Wider die Globalisierung der Gleichgültigkeit
Wider die Globalisierung der Gleichgültigkeit
Brennstoff Nr. 34 | Mehrere Autoren | 13.07.2026

Eine besonders perfide Form der Unmenschlichkeit ist die Gleichgültigkeit. Wegzuschauen ist so einfach. Unsere Gleichgültigkeit entzieht anderen Menschen das, was uns eigentlich ausmachen sollte: Humanität. Wir dürfen nicht vergessen: Jedes Jahr kommen zwischen eintausend und zweitausend Menschen beim Versuch, nach Europa zu gelangen, ums Leben. Die EU investiert enorme Mittel in den Ausbau des Grenzschutzes und in Grenzkontrollen und riskiert damit, dass Flüchtlinge immer höhere Risiken auf sich nehmen müssen, um in Europa Schutz zu finden. Es muss uns klar sein: Gleichgültigkeit ist der Freund des Feindes, der politisch Anders denkende verfolgt, der das Menschenrecht auf freie Meinungsäußerung unter drückt, der das Menschenrecht auf ungehinderte Religionsausübung auslöscht. Gleichgültigkeit ist immer der Freund des Feindes. Es ist immer der Aggressor, der von unserer Gleichgültigkeit profitiert, und niemals die Opfer, deren Leid wir vergrößern, wenn wir sie ignorieren.

Michael Kerbler
Redakteur und Journalist, Stellvertretender Vorstandsvorsitzender Alpine Peace Crossing, Mitinitiator der Plattform gegen-unmenschlichkeit.at


Am Treffendsten ist wohl der albanische Dichter Fatos Arapi, der mit seinen Versen alles sagt: Sultan Murad steht vor dem gebundenen Sklaven. Vom Pferd herab mustert er ihn mit den Augen: gealtert, Wunden, Ketten ... »Skipetar«, fragt er, »warum kämpfst du, wenn du auch anders leben könntest?« «Weil, Großmächtiger Sultan«, erwidert der Sklave, »jeder Mensch in der Brust ein Stück Himmel hat, und darin fliegt eine Schwalbe.«

Lojze Wieser
Verleger, www.wieser-verlag.com


Wir Österreicher, wir sind Flüchtlinge. Wir flüchten vor unserem Mitgefühl, wir flüchten vor unserer Anständigkeit, wir flüchten vor unserer Zivilcourage. Wir Österreicher, wir sind Flüchtlinge. Wir flüchten vor den Menschen, die in Not geraten sind und Hilfe suchen. Menschen, die gestrandet sind, Menschen, die man Flüchtlinge nennt. Vor ihnen flüchten wir. Wir Österreicher, wir sind auf der Flucht. Wir flüchten vor der eigenen Menschlichkeit.

Ulrich Seidl
Filmautor, Regisseur, Produzent


Wenn geschriebenes Recht es verbietet, Ertrinkende zu retten, wenn Gesetze es unter Strafe stellen, Schutzsuchenden Schutz zu gewähren – dann darf solches Recht nicht Recht bleiben. Es geht nicht nur um eine europäische Verordnung. Sondern darum, ob wir das Recht behalten, uns selber Mensch zu nennen.

Georg Bürstmayr
Rechtsanwalt und Träger des Dr. Bruno Kreisky-, Preises für Verdienste um die Menschenrechte


Vor 50 Jahren war das Brutto-Inlandsprodukt Österreichs kaum ein Drittel des heutigen, aber Bettler gab es kaum, Menschen in Not und damit auch Flüchtlinge wurden anständig(er) behandelt als heute. Sind wir nun reicher geworden oder ärmer?

Stephan Schulmeister
Ökonom


Es ist für mich unerträglich, dass Menschen, die bei uns Schutz gesucht haben, wie Müll entsorgt, in ländliche Einöden gekippt, uns buchstäblich aus den Augen geschafft werden, dass es dem Zufall unterliegt, was aus ihnen wird. Manche erfahren Unterstützung von Freun den, Nachbarn, Organisationen, andere wieder nicht, das ist reine Willkür. Sie werden wie Gegenstände behandelt. Flüchtlinge sind unserer Obsorge anvertraut, aber Sorgen macht sich hier kaum einer um sie. Vielleicht ist das ein Grund, sich langsam um uns selbst Sorgen zu machen? Elfriede Jelinek
Schriftstellerin

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