Wir Idioten: Bis zum Beweis des Gegenteils
Wir Idioten: Bis zum Beweis des Gegenteils
Brennstoff Nr. 35 | Hermann Scheer | 13.07.2026

Regierungen haben zwar die legitimierte politische Verantwortung, aber sie haben keineswegs per se den besseren politischen Durchblick. Die ideellen und praktischen Protagonisten der meisten politischen Umwälzungen sind und waren zunächst

Minderheiten außerhalb der Ministerien und Parlamente; Menschen, die sich auflehnten, deren Anliegen nach vielen Konflikten schließlich in der Gesellschaft – als Demokratie-, Sozial-, Frauen-, Friedens- und Umweltbewegung – oder in Parteien auf Widerhall stieß und deren Zustand veränderte.

In der klassischen griechischen Polis, in der die meisten Grundbegriffe der Politik geprägt wurden, unterschieden die Philosophen zwischen dem zoon politikon und dem idiotes. Zoon politikon bezeichnete nicht den professionellen Politiker, weil die Polis dafür noch zu klein war, sondern den sich für das Gemeinwesen engagierenden Einzelnen. Idiotai hingegen kümmern sich ausschließlich um ihre Privatangelegenheiten. Im antiken Rom sprach man vom Gegensatz zwischen dem »homo politicus« und dem idiota als dem Laien oder Ahnungslosen. Möglichst viele »Politiker«, möglichst wenige »Idioten« – das war das Ideal des demokratischen Gemeinwesens. Als moralische Pflicht und höchster Wert für den Einzelnen galt, sich für die Polis einzusetzen. Verachtenswert war das Desinteresse an ihr, die Konzentration allein aufs Private. Diese Wertigkeit hat sich heute ins Gegenteil verkehrt – und das sogar in demokratischen Staaten. (...)

Je gleichgültiger aber »die Politiker« den Gesellschaftsmitgliedern sind, desto mehr müssen diese mit Politikern rechnen, denen das Schicksal der Gesellschaft relativ gleichgültig ist. Eine überwiegend negative Meinung über Politiker im gesellschaftlichen Bewusstsein, ob zu Recht oder zu Unrecht, bestärkt umso mehr Menschen darin, mit gutem gesellschaftlichem Gewissen der Politik fernzubleiben. Dies setzt den Teufelskreis einer immer fragwürdiger werdenden Politikerauswahl in Gang, rekrutiert aus einer schwindenden Zahl von politisch Aktiven, mit zunehmend anderen als auf das Gemeinwohl bezogenen Wert- und Zielvorstellungen. In Krisenzeiten, also in Zeiten außergewöhnlicher Herausforderungen an die Politik, kann diese Entwicklung eine Gesellschaft substanziell gefährden. Es fehlt ihr dann das unverzichtbare breite Potential an Menschen, die sich mit gesellschaftlichem Engagement und Ausdauer politisch betätigen. Politiker in einer Demokratie spiegeln stets den politischen Kulturzustand ihrer Gesellschaft wider. Unkonventionelles, nichtkonformistisches, nichtlineares politisches Denken muss neu belebt werden. Je mehr sich dafür die Freiheit nehmen, die wir ja – unter unseren Verhältnissen – haben, desto mehr belebt sich eine politische Zivilgesellschaft. Niemals werden sich alle Gesellschaftsmitglieder für die Politik interessieren, und immer nur eine aktive Minderheit will oder kann sich beteiligen. Diese Minderheit stellt die politische Zivilgesellschaft und prägt – als Politiker, Journalisten, Parteimitglieder, außerparlamentarische Akteure, Wissenschaftler – die politische Kultur des Gemeinwesens. Die Befreiung zum politischen Denken beginnt mit der Erkenntnis, dass Politik das Lebenselixier der Gesellschaft ist und der Sinn des Lebens nicht nur im Privaten liegt, sondern auch in politischer Mitwirkung, in welcher Form auch immer. Das individuelle Selbstverständnis eines »zoon politikon« ist das hohe gesellschaftliche Gut. (...)

Jeder Einzelne kann Politik (...) praktizieren: mit eigenen Ideen und Initiativen, mit der Vertiefung in Projekte, mit der Bereitschaft, darüber zu streiten, mit geistiger Autonomie statt Unterwerfung, ohne thematische Selbstbeschränkung. Mit der Einstellung, dass Politik ein Element des ewigen Lebenskampfes zwischen Gutem und Bösem, Besserem und Schlechterem, Altem und Neuem ist. Im Finden und Entwickeln einer eigenen Rolle. Politische Funktionen werden vergeben und genommen, nach eigenen Antrieben, Befähigungen und den Zufällen des Lebens. Die eigene Rolle, das eigene Selbstverständnis und die Selbstidentifikation geben oder nehmen Politiker sich selbst.

Larmoyanz und Frustration über die Widrigkeiten der Politik helfen niemandem weiter. »Wie hältst du das aus?« – diese Frage wurde und wird Politikern gestellt, seit es Politik gibt, also seit der Entstehung der Polis. Die viel wichtigere Frage an alle, die um ihre gesellschaftliche Mitverantwortung wissen, ist: »Wie haltet ihr das aus, untätig zu bleiben und die Politik für die Gesellschaft anderen zu überlassen, von denen ihr den Eindruck habt, dass sie nicht das Notwendige und Richtige tun?«

Die immer wieder auftretenden Brachen der Politik können [ politische Menschen ] nur selbst mit neuer politischer Saat versehen. Mit der Einstellung, wie sie die glühend politisch passionierte Schriftstellerin Arund hati Roy ausgedrückt hat: »Ich tue das, was ich tue, weil ich es tun muss, nicht, weil ich denke, ich werde gewinnen.«

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ein Artikel von

Hermann Scheer

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