MUSEUM HUMANUM
Das schönste Museum, das ich je gesehen habe. Es will - mit tausenden Exponaten - nichts anderes als das Urgeheimnis des Menschen zu umkreisen.
In der Eigendefinition sagt er zu seinem Museum, - "ein kleiner Schauplatz menschlicher Imaginationen" ... es öffnet wieder im Mai
https://www.noemuseen.at/museum/detail/museum-humanum/
https://www.kulturbruecke.com/museum-humanum
Ein Beitrag zur Restitutions-Debatte
Von Peter Coreth
Museen für außereuropäische Kunst haben es derzeit nicht leicht. Sie werden mit Fragen überhäuft, die sich nicht auf Werkverfahren, Ikonografie oder kultische Bedeutungen beziehen, sondern vornehmlich auf die Provenienz ihrer Exponate. BesucherInnen wollen neuerdings wissen, wie der Nagelfetisch einer zentralafrikanischen Geheimgesellschaft oder das Trinkhorn eines Königs aus den westafrikanischen Grassfields nach Österreich gelangen konnten? Und ob sich so etwas überhaupt hier befinden darf?
Eine blutige Kolonialgeschichte
Die Verunsicherung infolge einer offensiv geführten Restitutions-Debatte kann nicht verwundern. Die späte Aufarbeitung der blutigen europäischen Kolonialgeschichte und ihre kaum entwirrbaren Verflechtungen mit dem internationalen Kunstmarkt haben Empörung und Misstrauen generiert. Nun lastet ein Generalverdacht auf Museen und Sammlern, den auch lupenreine Herkunftsnachweise nie vollends entkräften können. So findet sich im Gästebuch des Museum Humanum, meiner dem Dialog der Kulturen gewidmeten anthropologischen Studiensammlung in Fratres (Waldviertel), der bittere Eintrag: „Manche Stücke müssten in die Nationalmuseen der jeweiligen Länder zurückgebracht werden – von Ihnen!“ Fragt man nach einer Begründung, erhält man etwa zur Antwort: „Weil sie aus einer anderen Kultur stammen.“ – Aber genügt das schon, um ihre Repatriierung zu fordern?
Wertschätzung für fremde Kulturen
Museen sind Bildungseinrichtungen mit dem Auftrag, Kulturzeugnisse zu sammeln, zu bewahren, wissenschaftlich zu beforschen, zu publizieren und öffentlich zugänglich zu machen. Ist es anrüchig, wenn man versucht, in unserem zunehmend von Migration geprägten Land Empathie und Wertschätzung für fremde Kulturen zu mehren, respektlose Klischees zu bekämpfen und Verständnisbrücken zu bauen, damit der soziale Friede auch in einer multikulturellen Gesellschaft erhalten bleibt? Wer Zugänge zu anderen Vorstellungswelten und Denkweisen schaffen will, braucht aber Anschauungsmaterial! Kunstwerke sind bekanntlich die besten Botschafter ihrer Herkunftskulturen. Sie bezaubern die Menschen deutlich mehr als es Diplomaten vermögen.
Ein Vermächtnis von Sedar-Senghor
So wollte es auch der große afrikanische Dichter, Denker und erster Staatspräsident von Senegal, Leopold Sedar-Senghor (1906-2001) sehen. Der Vater der negritude-Bewegung hatte die Vision von einer Weltkultur, zu der jedes Land gleichberechtigt das seine beitragen sollte, um eine wechselseitige Durchdringung und ein tiefes Verstehen des Unvertrauten zu ermöglichen. Als ich 1975 als junger Redakteur Präsident Sedar-Senghor für die Salzburger Nachrichten interviewte und seine Politik an europäischen Demokratie-Standards messen wollte, strafte er mich mit folgendem Satz: „Sie sollten niemals an eine fremde Kultur die Maßstäbe Ihrer eigenen Kultur anlegen.“ Das gab mir zu denken. Jahrzehnte später wurde dieser beiläufige Satz zum Leitmotiv für mein Projekt Museum Humanum: Ich achtete darauf, jeden Eurozentrismus zu vermeiden. Meine gesammelten Artefakte sollten themenbezogen - ohne Hierarchisierung - in einen transkulturellen Dialog miteinander treten. So fand ich meine Lebensaufgabe als Kulturvermittler. Später bot mir die überraschende Übernahme einer erlesenen Sammlung afrikanischer Ritualobjekte Gelegenheit, mich auch dem Thema Restitution zu stellen.
