mDu musst dein Leben ändern. Es beginnt.
Wohl jeder, der einmal etwas von Rilke gelesen hat, kennt den Schluss seines Gedichts „Archaischer Torso Apollos“ von 1908: „Du mußt dein Leben ändern.“ Damit endet das Gedicht - aber für den Leser beginnt es nun erst. Wie soll er das tun? Doch Rilke ist als Dichter groß gerade darin, derartig existenzielle Fragen allein dem Leser zur Beantwortung zu überlassen. Benannt wird von ihm allein der unaufkündbare Zusammenhang von Kunst und Leben. Das Wie dieses Zusammenhangs bleibt offen.
In die Fragen hineinleben
Rilke lebt als Dichter in seinen Fragen, er ist kein Therapeut oder Lebensreformer, der die Antworten auf jene Fragen, die er stellt, schon kennt. Rilke kennt sie nicht. Seine Fragen sind zu groß, zu tief und zu weitreichend, um daraus eine handhabbare Ideologie für irgendwelche Zwecke zu machen. Er will niemandem vorschreiben, wie er zu denken und leben hat. Er gibt ein Beispiel, dem man nicht folgen muss, das einen jedoch zwingt, darauf zu reagieren. Damit beginnt dann jene Veränderung, die Rilke vom Leser fordert.
Immer ein neues Abenteuer
Das macht Rilke-Lesen zu einem immer neuen Abenteuer. In einem Brief an seine Frau Clara von 1907 lesen wir über diese Expedition ins Reich der magischen Worte: „Kunstdinge sind ja immer Ergebnisse des In-Gefahr-Gewesen-Seins, des in einer Erfahrung Bis-ans-Ende-gegangen-Seins. Je weiter man geht, desto eigener, desto persönlicher, desto einziger wird ja ein Erlebnis... Darin liegt die ungeheure Hilfe des Kunstdings für das Leben dessen, der es machen muß - : dass es seine Zusammenfassung ist.“
Rilke-Symposium zu Pfingsten bei uns
Darum soll es beim Rilke-Symposium zu Pfingsten 2025 gehen. Was hat uns dieser Dichter - bald hundert Jahre nach seinem Tod - heute noch zu sagen? Gewiss jedem etwas anderes, je nach seiner eigenen Lese- und Lebenserfahrung. Aber bei allen Unterschieden werden sich auch Gemeinsamkeiten zeigen, die aus Rilkes Dichtung hervortreten.
Weltinnenraum
Wir wollen über so grundsätzliche Zusammenhänge wie die von Leben und Tod, Poesie, Religion und Ökonomie bei Rilke ins Gespräch kommen. Was etwa hat es mit dem geheimnisvollen „Weltinnenraum“ auf sich? Rilkes Werk ist in permanenter Wandlung begriffen. Der fast fünfzigjährige Dichter wollte nicht gern an sein Frühwerk erinnert werden, weil er dieses längst überwunden glaubte. Aber mit dieser Abwertung war er höchst ungerecht zu sich selbst. Denn die Anfänge bleiben nicht nur als Zeugnisse des Beginnens wertvoll, nicht nur als Motive, die sich durch sein gesamtes Werk ziehen, sondern auch als eigenständige Gedichte. Wer Rilkes „Stunden-Buch“ für sentimental erklärt, was nicht selten geschieht, der hat es schlecht gelesen. Denn bereits hier findet sich Bleibendes, etwas, was er nur zu diesem Zeitpunkt - weder früher noch später - so ausdrücken konnte.
Stundenbuch
Die drei Teile des „Stunden-Buchs“ von 1899 bis 1903 etwa sind aus der Perspektive eines russischen Mönchs geschrieben - nach zwei Russland-Reisen mit Lou Andreas-Salomé. Sie klingen wie Gebete zu einem jenseitigen Gott, aber meinen dabei den Gottesfunken auf dem Grunde unserer Seele, wie ihn auch der Mystiker Meister Eckhart beschwor. Sind es Selbstgespräche des Dichters auf der Suche nach einem Lebenssinn?
Als Kind gehörte Rilke in Prag zur deutschen Minderheit, die ihm provinziell und bigott vorkam - davor war er lebenslang auf der Flucht, wie auch vor seiner erzkatholischen Mutter Phia, die er nach eigenem Bekunden nie geliebt hat. Aus der katholischen Kirche trat er aus, besuchte auch keine Gottesdienste.
