Alles, was wir jetzt sagen, kann uns weggenommen werden. Alles, nur nicht unser Schweigen.
Der stillste Ort der Welt befindet sich in Minnesota und wurde von der Firma Orfield Laboratories gebaut. 99,99 Prozent der Geräusche werden darin verschluckt – eine Art schwarzes Loch. Das brachte den Raum 2004 ins Guiness-Buch der Rekorde.
In solchen reflexionsarmen Versuchsräumen sind alle Begrenzungsflächen mit einem den Schall möglichst gut absorbierenden Material ausgestattet.
Sie ermöglichen u.a. akustische Messungen von Tönen von Handys oder anderen Geräten. Sie ermöglichen spezielle Tonaufnahmen – Bob Dylans »Blood on the Tracks« wurde so aufgenommen – und im Institut für Wiener Klangstil gibt es einen »schalltoten« Raum für spezielle Untersuchungen an Wiener Hörnern, Oboen, Pauken, Klavieren und hochwertigen Geigen.
Im schalltoten Raum wird man selbst zum einzigen Geräusch. Man hört den eigenen Herzschlag oder plötzlich die Lunge oder den Magen. Das ist verstörend. Länger als 45 Minuten habe es deshalb noch nie jemand darin ausgehalten. Denn Menschen sind angewiesen auf Ref lexion. Schallwellen reflektieren das menschliche Umfeld. Sie dienen u. a. der Orientierung und der Balance.
Wenn nur mehr die eigene Person Geräusche hervorbringt, stirbt die umgebende Welt und jede Selbstsicherheit geht verloren. Es fehlt die Resonanz und der Nachhall, der Menschen selbstgewiss macht.
Ein Mensch wird ja nur dann zur Person, wenn er sozusagen selbst durchlässig wird für seinen je individuellen Klang – »personare« heißt hindurchklingen – und ihm die umgebende Welt zurückspielt, wer er denn sei oder zu sein vorgibt. Ähnlich verstörend empfinden Jugendliche und junge Erwachsene in New York Stille, für die sie – von einer Soziologin befragt – mitten in der lärmenden Stadt einen Ort angeben: im Tunnel zwischen Manhattan und Brooklyn – weil es dort keinen Empfang für Handies und Smartphones gibt und das sei beängstigend, immer schrecklich.
Auch Totenstille kann beunruhigend sein. Sie tritt plötzlich ein, wenn alles atemlos schweigt, erstickt jedes Geräusch, lastet wohl auch. Ihre Mutter ist jähe Überraschung, die Fassungslosigkeit auslöst und Abgründe der Bestürzung aufreisst. Totenstille bewirkt eine unerträgliche Spannung, die wie eine überspannte Saite zu reissen droht. Sie drängt darauf, unterbrochen zu werden – durch ein Wort oder ein Lachen. Und das löst meist ein vielstimmiges Geschwätz aus: Die gemeinsame Welt muss wieder Gestalt annehmen, erbaut aus Erklärungen und Bekenntnissen. Doch die Beunruhigung bewahrt Reste dieser abrupten Stille. Im positiven Sinn spiegelt die Totenstille Erwartung etwa in einem Konzert, wenn der Taktstock erhoben bleibt, sie streckt sich der Auflösung im ersten Akkord entgegen.
Zur Ruhe kommen bereitet Stille vor. Es braucht keine Äußerung, Schweigen drängt nach innen und spannt die Achtsamkeit gleichzeitig weit aus. Je ruhiger der Raum, desto mehr Dinge hört man. Das Lauschen, das noch nach Anhaltspunkten sucht, verebbt, unliebsamer Lärm wird außer Acht, zurück gelassen, das Hören gleichsam entschleunigt. Es entdeckt die tiefe Stille im Herzen aller Geräusche. So lässt sich Stille finden auch im Tosen der Brandung, eines Wasserfalls, im Zwiegespräch von Vogelgezwitscher, im Rhythmus der Regentropfen auf dem Fenstersims. Und die Stille lehrt uns, unsere Sinne zu gebrauchen.