Kultobjekte oder Kunstwerke?
Beginnen wir mit dem Kunstbegriff, dessen unterschiedliche Auslegung leider Verwirrung stiftet. Die Objekte der traditionellen afrikanischen Gesellschaften haben ihren Ursprung im Kult, im Zauber, im Mythos, in der Religion. Sie dienten als Wohnsitz von Geistern und mussten bestimmte Wirkungen entfalten. Mit dem europäischen Begriff von Kunst hat das nichts zu tun. Wann sind Masken oder Skulpturen Kultrequisiten und was macht sie zu Kunstwerken? Aus sich heraus sind die herrlichsten Schnitzwerke für die Stammesangehörigen nichts als Holzstücke. Erst die magische Medizin macht etwas aus ihnen, wie der kenntnisreiche Sammler und Mäzen meines Museums, Peter Krejsa, in seinem Buch „Die Haut der anderen“ schreibt. Es braucht immer ein Ritual, um Geister zum Einziehen in diese Gegenstände zu bewegen. Das ist ihr eigentlicher und einziger Daseinszweck. Bevor Nicht-Eingeweihte sie zu „Kunst“ erklären können, müssen sie rituell unbrauchbar geworden sein.
Der Akt der De-Sakralisierung
Was passiert da genau, wenn Masken nach Ansicht ihrer Benutzer ihre magische Wirkung verlieren und ausgedient haben? Für gewöhnlich werden sie de-sakralisiert, die Augen ausgebrochen, die medizinischen Substanzen entfernt. Danach werden sie weggeworfen, verbrannt, oder sie enden als Kinderspielzeug.
Der Gedanke, nutzlos Gewordenes für die Nachwelt zu bewahren, ist afrikanischem Denken fremd. Immer öfter werden solche Artefakte an Ausländer verkauft, die eine exotische Dekoration für ihr Ambiente suchen. Ist eine solche Transformation eines sakralen Bedeutungsträgers legitim, im Sinne einer kulturellen Bestandsicherung vielleicht sogar begrüßenswert? Hier gilt es zu bedenken: Was vor Ort zurückbleibt, fressen zuverlässig die Termiten auf. So erklärt es sich, dass authentische Masken und Holzskulpturen, die sich schon viele Jahrzehnte in der Obhut europäischer oder amerikanischer Sammlungen befinden, als Raritäten eine derart hohe Wertschätzung und Preisentwicklung erfahren haben. Im Klima ihrer Herkunftsländer hätten sie nicht überlebt.
Im Spannungsfeld „lebendig“/„museal“
Hier wäre die Frage zu stellen, ob sich Kultobjekte überhaupt „musealisieren“ lassen? Nun, auch in afrikanischen Nationalmuseen finden wir die Objekte museal präsentiert, während sie in den Kult- und Maskenhäusern der Chefferien nur abgestellt sind und auf ihren Einsatz bei den nächsten Umzügen warten. Hierzulande finden es manche Menschen befremdlich, dass man Objekte dieser Art in Vitrinen ausstellt. Museen sind aber keine Kultstätten, sondern profane Bildungseinrichtungen. Unsere BesucherInnen werden die ehemaligen Kultrequisiten naturgemäß mit anderen Augen betrachten als die Einwohner afrikanischer Chefferien. Dieser andere Blick auf Afrikas Kultur mag fragwürdig sein, doch für uns ist er der einzig mögliche. Denn bei allem Bemühen um Einfühlung hören wir nicht auf, Europäer zu sein.
Daniel Spoerri: Be-sitzen heißt be-brüten
Der Schweizer Avantgarde-Künstler Daniel Spoerri (1930-2024) – als Gründungsfigur der Nouveaux Realistes und der Eat Art in den großen Museen der Welt vertreten – hat dieses Dilemma auf spektakuläre Weise gelöst, indem er ethnografische Artefakte als Ausgangsmaterial für seine eigenen Kunstwerke verwendete. Er griff sie auf, formte sie um, hauchte ihnen neues Leben ein. Den Vorwurf mangelnden Respekts und „kultureller Aneignung“ ließ der obsessive Sammler Spoerri nicht gelten. Als er kurz vor seinem Tod in Begleitung der Fotografin Rita Newman die Afrika-Sammlung im Museum Humanum besuchte, sagte er lakonisch zu mir: „Wir müssen die Dinge be-sitzen, im Sinne von be-brüten“. Was heißt schon Besitz, Sammler sind ohnehin nur Treuhänder auf Zeit.
