Wer Visionen hat, soll zum Arzt gehen.
Also sprach Helmut Schmidt (SPD), deutscher Bundeskanzler 1974 –1982. Der Ausspruch gehört zu den meistzitierten »Sagern« von Schmidt. Er selbst meinte später, er sei da »pampig« gewesen, als ihn ein Journalist nach seiner Vision zur Beendung des atomaren Wettrüstens fragte. Er sei ein politischer Pragmatiker, lobte dagegen ein neoliberal getöntes Blatt zu Schmidts 80. Geburtstag. Der Mitherausgeber der Wochenzeitung »Die Zeit« berausche durch Nüchternheit. Politik würde man nicht mit Visionen, sondern pragmatischem Realismus machen.
War also Martin Luther King krank, als er am 28. August 1963 beim Marsch auf Washington seine berühmte Rede hielt? »I have a dream«, rief er der Viertelmillion Menschen zu. Sie demonstrierten für ein Ende von Rassentrennung, Diskriminierung und Ungerechtigkeit. Martin Luther Kings Traum ist der Traum der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung: »We hold these truths to be self evident: that all men are created equal.« War nicht nur Martin Luther King, waren dann auch die Gründerväter der USA krank?
Neoliberale Nüchternheit
Nüchternheit berauscht – das ist eine hübsche rhetorische Wendung, ein Oxymoron, das tief ins neoliberale Gemüt blicken lässt. Dieses Gemüt ist nicht kalt, es brennt. Doch nicht für die bunte Vielfalt der Pflanzen, Tiere und Menschen, die Farben des Himmels, die Düfte der Pflanzen, das Lachen von Kindern und die Geschichten der Alten brennt es. Das Gemüt des Neoliberalismus ist für eine Welt der Strukturen entflammt, in der Farben, Formen, Gerüche, Berührungen, Geschichten nur eine untergeordnete Rolle spielen. Eine abstrakte Welt, in der alles seinen Preis hat – einen Wert, der in Zahlen ausgedrückt werden kann, die den Geldwert angeben. Der Geldwert wiederum ist kein absoluter Wert, sondern das Ergebnis komplexer Aushandlungen auf unterschiedlichen hierarchischen Ebenen der Gesellschaft – multinationale Konzerne, Verbrauchervereine, Banken, Politische Institutionen, Konsumentenverhalten etc. spielen eine Rolle. Zur Geldtheorie gibt es unterschiedliche Positionen, die ein eigenes, umfangreiches Kapitel der Wirtschaftswissenschaft darstellen.
Geld als solches ist eine enorme Abstraktionsleistung, schreibt Georg Simmel in der »Philosophie des Geldes« 1900): seine »Einheitlichkeit, die Fungibilität, die nirgends versagende Geltung« machen das Geld nicht nur zum Maß aller Dinge, sondern auch zum Kitt einer hochausdifferenzierten Gesellschaft, die »von dem alles durchflutenden Geldwert so zusammengehalten wird, wie die Natur von der alles belebenden Energie«. Orangen kosten so und so viel, eine Stoffjacke, ein Auto, ein Geschlechtsverkehr, eine Operation, die Pflege der Großmutter, ein Haus, alles kostet Geld, bezifferbare Summen. Vielfalt und Unterschiede werden auf eine einzige abstrakte Ebene gebracht, und Beziehungen aller Art dadurch egalisiert. Geld mag sinnlich machen – doch es selbst ist in höchstem Maße unsinnlich und abstrakt.
Geld macht blind
Die Abstraktion des Geldes lässt die Welt verdampfen. Alles, was Menschen, Dinge, die Welt besonders macht – die Farben, Düfte, Stimmungen ... – wird ausgeblendet zugunsten des EINEN. Es scheint eine besondere Einschränkung der Wahrnehmung zu sein, ähnlich dem Fall, den der Neurologe Oliver Sacks in »Der Mann, der seine Frau mit einem Hut verwechselte« beschreibt. Sein Klient ist ein Mann, der seine visuelle Vorstellungskraft und Erinnerung verloren hat und alles als geometrische Formen wahrnimmt – z. B. eine Rose als »rotes verschachteltes Gebilde mit einem geraden grünen Fortsatz«. Als hochbegabtem Musiker war es ihm allerdings möglich, einen Anschein von Normalität aufrechtzuhalten. Statt sich über den Gesichtssinn zu orientieren, hörte er die »Musik« der Welt und orientierte sich an den Geräuschen. So fiel es kaum auf, dass er die Welt als geometrische Muster wahrnahm.
