Rilke, Ein Lebensmittel!
Rilke, Ein Lebensmittel!
Brennstoff Nr. 69 | Franz Froschauer | 10.07.2026

Von deinen Sinnen hinausgesandt, Geh bis an deiner Sehnsucht Rand ...

Deine Sinne und Talente sind dir von allem Anfang an mitgegeben. Die Sehnsucht ist der wichtigste Wegweiser zu dir, zu deinem Selbst.

Ich lebe mein Leben in wachsenden Ringen

Ich kenne dieses Gedicht seit meiner Kindheit, Mir ist aber nie aufgefallen, dass wir hierzulande das Leben normalerweise linear betrachten: Geburt - Kindheit - Schule - Arbeitsleben - Rente - Tod. Indigene betrachten das Leben als etwas Zyklisches. Dieser Blickwinkel verändert den Blick auf das eigene Leben. „Wachsende Ringe“...?...!

Zufälle sind die Menschen, Stimmen, Stücke.

Alltage, Ängste, viele kleine Glücke. Verkleidet, schon als Kinder eingemummt, Als Masken mündig, als Gesicht verstummt.

Das moderne Leben verlangt oft nichts als eine funktionierende Maske. Der Erfolg ist das Einzige, was zählt.

Was wir besiegen, ist das Kleine, und der Erfolg selbst macht uns klein. Das Ewige und Ungemeine will nicht von uns gebogen sein.

... dem ist nichst hinzuzufügen ..

Lass dir Alles geschehn, Schönheit und Schrecken. Man muss nur gehn.

Man muss den Dingen die eigene, stille ungestörte Entwicklung lassen, die tief von innen kommt und durch nichts gedrängt oder beschleunigt werden kann, alles ist austragen – und dann gebären…

Reifen wie der Baum, der seine Säfte nicht drängt und getrost in den Stürmen des Frühlings steht, ohne Angst, dass dahinter kein Sommer kommen könnte. Er kommt doch!

Aber er kommt nur zu den Geduldigen, die dab sind, als ob die Ewigkeit vor ihnen läge, so sorglos, still und weit… RMR


Vor lauter
Lauschen und Staunen sei still.

Vor lauter Lauschen und Staunen sei still,
du mein tieftiefes Leben;
dass du weißt, was der Wind dir will,
eh noch die Birken beben.

Und wenn dir einmal das Schweigen sprach,
lass deine Sinne besiegen.
Jedem Hauche gib dich, gib nach,
er wird dich lieben und wiegen.

Und dann meine Seele sei weit, sei weit,
dass dir das Leben gelinge,
breite dich wie ein Feierkleid
über die sinnenden Dinge.

Rainer Maria Rilke

Das lyrische Werk von Rainer Maria Rilke ist unvergänglich schön. Es erscheint universell und kommt nie aus der Mode. Rilkes Gedichte erobern mühelos, denn sie verdichten immer aufs Neue Erfahrung und Empfindung, Suche, Ahnung und Erkenntnis.

„UND DANN MEINE SEELE SEI WEIT!“ – so der Titel der Lesung von Franz Froschauer. Er umrahmt darin Rilkes Lyrik mit Auszügen aus seinem Briefverkehr mit dem Offizier, Schriftsteller und Journalisten Franz Oliver Kappus. Die „Briefe an einen jungen Dichter“ bilden ein berückendes Spiel aus Weitsicht und Empfindsamkeit, Mitgefühl und Weisheit.

Briefe an einen jungen Dichter

Was kann der erst 28jährige aufstrebende und bereits anerkannte Lyriker Rainer Maria Rilke, für den ursprünglich eine militärische Karriere vorgesehen war - welche allerdings wegen anhaltender Kränklichkeit scheiterte - dem 20jährigen sich ebenso literarisch berufenen Militärakademieschüler Franz Oliver Kappu raten? Rilkes Buch MIR ZUR FEIER war 1899 erschienen. In dieses Werk vertieft, erfährt Kappus vom Militärpfarrer Horacek, dass Rilke ebenso Schüler dieser (seiner) Militärakademie war. Blätternd in Rilkes Buch bemerkt Horacek: „So ist aus dem Zögling René Rilke also ein Dichter geworden.“

Daraufhin beschließt Kappus, sich brieflich an Rilke zu wenden. Er öffnet darin nicht nur sein Herz – rückhaltlos offenbarend – sondern schickt ihm auch sein eigenes bis dahin literarisch entstandenes Werk, verbunden mit der Frage: Ob es gut sei? Rilke bedankt sich für das ihm erwiesene Vertrauen und antwortet: „Sie sehen nach außen und das vor allem dürfen Sie jetzt nicht tun. Niemand kann Ihnen raten und helfen, niemand. Es gibt nur ein einziges Mittel:

„GEHEN SIE IN SICH“. Rilke rät Kappus sich zu fragen: „MUSS ICH SCHREIBEN?“. Wenn Kappus diese Frage mit JA beantwortet, dann soll er dieses Schreiben mit allen daraus resultierenden Konsequenzen verfolgen.

Dieser sechsjährige Briefwechsel von 1903 bis 1908 gibt Einblick in die Gefühls- und Geisteswelt zweier Männer. Liebevoll, ehrlich, zärtlich aber durchaus auch apodiktisch, festschreibend konsequent. Er eröffnet jene Welten, die Rilkes Lyrik ausmachen, erklärt deren Entstehen und Inhalt und gibt so einen weitreichenden Einblick.

Rilkes Lyrik verführt Leser und Leserinnen noch immer zu existenzieller Selbstbefragung, zeigt Wege auf und fordert Entschlüsse. In diesem Sinne ist sie zu den Briefstellen derart ausgewählt, dass sie das Geschriebene ergänzen, bestätigen, aber ebenso konterkarieren bzw. auch auf Zukünftiges hinweisen. Ihre Sprachgewalt in Verbindung mit einer unermesslichen Komplexität eröffnet Welten in einer Art und Weise, wie sie wahrscheinlich nur dieser Jahrhundertdichter imstande war zu gebären. In sie einzutauchen, sie auf sich wirken zu lassen und im eigenen Leben angefragt zu werden, ist eines der wesentlichen Zeugnisse, wie existenziell notwendig Kunst in unserer Humanitas ist.

„Dieser große Lyriker hat nichts getan, als dass er das deutsche Gedicht zum ersten Mal vollkommen gemacht hat. Er war im gewissen Sinn der religiöseste Dichter seit Novalis, aber ich bin nicht sicher, ob er überhaupt Religion hatte.“

Robert Musil

Warum Rilke heute? Wir leben in einer technisierten, computergesteuerten, mit Algorithmen zugepflasterten Kommunikationswelt mit einer oft recht reduzierten Sprache, in der das „Zwischen den Zeilen“ immer mehr verloren geht. Doch wo bleibt das Bedürfnis nach Welten, die sich uns nicht unmittelbar eröffnen? Die in unserer unbändigen Körper-, Gefühls- und Geisteswelt jene Bereiche ausloten und ergründen, die unsere Schwächen, Begehrlichkeiten, aber auch die wunderbaren Kräfte der Liebe, der Vielfalt, der Komplexität unseres SEINS erkennen, beschreiben und sichtbar machen? Die der Schönheit unserer Sprache Raum geben?

Die wunderbare Lyrik von Rainer Maria Rilke kann all das in uns bewirken, wenn wir uns auf sie einlassen.

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ein Artikel von

Franz Froschauer

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