Europas Verhältnis zur afrikanischen Kultur war nie unproblematisch und meistens ambivalent. Zur Zeit der großen Entdeckungen landeten afrikanische Kultobjekte meist in höfischen Kuriositätenkabinetten. Später brachten die kolonialen Eroberungen bedeutende Objekte in europäische Museen und auf den Weltmarkt: 1874 Sieg der Engländer über die Aschanti; 1894 Sieg der Franzosen über Dahomey; 1897 Plünderung Benins durch die Engländer (um nur einige folgenreiche Ereignisse zu nennen). Nach den Militärs kamen die Missionare, die bis in die 1950er-Jahre bemüht waren, Glaubenszeugnisse fremder Völker aus purer Bigotterie zu zerstören. Was den Missionaren entgangen war, wurde bald von Händlern aufgespürt, die gleichfalls in den Schatzhäusern wüteten. Nicht wenige Afrikaner wurden dazu gedrängt, ihr Kulturgut zu unfairen Preisen zu verkaufen. Fairness im Handel? In den afrikanischen Königreichen war Kupfer begehrt: Kupfer gegen Sklaven.
Kulturzeugnisse von Weltrang
Die kolonialen Raubzüge hatten das Interesse an afrikanischer Kunst weltweit geweckt und diese zur begehrten Handelsware gemacht. Auch hier sind Ambivalenzen unübersehbar: Die Leidenschaft großer Sammlerpersönlichkeiten führte immerhin dazu, dass das rassistische Geschwätz der Bourgeoisie von den „Machwerken der Wilden und Primitiven“ allmählich verstummte. Ende der 1960er-Jahre brachte der Verkauf einiger Sammlungen (Paul Guillaume, René Rasmussen) einen ungeahnten Preisschub für Africana. Endlich erkannte man sie in ihrer Bedeutung als Kulturzeugnisse von Weltrang – ein Umstand, der wesentlich zum Selbstbewusstsein der jungen afrikanischen Staaten beitrug. Sichtbares Zeichen für diesen Paradigmenwechsel war der Einzug afrikanischer Kunst in den Louvre unter Präsident Chirac.
In den Ursprungsländern zeigte sich indes, dass die Bestandsicherung der Artefakte selten gewährleistet war. Bedeutende Objektverluste gab es in den Bürgerkriegen. Zahllose kostbare Werke wurden aus den Chefferien entwendet oder im Zuge von Streitigkeiten und ethnischen Auseinandersetzungen vernichtet. Davon liest man in unseren Feuilletons kaum etwas, weil es das modische Narrativ nicht bedient.
Der Schutzgedanke bleibt wichtig!
In vielen Museen der westlichen Welt ringt man heute um eine klare Haltung in der Restitutions-Frage. Bei allen Überlegungen bleibt auch der Schutz der Kulturgüter verpflichtend, weil bedeutende Kunst (hier mag der universelle Begriff seine Berechtigung haben) eben nie einem Land, Volk oder Besitzer allein „gehört“, sondern für die Menschheit bewahrt werden muss. Dieser Anspruch kann freilich keinen vorangegangenen Raub legitimieren. Grundsätzlich gehören Gegenstände restituiert, die nachweislich in einem Gewalt-Kontext aus Afrika entfernt wurden. Ich halte das für eine schwierige, aber selbstverständliche Bringschuld aller ehemaligen Kolonialmächte. Leider haben sich die nationalen Museen in Frankreich, Großbritannien, Deutschland oder Belgien jahrzehntelang taub gestellt und die Ansprüche der von ihnen beraubten Völker arrogant abgeschmettert.