Unterschiedslos alles als Kostenfrage zu behandeln ist eine ähnliche Einschränkung der Wahrnehmung. Doch in Politik und Wirtschaft gilt die unumschränkte Geltung der Kosten-Nutzenrechnung als Ausweis von Normalität oder besser, als deren Anschein. »Zum Arzt gehen« müssten also jene, die in ihrer »berauschten Nüchternheit« die Welt als ein Warenlager sehen, das große Gewinnspannen verspricht.
Visionen
Vision kommt von lateinisch visio, Gesehenes, und bedeutet laut Wörterbuch der Deutschen Sprache ein meist auf die Zukunft bezogenes Bild, das nur in der Vorstellung von jemanden vorhanden ist. Die Vorstellung von Martin Luther King, die Vision einer Welt ohne Rassendiskriminierung, war keine private Angelegenheit, sondern bewegte Hunderttausende und veränderte Gesetzgebung und politische Verhältnisse. Auch wenn es mehr als sechzig Jahre danach in den USA keine Gleichberechtigung von Afroamerikanern und »Caucasians« gibt, wie die jüngsten Ereignisse in den Südstaaten zeigen, macht das Martin Luther Kings Vision nicht ungültig. Im Gegenteil, die Realpolitik muss sich an seiner Vision messen, denn sie ermächtigt Menschen, sich für Gerechtigkeit einzusetzen.
Visionen sind innere Bilder, die zeigen, wie es sein könnte. Die schöpferische Fähigkeit, sich eine andere Welt vorzustellen, lebhaft und mit allen Sinnen, dass man für Momente das Gefühl haben kann, schon angekommen zu sein, war und ist eine Quelle für politische und soziale Veränderungen.
Visionen sind – und das macht sie auch gefährlich – Bilder, die zum Handeln motivieren. Wir hätten gerade dringend neue Visionen nötig. Denn der fortgesetzten Perversion von Freiheitssinn und Demokratie durch das Kapital ( Slavoj Žižek ) lässt sich nicht anders begegnen als durch Visionen einer Welt, in der das Kapital, die Kosten-Nutzen-Rechnung, nicht mehr Alleinherrscher ist, weil die Politik abgedankt hat.
Visionen und Utopien sind nicht risikolos – sie können auch tödliche Wirkungen haben, wie die Geschichte der Revolutionen der letzten Jahrhunderte zeigt. In den Machtkämpfen der Französischen Revolution trieben die Revolutionäre einander unter die Guillotine, und am Ende kamen auch Robbespierre und Marat aufs Schafott, unter das sie so viele gebracht hatten. Die Revolution fraß ihre Kinder, und es folgte ein diktatorischer Usurpator, Napoleon. Im Russischen Bürgerkrieg, der auf die Februarrevolution 1917 folgte, ging es um Macht – ein Kampf, der acht bis zehn Millionen Menschen das Leben kostete. In den 1960er Jahren hatten die Roten Khmer in Kambodscha die Vision von Kambodscha als Bauernparadies. Um diese Vision durchzusetzen, ermordete das Pol-Pot-Regime rund ein Viertel der Bevölkerung Kambodschas. Die Beispiele lassen sich fortsetzen. Immer geht es darum, dass Personen im Namen der »Reinheit«, »einer höheren Idee« usw. ausgeschlossen und dann exekutiert werden. Visionen und Utopien, die ihre Kraft aus der Ausgrenzung von »Anderen« – von anderen Menschen, aber auch der Natur – beziehen, vergiften die Zukunft durch Aufrechterhaltung der Gewalt.
Martin Luther Kings Traum hatte diese »unerwünschten Nebenwirkungen« vieler Utopien und Visionen nicht. Der Kampf um das Ende der Apartheid war gewaltfrei, und der Traum von der Gleichheit aller umschloss alle, auch die Gegner.
Fazit: es lohnt, bei Visionen aller Art den »Beipackzettel« zu lesen und darauf zu achten, wer stillschweigend ausgeschlossen werden soll.