„Vertrauen ist gut. Kontrolle ist besser“.
Kontrolle ist gut, Vertrauen ist gut.
Der Filmmacher Erwin Wagenhofer im Interview.
Er ist skeptisch, fragt viel, kennt Fakten und Zusammenhänge. „Wieso muss eine Tomate 3000 Kilometer reisen, bis sie zu uns kommt?“ fragt Wagenhofer und „Wieso ist die Angst, was esse ich da?“ so groß. Alles eine Sache des Vertrauens?
Was bedeutet Vertrauen, – auf dem Kühltransporter steht „Bauernhofgarantie“?
Für meinen Film bin ich durch die Welt gereist, ich wollte zeigen, wo unser Essen her kommt. Bei Fischern in der Bretagne erlebte ich - ehrliche Handarbeit. Sie fangen das Beste. So guten Fisch habe ich noch nie genossen. Das ist für mich Vertrauen in Nahrung, dass nämlich die Substanz in Ordnung ist.
Jetzt bewegen wir uns in Richtung industrielle Versorgung, ist das problematisch?
Ich rede von autonomen Fischern, die will man nicht mehr. Die EU plant die industrielle Massenbewirtschaftung. Es ist raffiniert: Wissenschaftler besuchen seit Jahren die autonomen Fischer. Diese wurden seit Jahren angehalten, Logbücher über Fanggründe zu führen, eben zu „Forschungszwecken“. Und darin sind genaue Daten vermerkt, zu welchem Zeitpunkt, in welcher Tiefe, was erbeutet wurde. In der Natur geht es um Zeitpräzision, d.h. ich muss als Jäger und Sammler wissen – und da hilft nur jahrelange Beobachtung, was sich in der Tiefe ereignet. Die großen Konzerne zapfen dieses Wissen an, die Bürokraten in Brüssel sammeln all‘ diese Daten. Dann kommen die großen Fangflotten und agieren in großem Stil, und alles andere als nachhaltig.
Ist das Ergebnis – schlechtere Qualität?
Nicht unbedingt, doch Realität ist, dass vertrauenswürdige Fischer heute sagen, es gibt Meeresfrüchte, die wir verkaufen, und es gibt Fische, die wir essen. Und immer häufiger wird minderwertige Qualität aus den Meeren geholt und als hochwertige Ware verkauft. Es wird in sehr großen Tiefen gejagt, d.h. die Biotope werden zerstört. Viele Fische, die von ganz unten herausgeholt werden sind malträtiert, durch den großen Druck. Bei den meisten sind die Augen geplatzt, die ja immer auch Indikatoren dafür sind, in welchem Frischezustand Meeresfrüchte sind.
Was ist nun mit den kleinen Produzenten?
Die großen Aktiengesellschaften treten auf den Plan. Sie bieten preiswerter an, kaufen Fanggründe. Die Kleinen kommen unter Druck, ihre Schiffe werden aus verschiedenen Gründen aus dem Verkehr gezogen. Jetzt fischt man in 800 – 900 Meter, das können kleine Fischer nicht, daher sind sie nicht mehr konkurrenzfähig. Die großen entreißen dem Meer Alles.
Vertrauen – ist das eine philosophische Frage?
Niemand will uns schädigen, wir sollen nur konsumieren. Es ist wie überall, es geht um Profit, das Vertrauen soll befriedigt werden, mit dem bärtigen Käpt`n, mit Werbewahrheiten und mit oft zweifelhaften Methoden. Vieles kommt auf dubiosen Wegen zu uns, ist alles andere als frisch, weil schon oftmals eingefroren und weiterverladen. Wenn man diese Tricks alle kennt, schwindet das Vertrauen.
In Italien oder in Griechenland kann man sehen, wie Nahrungsmittelversorgung funktioniert: In der Nacht kommen die Kühltransporter von weit her und bringen Fische, die nie im Mittelmeer waren.
Wie ist es gelungen, Hintergründe zu zeigen?
Langsam, gründlich arbeiten. Ich mache mich nie lustig über Menschen, weder über den Nestlé-Boss, der sagt, dass Trinkwasser zur Ware werden soll, noch über irgend jemand anderen. Ich zeige Sachzwänge und Rahmenbedingungen, wie wir „gefüttert“ werden. Meine selbstgestellte Aufgabe war: Zeige die Zustände unter ganz legalen, normalen Bedingungen. Es ist keine einzige Schweinerei in diesem Film zu sehen, alles ist gewissermaßen „normal“. Vielleicht ist das erschreckend.
Was hat dieser Film bewirkt, mit welchem guten Glauben kaufen Sie selbst ein?
Ich lebe einfach: Spaghetti, Gemüse, Salz, Knoblauch, reife Tomaten und Kräuter, guten Parmesan, wir können entscheiden, was, und was nicht.
Wie sehr vertrauen Sie den NGO`s, oder aufklärerisch agierenden Organisationen wie Global 2000 und anderen?
Ich vermisse überall ehrliche Information und sachliche Diskussion, es wird polarisiert. Beispiel: Gentechnik - bei den Medikamenten wird das bereits akzeptiert, kaum ist jemand krank, wird mit gutem Glauben geschluckt. Bei den Lebensmitteln wird geheuchelt: Fast das gesamte Bier wird mit Gen-Hefe produziert. Mein großes Misstrauen bezieht sich auf politische Gegebenheiten, Gesetze und Strukturen im Bereich – Nahrung.
Was also tun? Was schafft Vertrauen?
Wir tragen alle Verantwortung. Wenn wir zweifelhafte Produkte nicht mehr kaufen, hat das Folgen. Wenn wir diese grauslichen Nahrungsmitteln nicht mehr essen, dann wird das nicht mehr erzeugt, soviel zu unserem „Wir“.
Wir sollten mehr in unsere Kraft als Konsument/Innen vertrauen. Das ist die positive Botschaft des Films, es geht um „Fair Trade“, es kann nie um „viel und billig“ gehen, wir haben ein Recht auf beste Nahrung, wir können Zustände ändern.