Dies mag erklären, weshalb der endlich in Gang gekommene Diskurs über Restitution heute so überschießend geführt wird. Neuerdings geraten sogar Objekte in Verruf, bei denen die Möglichkeit, es könnte sich um Raubkunst handeln, nicht mit letzter Sicherheit ausgeschlossen werden kann. Schon hört man Forderungen nach einer Beweislastumkehr: Käufer sollten den Nachweis erbringen, kein Diebesgut erworben zu haben. Übereifrige wollen sogar Objekte in die Herkunftsländer rückführen, die lange nach der Dekolonisierung von Angehörigen afrikanischer Ethnien regulär verkauft oder verschenkt wurden! Hier hat eine Lobby ganze Arbeit geleistet. Gibt man einem Freund ein Geschenk zurück, wird er dies als Beleidigung und groben Undank empfinden. Wer wiederum Geld erhalten und eine Quittung ausgestellt hat, der akzeptiert hoffentlich die Regeln des internationalen Kunstmarkes, wonach ein gutgläubiger Käufer als rechtmäßiger Eigentümer zu gelten hat. Wie sonst sollte ein Kunstmarkt funktionieren, wenn es für Käufer keine Rechtssicherheit gibt?
Restitution ja – bloß an wen?
Fragt man konkret, wer welches Objekt restituieren sollte, auf welcher Rechtsgrundlage und vor allem an wen, erhält man meist keine Auskunft. Weithin herrscht Ratlosigkeit, wer überhaupt für eine Entgegennahme in Frage käme. Das blamable Beispiel aus jüngster Zeit, als Deutschland Preziosen, die für die kulturelle Identität Nigerias angeblich unverzichtbar waren, an einen umstrittenen Nachfahren der Benin-Könige rückerstattete, hat eine erschreckende Blauäugigkeit offenbart. Die in einem Staatsakt feierlich repatriierten Stücke landeten nämlich nicht – wie vertraglich vereinbart – in einem nigerianischen Museum, sondern postwendend in einem Auktionshaus und sind nun für die Öffentlichkeit verloren.
Vielleicht sollten wir uns allmählich daran gewöhnen, dass in einer vernetzten Welt der Verkehrs- und Handelsströme nicht alle Kulturgüter für alle Zeiten an dem Ort bleiben, wo sie hergestellt wurden. Auch muss einmal gesagt werden, dass keine einzige der multiplen Krisen afrikanischer Gesellschaften ihre Ursache in einem Mangel an Kultgegenständen hat. Es gibt diesen Mangel nicht. Wenn ältere Objekte aus dem Kultgebrauch ausscheiden, werden von den hervorragenden Artisans neue geschnitzt und geschmiedet: So bleibt die Tradition lebendig, die kulturelle Identität erhalten.
Ein unbequemer Königs-Thron
Wer vorschnell meint, das Museum Humanum müsste seinen Bamum-Thron - ein persönliches Geschenk des Königs von Bamendjinda – restituieren, hat nie auf ihm Platz genommen. Der prächtige Thronsessel aus Bronze, der König Mbombuo, dessen Familienmitglieder und die sieben Reichsfürsten darstellt, die auf den abgeschlagenen Köpfen besiegter Feinde stehen, ist zwar ein bedeutendes historisches Dokument aus dem Stammesleben des 19. Jahrhunderts - als Sitzgelegenheit jedoch eher ein Foltergerät! Heute thront der König zwar noch zwischen Elefantenzähnen, die ihn als Herrscher ausweisen, jedoch auf dem gepolsterten Fauteuil einer europäischen Möbelhauskette. Lässig entspannt zeigt er sich seinem Volk, das er durch eine Armani-Sonnenbrille betrachtet. Legitimer Wandel im postkolonialen Afrika, da gibt es nichts zu lachen!
Wie unumkehrbar, mitunter fatal, die Verschränkung afrikanischer und europäischer Lebenswelten inzwischen ist, mag aus den Gedanken einer Bamum-Prinzessin hervorgehen: „Ihr seid über unser Weltbild getrampelt, habt uns gedemütigt und unterworfen. Später habt Ihr uns den Segnungen Eurer Absatzmärkte ausgeliefert. Jetzt verlassen auch uns die alten Mächte. Die Geister der Ahnen ziehen sich zurück. Unsere Maskentänze werden Folklore, von Euren Bierbrauereien gesponsert.“