Wer war Franziskus - nicht?
Wer war Franziskus - nicht?
Brennstoff Nr. 72 | Huhki Henri Quelcun | 10.07.2026

Er war nicht Elon Musk, er war nicht Warren Buffet ...

Mehr als vier Jahrzehnte ist‘s schon wieder her, dass ich im umbrischen Assisi 1) war - der geistlich größten aller Kleinstädte Italiens. Und gestern fiel mir wieder ein, dass mich dort eine bange Traurigkeit befiel - unpassend für die überschäumende Freude des Francesco d‘Assisi 2). Dann wurde mir der eigentliche Grund für meine damalige Ver-Stimmung plötzlich klar und ich hab alles verworfen, was ich schon über den Heiligen geschrieben hatte. Denn es ändert mit einem Schlag die Sicht auf seine angeblichen Widersprüche zwischen „Lebensbejahung“ und „Weltverneinung“... Doch bevor ich erzähle, wie sich die Problematik für mich in der Rückschau gelöst hat - möchte ich klarstellen, was er mit Sicherheit nicht war...

Es gibt zu viele Lebensbeschreibungen, welche immer wieder Klischees verbreiten. Deshalb sollte geklärt werden, was alles Franziskus nicht war:

EIN FANATISCHER ASKET? EIN FRAUENVERÄCHTER?

Belegt ist: Francesco war kein Veganer. Nicht einmal ein Vegetarier...Mit sicherem Instinkt verhindert er ein vegetarisches Gebot, das ein paar überkorrekte Brüder in Italien während seiner Orientreise in die Ordensregel einschmuggeln wollen.

Nicht weil sie „Fleischtiger“ sind - vielmehr wäre die Universalität des Annehmens gefährdet. Mich erinnert das sofort an den Kampf Buddhas gegen den überkorrekten Devadatta 3).

Und fürchtet er sich vor dem weiblichen Geschlecht, hegt er gar eine geheime Abneigung gegen Frauen überhaupt? Auch das ist ein Klischee: Während er sich in seiner Heimatstadt - im Herbst 1226 - auf seinen letzten Weg vorbereitet, diktiert er einen Brief an eine reiche römische Witwe mit der Bitte, schnell nach Assisi zu eilen, wenn sie ihn noch lebend antreffen möchte. Wenn möglich mit dem köstlichen Dessert, das sie ihm während seiner Romreisen nach Familienrezept zubereitet hat. Aber als die Dame an die Klosterpforte klopft, stellt sich ein Problem: Damen haben laut Satzung im Männerkloster keinen Zutritt! Doch Francesco löst es mit Bravour, indem er sie zum „Ehrenmönch“ erklärt: „Darf ich vorstellen, das ist Bruder Frau Jacoba“. („Lo frate Signora Jacoba!“)

Hier zeigt sich noch auf dem Sterbelager der Witz und die Leichtigkeit des Heiligen...

EIN NAIVER SCHWÄRMER ...

... ganz und gar unpolitisch? Ganz und gar nicht! Sonst hätte er nicht als 30-jähriger dem überragenden Kirchenrechtler Innozenz im Lateran Paroli 4) geboten. Oder den Sultan Al-Kalil, von dem schon die Rede war, mit seiner Brillanz beeindruckt. Francesco verfügte über eine legendäre Schlagfertigkeit. Lebensbejahend oder weltverneinend? Was war der Inhalt meiner ängstlichen Verstimmung damals in Assisi? Kurz gesagt: die Existenz der Welt an sich. Das war befremdlich - denn ich kannte dieses Wundern übers Dasein - diese Istigkeit wie es der Meister Eckhart 5) nannte - auch als freudiges Staunen. Und das öffnet mir die Augen für mein persönliches, neues Franziskusbild. „Behaupten“ und „beweisen“ kann man da gar nichts. Aber wenn ich die Interpretationen seines Lebenslaufes betrachte, finde ich immer wieder, dass ihm „Zwiespältigkeit“, ja charakterliche „Widersprüchlichkeit“ unterstellt wird.

HIMMEL UND HÖLLE - FREUD UND LEID

Weil er „einerseits“ manchmal über die Schöpfung jubelt, „andrerseits“ manchmal diese Welt als ganz meidenswert darstellt. Sogar im selben Lied - Francesco war ein großer Liedermacher, der am liebsten französisch sang - wie dem bekannten „Sonnengesang“ koexistieren fröhliche und düstere Stellen. Aber muss das einen Widerspruch darstellen? Wir haben hier einen den christlich denkenden und erlebenden Künstler des Glaubens vor uns.

Und als solcher muss er den Fall der ganzen Schöpfung aus ihrer größtmöglichen Vollkommenheit besonders tief und schmerzlich empfunden haben. (Gott musste die beste aller möglichen Welten geschaffen haben, formulierte es der Philosoph Leibniz.6))

WIEDER-VERVOLLKOMMNUNG

Und Francesco drückte sozusagen in einem Atemzug das Leiden an der gefallenen Schöpfung, aber noch viel stärker und öfter die Vorfreude an ihrer Wieder-Vervollkommnung aus. Das ist meine Lösung der scheinbaren Widersprüchlichkeit. Aber, wie gesagt - hier gibt es keine „Beweise“...

FRANZ VON ASSISI & DER TRIUMPH DES TEUFELS

„Das ist der große Triumph des Teufels, wenn er uns die Fröhlichkeit des Geistes rauben kann. Er führt einen feinen Staub mit sich, den streut er in kleinen Dosen durch die Ritzen des Gewissens, um die reine Gesinnung und den Glanz der Seele zu trüben. Die Freude aber, die das Herz des geistlichen Menschen erfüllt, macht jenes todbringende Gift der Schlange zunichte. Ist einer aber traurig und meint er, in seinem Kummer verlassen zu sein, so reibt ihn entweder die Traurigkeit auf, oder er überlässt sich leeren Zerstreuungen. Wenn sich die Traurigkeit festsetzt, wächst das Übel. Wenn es sich nicht in Tränen löst, bleibt ein dauernder Schaden." (O-Ton Franz v. Assisi)

ANMERKUNGEN

1) Umbrien: italienische Provinz südlich der Toskana und nördlich von Rom.

2) 1181 bis 1226, eigentlich Giovanni di Pietro Bernardone; „Francesco“ war sein Spitzname, als sein Vater, der Kaufmann, aus Südfrankreich zurückkehrte und bedeutet „kleiner Franzose“.

3) Devadatta, Cousin des Buddha, ist sozusagen der Judas des Buddhismus. Er versuchte u.a. den Orden zu spalten, indem er strengere Essensregeln einführte.

4) Papst Innozenz III. (1161 bis 1216) war quasi der päpstlichste aller Päpste vor und nach ihm. Er setzte Kaiser und Könige ein und ab, erhob Anspruch auf den ganzen Erdkreis, exkommunizierte einmal einen ganzen Kreuzzug und sah die Person des Papstes als Übermenschen. Dem Argumentationstalent des Franziskus war er trotzdem nicht gewachsen; er erteilte ihm und seinen Mitbrüdern im Jahre 1209 die Erlaubnis, öffentlich zu predigen und nach eigenen Regeln zu leben.

5) Eckhart von Hohenheim/Hochheim (1260 - 1328), Gelehrter und Mystiker von Weltrang.

6) Gottfried Wilhelm Leibniz (1646 bis 1716), Philosoph, Mathematiker, Erfinder, gilt als letztes Universalgenie des Abendlandes.

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Huhki Henri Quelcun

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