale aus dem eigenen Orden als Ketzer auf den Scheiterhaufen schickte? Wieviel aufklärerisches Bewusstsein und wieviel Fanatismus stecken in dieser Bewegung? Für Franz von Assisi als Gründer einer Brüdergemeinschaft, die - aus gutem Grund - kein Orden sein wollte, stand immer ein solidarisches Miteinander von Mensch und Mensch sowie von Mensch und Natur im Mittelpunkt. Ein einfaches, aber dennoch reiches Leben - etwas, das bis heute schwer zu machen ist. Denn der franziskanische Geist führt die schnöde Interessenhaftigkeit, die zu Gewalt und Krieg führt, immer wieder ad absurdum.
Ein Verrückter. Schon damals also provozierte die Botschaft der frater minores jene, die ihre materiellen Pfründe bedroht sahen. Sie erklärten Franz zu einem Narren, der sich der Logik, nach der diese Welt funktioniert, verweigere. Ein Verrückter! Tatsächlich gebärdete er sich oft als ein solcher, er war ein Ekstatiker und folglich auch ein Performer vor dem Herrn. Er sprach nicht gern über die Bibel, aber dafür erfand er unerhört sprechende Symbole, die bis heute fortwirken. Als man ihn einmal aufforderte, über das Thema Buße zu predigen, griff er sich einen Eimer mit Asche und schüttete ihn sich über den Kopf. Das war sein Beitrag, den Rest überließ er seinen Zuhörern. Walter Nigg schreibt: „Das heilige Gottesnarrentum besaß die Eigentümlichkeit, ansteckend zu wirken. Trotz der Einfalt übte Franziskus mit seiner in jeder Beziehung ungewohnten Existenz auf viele Menschen eine unwiderstehliche Anziehungskraft aus.“
Eigensinnig und unabhängig.
Das Beispiel, das Franz von Assisi gibt, frappiert bis heute. Denn er folgt nur dem Ruf jener Stimme, die er in sich hört, bleibt ganz und gar unabhängig. Das macht ihn am Ende seines Leben sogar zum Außenseiter im eigenen Orden, der immer stärker Teil der Kirche wird. Franz aber bleibt eigensinnig seiner Ursprungsidee der fratres minores treu. Das klingt einfach, aber ist schwer - oder gar nicht? - zu machen.