Wieder diese Gleichgültigkeit
Wieder diese Gleichgültigkeit
Brennstoff Nr. 38 | Konstantin Wecker | 10.07.2026

Sie haben viele syrische Flüchtlinge interviewt. Welche Geschichten würden Sie der Öffentlichkeit mitteilen?

KARIM EL-GAWHARY Neulich habe ich die Geschichte der Syrerin Soha recherchiert. Sie wollte mit ihren vier Töchtern im Alter von drei bis zwölf Jahren übers Mittelmeer nach Europa fliehen. Ihr Boot ging nicht weit von der ägyptischen Küste unter. Soha hatte als Einzige eine Schwimmweste an und ihre vier Töchter klammerten sich an sie. Soha strampelte, um über Wasser zu bleiben, weil eine Schwimmweste nicht fünf Menschen trägt. Sie wusste, sie musste einige ihrer Töchter loslassen, damit irgendwer überlebt. Aber sie konnte sich nicht entscheiden und wartete einfach ab. Zuerst ließ ihre dreijährige Tochter los, die neben ihr nachts im Mittelmeer wegtauchte. Dann die zweite und dann die dritte Tochter. Schließlich zog die ägyptische Küstenwache sie und ihre älteste Tochter aus dem Wasser. So konnte sie uns diese Geschichte erzählen. Ich denke mir oft, dass man in Österreich über die Gnade seines Geburtsortes nachdenken sollte. Dass es reiner Zufall ist, dass man dort und nicht in Aleppo, Hama oder Homs geboren ist. Das ist für mich das beste Rezept gegen Überheblichkeit und Gleichgültigkeit gegenüber dem, was nur dreieinhalb Flugstunden von mir entfernt jeden Tag passiert.

Österreich ist lediglich bereit, 500 syrische Flüchtlinge aufzunehmen – und bevorzugt hier vor allem Christen. Wie empfinden Sie eigentlich diese Form der Selektion nach dem Glaubensbekenntnis?

KARIM EL-GAWHARY Ich könnte auch sagen, ich nehme nur Kinder oder nur Nichtraucher. Was ist das für eine Herangehensweise? Es ist immer die konkrete Situation der Flüchtlinge, mit der man sich auseinandersetzen muss. Das ist kein muslimisch-christlicher Konflikt. Das ist ein Bürgerkrieg, der unvorstellbares Leid verbreitet, das sich nicht an einer Religionszugehörigkeit festmachen lässt. Neulich habe ich einen der syrischen Flüchtlinge in Ägypten gefragt, in welchem Moment er beschlossen hatte zu fliehen. Er sagte, er habe in einem von den Rebellen kontrollierten Gebiet in Damaskus gelebt, das jede Nacht bombardiert wurde. Als seine zwölfjährige Tochter dann begann, wieder jede Nacht vor Angst ins Bett zu machen, entschied er, mit seiner Familie abzuhauen. Ich stelle mir vor, wie der in Österreich anklopft mit seiner Tochter, die sich vor Angst in die Pyjamas gepinkelt hat. Und dort heißt es dann: Tut uns leid – falsche Religionszugehörigkeit, du bist Muslim.

KARIM EL-GAWHARY leitet seit 2004 das Nahostbüro des ORF in Kairo und ist Nahost-Korrespondent für elf deutschsprachige Zeitungen. Das vollständige Interview finden Sie auf der Website der wunderbaren Wiener Stadtzeitung FALTER unter www.falter.at

Ich habe einen Traum
Ich hab einen Traum, wir öffnen die Grenzen
und lassen alle herein,
alle die fliehen vor Hunger und Mord
und wir lassen keinen allein.
Wir nehmen sie auf, in unserem Haus
und sie essen von unserem Brot
und wir singen und sie erzählen von sich
und wir teilen gemeinsam die Not
und den Wein und das wenige was wir haben,
denn die Armen teilen gern
und die Reichen sehen traurig zu –
denn zu geben ist ihnen meist fern
Ja wir teilen, und geben vom Überfluss
es geht uns doch viel zu gut
und was wir bekommen ist tausendmal mehr:
und es macht uns unendlich Mut
Ihre Kinder werden unsere sein
keine Hautfarbe, und kein Zaun,
keine menschenverachtende Ideologie
trennt uns von diesem Traum
Vielleicht wird es eng? Wir rücken zusammen,
versenken die Waffen im Meer,
wir reden und singen und tanzen und lachen
und das Herz ist uns nicht mehr schwer
Denn wir haben es doch immer geahnt
und wollten es nur nicht wissen:
was wir im Überfluss haben, das müssen
andere schmerzlich vermissen
Ja wir teilen, und geben vom Überfluss
es geht uns doch viel zu gut
und was wir bekommen ist tausendmal mehr:
und es macht uns unendlich Mut
Und die Mörderbanden aller Armeen,
gottgesandt oder Nationalisten,
erwärmen sich an unsren Ideen
und ahnen was sie vermissten
Ja ich weiß, es ist eine kühne Idee
und viele werden jetzt hetzen:
ist ja ganz nett, doch viel zu naiv
und letztlich nicht umzusetzen
Doch ich bleibe dabei, denn wird ein Traum
geträumt von unzähligen Wesen
dann wird an seiner zärtlichen Kraft
das Weltbild neu genesen
Ja, ich hab einen Traum von einer Welt
und ich träume ihn nicht mehr still:
es ist eine grenzenlose Welt
in der ich leben will
Konstantin Wecker

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Konstantin Wecker

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