Wir sind nämlich eigentlich ganz anders, aber wir kommen nur so selten dazu
Wir sind nämlich eigentlich ganz anders, aber wir kommen nur so selten dazu
Brennstoff Nr. 41 | Harald Welzer | 10.07.2026

WIE KANN ES EIGENTLICH SEIN, dass man mehr verbraucht als zur Verfügung steht? Ganz einfach: Das, was man jetzt übernutzt, fehlt denen, die es später brauchen. Je mehr übernutzt wird, desto weniger wächst nach oder anders gesagt:

Die gegenwärtigen Verbraucher, also Sie, sind Kreditnehmer, die ihre Schulden an ihre Kinder weiterreichen. Wenn sich das Prinzip der Wachstumswirtschaft über die Welt ausbreitet, heißt das, dass man nicht mehr – wie zu Zeiten der europäischen und nordamerikanischen Industrialisierung im 19. und 20. Jahrhundert – in den Raum expandieren kann, um den Treibstoff für den Antrieb der Zivilisationsmaschine von außen zu holen. Als einzige Ressource zur Erzeugung globalen Mehrwerts verbleibt nur die Zukunft. Die Kultur des ALLES IMMER verbraucht die Zukunft derjenigen, die das Pech hatten, später geboren zu sein als Sie.

Dass Sie relativ gelassen mit diesem moralisch zutiefst verstörenden Sachverhalt umgehen können, liegt wahrscheinlich daran, dass Sie daran gewöhnt sind, ihre Konsumbedürfnisse auf Kosten anderer zu befriedigen. Oder hatten Sie im Ernst geglaubt, dass niemand betrogen würde, wenn Sie ein T-Shirt für 4,95 Euro kaufen oder einen All-Inclusive-Urlaub in der Dominikanischen Republik für 799 Euro buchen?

Das ist auch alles nichts Neues. Neu ist nur: Sie betrügen jetzt nicht mehr nur die anderen, irgendwo da draußen in der Welt, sondern inzwischen auch Ihre eigenen Leute – Ihre Kinder, Nichten, Neffen, Enkel und wer nach Ihnen noch so kommt. Und damit auch sich selbst, denn so schlecht wollten Sie ja nie sein.

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Harald Welzer

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