Wer an das Gute im Menschen glaubt, bewirkt das Gute im Menschen
Wer an das Gute im Menschen glaubt, bewirkt das Gute im Menschen
Brennstoff Nr. 43 | Paul Watzlawick | 10.07.2026

Die Macht der Erwartung

Einige der gesichertsten und elegantesten Untersuchungen von sich selbst erfüllenden Prophezeiungen auf dem Gebiete menschlicher Kommunikation sind mit dem Namen des Psychologen Robert Rosenthal von der Harvarduniversität verbunden. Es sei hier vor allem sein Buch mit dem treffenden Titel Pygmalion im Unterricht erwähnt, in dem er über die Ergebnisse seiner Oak-School-Experimente berichtet. Es handelte sich dabei um eine Volksschule mit achtzehn Lehrerinnen und über 650 Schülern. Die sich selbst erfüllende Prophezeiung wurde in den Lehrkräften dadurch erzeugt, dass die Schüler vor Beginn eines bestimmten Schuljahres einem Intelligenztest unterzogen wurden, von dem den Lehrerinnen aber mitgeteilt wurde, dass er außer dem Intelligenzgrad auch die Feststellung jener zwanzig Prozent der Schüler ermögliche, die im bevorstehenden Schuljahr rasche und überdurchschnittliche Leistungsfortschritte machen würden.

Nach Durchführung der Intelligenzprüfung, aber noch bevor die Lehrerinnen zum erstenmal mit ihren neuen Schülern zusammentrafen, erhielten sie die (der Schülerliste völlig wahllos entnommenen) Namen jener Schüler, von denen aufgrund des Tests jene ungewöhnlichen Leistungen angeblich mit Sicherheit erwartet werden konnten. Der Unterschied zwischen diesen und den übrigen Kindern bestand also nur in den Köpfen der jeweiligen Lehrerin. Am Ende des Schuljahres wurde derselbe Intelligenztest für alle Kinder wiederholt und ergab tatsächlich überdurchschnittliche Zunahmen des Intelligenzquotienten und der Leistungen dieser »besonderen« Schüler, und die Berichte der Lehrkräfte bewiesen ferner, dass sich diese Kinder auch sonst in Verhalten, intellektueller Neugierde, Freundlichkeit und so weiter vorteilhaft von ihren Mitschülern abhoben.

Paul Watzlawick, Die Unsicherheit unserer Wirklichkeit

Briefgeheimnis

Eines Tages kam Thomas Edison von der Schule nach Hause und gab seiner Mutter einen Brief. Er sagte ihr: »Mein Lehrer hat mir diesen Brief gegeben und sagte mir, ich solle ihn nur meiner Mutter zu lesen geben.« Die Mutter hatte die Augen voller Tränen, als sie dem Kind laut vorlas: »Ihr Sohn ist ein Genie. Diese Schule ist zu klein für ihn und hat keine Lehrer, die gut genug sind, ihn zu unterrichten. Bitte unterrichten Sie ihn selbst.«

Viele Jahre nach dem Tod der Mutter, Edison war inzwischen einer der größten Erfinder des Jahrhunderts, durchsuchte er eines Tages alte Familiensachen. Plötzlich stieß er in einer Schreibtischschublade auf ein zusammengefaltetes Blatt Papier. Er nahm es und öffnete es. Auf dem Blatt stand geschrieben: »Ihr Sohn ist geistig behindert. Wir wollen ihn nicht mehr in unserer Schule haben.«

Edison weinte stundenlang und dann schrieb er in sein Tagebuch: »Thomas Alva Edison war ein geistig behindertes Kind. Durch eine heldenhafte Mutter wurde er zum größten Genie des Jahrhunderts.«

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Paul Watzlawick

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