Pilger auf der Suche nach Wahrheit
Der Sinn unserer Existenz
Aber das Gottesproblem ließ ihn dennoch nicht los. Er wusste, darauf gibt es keine einfache Antwort, denn der Sinn unserer Existenz hängt an der Frage nach dem Geistigen. Im zweiten Teil des „Stunden-Buchs“ „Von der Pilgerschaft“ heißt es: „Ich bin nur einer deiner Ganzgeringen, / der in das Leben aus der Zelle sieht...“
Franz von Assisi
Hier ist schon etwas Wesentliches ausgesprochen, was Rilke beschäftigt: Franz von Assisi sah sich im frühen 13. Jahrhundert als der Geringste von allen an. Gott wohnt in den kleinsten und von der Welt verachteten Dingen und nur dort! Das war die Botschaft Franz von Assisis, der Rilke eine zeitlang so beschäftigte, dass er eine Monographie über ihn zu schreiben beschloss. Franz von Assisi wollte arm sein wie die ersten Christen. Er verachtete das Geld, das zu Ungleichheit, Streit und Krieg unter den Menschen führt.
Das einfache Leben
Und Rilke? Bei ihm heißt es: „Denn Armut ist ein großer Glanz aus Innen“ und als letzten Vers des „Stunden-Buchs“ lesen wir sogar: „Armut großer Abendstern.“ Verklärt Rilke hier soziales Elend statt dafür einzutreten, dass die Armut überwunden wird, wie es die sozialkritischen Autoren seiner Zeit fordern? Oder aber meint er etwas anderes: jenes einfache Leben, das einem anderen Maßstab folgt als dem des Geldes?
Zu den Widersprüchen des Menschen Rilke gehört, dass er einerseits tatsächlich anspruchslos wie ein franziskanischer Mönch war, nie ein eigenes Haus besaß, die meiste Zeit seines Lebens als Gast bei Freunden wohnte, anderseits einen fatalen Hang zum Luxus besaß. Dieser ließ ihn sich in immer neue Schulden stürzen - und seinen Verleger Anton Kippenberg fast verzweifeln. Einkaufen, schrieb Rilke einmal voll Übermut, müsse „wie Blumen pflücken“ sein: ohne auf den Preis zu schauen. Verachtet Rilke das Geld vielleicht so sehr, dass er es, wenn er welches in die Hände bekommt, so schnell wie möglich wieder ausgibt? Eigentum als „das Eigene“ verstanden hat bei Rilke eine metaphysische Dimension, vor allem, wenn er auf den Tod zu sprechen kommt: Im „Stunden-Buch“ lesen wir:
„O Herr gieb jedem seinen eigenen Tod.“
Der „eigene Tod“ ist etwas, das Rilke, nun im Moloch Paris wohnend, wo er zehn Jahre nach dem „Stunden-Buch“ den „Malte Laurids Brigge“ verfasst, wiederum ins Zentrum seines Schreibens stellt. Nur ist es jetzt, angesichts des Hôtel-Dieu, eines Pariser Großkrankenhauses mit 559 Betten, wo das Sterben geradezu fabrikmäßig vor sich gehe, geradezu lakonisch-sachlich formuliert: „Wer gibt heute noch etwas für einen gut ausgearbeiteten Tod? Niemand.“ Den guten Tod, der zum erfüllten Leben gehört, nennt Rilke eine „Frucht, um die sich alles dreht“.
Pilger auf der Suche nach Wahrheit
So stehen wir am Ende wieder ganz am Anfang des „Stunden-Buchs“, als Rilke im Bekennerton das schrieb, was ihn lebenslang nicht nur zu einem Pilger auf der Suche nach der Wahrheit seines Lebens machte, sondern eben auch zu einem sich ständig Sich-Wandelnden, und gerade so auch wieder Bewahrenden: „Ich lebe mein Leben in wachsenden Ringen, / die sich über mein Leben ziehn. / Ich werde den letzten vielleicht nicht vollbringen, / aber versuchen will ich ihn.“
Wir laden Sie ein zu einer gemeinsamen Entdeckungsreise durch Rilkes Dichtung und dem, was sie an Wandlungskraft bis heute birgt. Gunnar Decker ist Autor von „Rilke - Der ferne Magier“ (Siedler Verlag, 2023). Im Herbst 2025 erscheint von ihm im Insel Verlag „Rilke in der Schweiz“.