Ereignet sich Stille in einem Raum, breitet sie sich aus, sie »fällt« herab – so sagt es die englische Sprache, sie erschafft den Raum auch vor einer Lärmkulisse neu, lädt ein, sich darin niederzulassen, stillvergnügt, wenn die Stille unter dem Fallschirm der Freude herabsinkt. Vor allem Klöster bieten sog. Retreats an, Rückzug in Zeiten der Ruhe. Es gibt Erfahrene, die dazu anleiten. Man tritt selbst ein in die Ruhe und lauscht schweigend der Stille nach. Sie ist weit mehr als eine Atempause, eine erholsame Unterbrechung, sie dient vielmehr der Konzentration auf das Wesentliche, das uns das Leben jetzt abverlangt. Es heißt loszulassen, was nichtig erscheint und festzuhalten, was in allen uns umgebenden Beliebigkeiten Gewicht hat. Nur in diesem Raum aus Stille kann vielleicht der Frage nachgedacht werden, was man denn im Ernst verfolgen will auf dem Weg zu einem gelingenden Leben für alle.
Und der wird nicht zu finden sein ohne den Schmerz des Unterlassens, des Aufgebens und der Trennungen. Denn der Schmerz ist nun einmal eine Signatur des Lebens (Fulbert Steffensky). Darum gilt es auch loszulassen, lassen zu können, was sich zu sehr in den Vordergrund spielt – die vielen Masken, hinter denen wir uns verbergen, die erstarrten Gewohnheiten. Doch um dies zu erfahren, braucht es nicht unbedingt Klostermauern.
Die Ros’ ist ohn’ warum; sie blühet weil sie blühet, sie acht’ nicht ihrer selbst, fragt nicht, ob man sie siehet.
Angelus Silesius
Nach einem anonymen Brief aus dem 15. Jahrhundert hat Dorothee Sölle ihr Buch »Mystik und Widerstand« mit dem Untertitel »Du stilles Geschrei« versehen. Stilles Geschrei? Das ist ein Widerspruch: Reden und Schweigen, Verstummen und zur Sprache kommen in einem. Eigentlich nicht hörbar, aber auch nicht zu überhören. Es ist ein Name für Gott in der Sprache der MystikerInnen. Und die wissen viel über Absichtslosigkeit, den Verzicht auf die Fragen »Warum?« oder »Wozu?« Berühmt dafür ist die Rose, die nach keinem Warum fragt und Schönheit schenkt. Für John Cage ist Stille das Aufgeben jeglicher Absicht. Das »stille Geschrei« will nicht marktschreierisch auf sich selbst aufmerksam machen, sondern es schreit für die verstummten oder stummgemachten Opfer.
Die Verkörperung von Stille kann Stillstand sein und so ein Gottesgeschrei aufnehmen: Der als »stehender Mann vom Taksim-Platz« bekannt gewordene türkische Choreograph Erdem Gündüz leistete so still Widerstand, als er Mitte Juni reglos mit den Händen in den Taschen auf dem zentralen Platz in Istanbul stand (siehe Bild links). Die Augen richtete er auf ein riesiges Porträt des türkischen Staatsgründers Mustafa Kemal Atatürk an einer Hausfassade. Wenige Tage zuvor hatte die türkische Polizei den Platz gewaltsam von regierungskritischen Demonstranten geräumt. Die Bilder von Gündüz' stummem Protest gingen um die Welt. Oder ein Schweigekreis im öffentlichen Raum: Einander zugewandt stehen Menschen schweigend im Kreis, es ist Raum genug, dass andere sich dazu stellen. Das Schweigen richtet sich gegen den Lärm der Stammtischgespräche, gegen das Geschrei der Parteitagsparolen. Außen werden kleine Zettel verteilt, die sagen, wofür hier eingestanden wird: »Wir schweigen, weil wir uns nicht damit abfinden wollen, wie man mit Fremden in unserem Land umgeht.« Es kommt zu Widerspruch, zu Spott, zu Empörung, zu Provokation, zu heftigen Diskussionen. Je lauter das Außen reagiert, desto machtvoller gerät die
Stille im Kreis und stärkt das Anliegen. Der Kreis markiert Übereinstimmung, Einigkeit im Protest. Stille gibt Kraft und nährt die Sehnsucht nach ganz anderen, nicht wägbaren, nicht messbaren, nicht kommerzialisierbaren Wirklichkeiten, Freiheiten. Und die Stille verwurzelt uns in der Gegenwart als Zeit des Lebendigseins und Handelns.