Rilke weichherzig?
Rilke weichherzig?
Brennstoff Nr. 69 | Heini Staudinger | 10.07.2026

Es steckt eine Kraft in ihm, so stark wie ein Diamant.

Etty Hillesum, eine niederländische Jüdin, wurde in Auschwitz im Alter von 29 Jahren ermordet. Ihr Leben war ein Beispiel für radikale Liebe.

„Das Leben ist etwas Herrliches und Großes. Wenn ich nachts auf meiner Pritsche lag, mitten zwischen leise schnarchenden, laut träumenden, still vor sich hin weinenden und sich wälzenden Frauen und Mädchen (...), dann war ich oft unendlich bewegt, ich lag wach und liess die Ereignisse, die viel zu vielen Eindrücke eines viel zu langen Tages im Geist an mir vorbeiziehen und dachte: Lass mich dann das denkende Herz dieser Baracke sein!»

Rilke, - ein Lebensmittel

Für Etty war Rilke von größter Bedeutung. Er diente ihr als Reisegefährte, als Kamerad fürs Leben, als einer, der tröstet, wo immer er kann. Sie erklärte einer Freundin:

Von Rilke kann man sich nicht lösen, wenn man ihn wirlich gut gelesen hat. Wenn man ihn nicht ein Leben lang mit sich trägt, hat es überhaupt keinen Zweck, ihn zu lesen.

Mein großer Lehrmeister in diesen Tagen (der Verfolgung) ist Rilke. Er ist keine Entspannung für die Zeit nach der Arbeit, sondern er durchdringt meine Tage und formt etwas in meinem Wesen ... Eine ganze Generation wird ihn wieder neu entdecken müssen. Und es ist so wahr, was Lou Andreas-Salomé über ihren Freund sagt: „Irgendwo war dieser Dichter des Überzartesten robust.“

Ich werde so wütend auf diejenigen, die sagen, dass Rilke „weichherzig“ ist. Er ist nicht weichherzig. Es steckt eine Kraft in ihm, so stark wie ein Diamant. Siehst du, mir fehlt jetzt doch die Geduld dazu, die Worte zu suchen, mit denen ich die Kraft, die ich in ihm spüre, dokumentieren könnte. Aber das kommt später schon noch … und wenn nicht, sag ich, bleibt es immer noch eine Kraft.

Etty im Dialog/Zweifel mit sich selbst:

Nein, nein, mein Kind, du schreibst ausgezeichnete Passagen über die Geduld bei Rilke ab, aber du musst es leben, hörst du, leben, sonst hilft alles nichts.

Etty schämt sich zutiefst, weil sie nicht den Mut hatte, ihren Werten, somit sich selbst treu zu bleiben, als es um „ihren“ Rilke ging ...

Nein, Mädchen, du bist noch lange nicht so weit, aber du entwickelst dich schon in diese Richtung …

… und sie wird, wie so oft, getragen, verstanden, und innerlich gehalten von „ihrem Rilke“

Ich möchte etwas aus einem Brief von Rilke aus dem Jahr 1902 abschreiben:

…Ich habe es noch in keiner Stadt gefühlt, und es ist seltsam, dass ich es gerade in Paris fühle, wo der Lebenstrieb stärker ist als anderswo. Lebenstrieb ist das - Leben? Nein, - Leben ist etwas Ruhiges, Weites, Einfaches. Lebenstrieb ist Hast und Jagd. Trieb, das Leben zu haben, gleich, ganz, in einer Stunde. Davon ist Paris voll und darum so nahe am Tod.


Im Leben gibt es keine Klassen für Anfänger, sondern es ist immer das Schwerste, das von einem verlangt wird.


Wir alle fallen. Diese Hand da fällt. Und sieh dir andre an: es ist in allen. Und doch ist Einer, welcher dieses Fallen unendlich sanft in seinen Händen hält.

Rainer Maria Rilke aus dem „Buch der Bilder“

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ein Artikel von

Heini Staudinger

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