Österreichs neue Regierung hat das Wissenschaftsministerium abgeschafft, für Wissenschaft und Forschung ist jetzt der Wirtschaftsminister zuständig.
Womit soll ich dich vergleichen? Mit einer verwichenen Wesenheit, einer abgestorbenen Institution, an die nur mehr tote Räumlichkeiten zwischen Minortenplatz, Bankgasse und Rosengasse im hektischen Herzen Wiens erinnern? Nein, eine Leiche bist du nicht; dagegen spricht das betriebsame Scheinleben in dir, seit der – nennen wir es beim im Börsenjargon üblichen Namen – feindlichen Übernahme durch die siegreiche Ökonomie, die dich jetzt architektonisch wie funktionell besetzt und besitzt. Die korrekte Analogie wäre also: Besessenheit.
Marketing für Geistesblitze? Die Machtübernahme der Nutzköpfe in deinen ehrwürdigen Räumlichkeiten bedroht ja nicht nur die als »unzeitgemäß« verteufelten Geisteswissenschaften, obwohl die kalte Propaganda ihrer Todfeinde deren »Nutzlosigkeit« unermüdlich der veröffentlichten Meinung einimpft. »Der ganze akademische Betrieb ist infiltriert von menschlichen Gebetsmühlen, die sich an die Fersen von Rektoren, Institutsvorständen, sogar Vertreterinnen der Studierenden heften«, klagt der Leiter einer der umfangreichsten und ehrwürdigsten »Orchideenfachbibliotheken« Österreichs, »sie verkünden seit Jahren in allen Gremien monoton, aber effizient die immer gleiche Botschaft: Weg mit Philosophie, Philologie, Theologie. Die hab’n im modernen Studienbetrieb nix mehr verlor’n ... «
Die Basis frisst den Überbau. Wie es schon Thomas Mann wunderschön konservativprovokativ in Worte gefasst hat: Bildung wird nicht in stumpfer Fron und Plackerei gewonnen, sondern ist ein Geschenk der Freiheit und des äußeren Müßiggangs; man erringt sie nicht, man atmet sie ein; verborgene Werkzeuge sind ihretwegen tätig, ein geheimer Fleiß der Sinne und des Geistes, welcher sich mit völliger Tagdieberei gar wohl verträgt, wirbt stündlich um unsere Güter, und man kann wohl sagen, dass sie den Erwählten im Schlafe anfliegt.
Doch am Wissenschaftskonzept der neuen [österreichischen] Regierung beißt sich der wirtschaftsfremde Nobelpreisträger ( hat Mann doch schon die Buddenbrocks in den Konkurs geführt!) freilich die Zähne aus.
Für Minister Mitterlehner sollen Forschung und Lehre vor allem ...
... die Innovationskette deutlicher abbilden, von der Grundlagenforschung bis zur Umsetzung am Markt – in Form von Produkteinführungen. ... Das ermöglicht interdisziplinäre Anwendung über die Grenzen von Grundlagenforschung und Anwendung hinweg.
»Dennoch leiden die Universitäten an einem Ausstattungs- und Raumangebot«, sieht Mitterlehner noch Handlungsbedarf. Mit diesem »freudschen Fehlposting« war ja schon lang vor der Wahl unzweifelbar, dass man dir den Geist austreiben und der »Wirtschaft« – einer ebenso schwammigen wie strengen Gouvernante – zur Umerziehung übergeben wollte. Pol Pot light sozusagen. Man kann sich vorstellen, dass vor allem bestimmte Wirtschaftskreise am Raumangebot für Philosophie, Reine Logik, Byzantistik, Paläontologie – und leider auch Theologie tierisch leiden. Steht doch in der ÖVP-Bedienungsanleitung für den Akademischen Betrieb – »Zukunftsweisend: Österreich 2018« – was wir unter einer Universität zu verstehen haben, nämlich: »Leitinstitutionen in einer wissensbasierten Wirtschaft«, oder, fast so poetisch wie der bekennende Tagedieb Thomas Mann: »Transformatoren von Ideen hin zu gewinnbringenden Innovationen.«
Die Wissenschaft ist zweckfrei. Warum behaupten aber gerade Naturwissenschaftler und Technikhistoriker, dass echte Innovationen nur durch zweckfreie Grundlagenforschung zu erzielen sind? Spielerisch hüpft die Menschheit dahin, ohne »damit« und »wofür« fallen ihr die Früchte der Neugier in den Schoß. Warum hält z. B. der mathematische Physiker Jürgen Renn die »Befreiung der Wissensproduktion vom unmittelbaren Anwendungskontext« für essentiell ? Was weiß Mitterlehner, wissen Wirtschaftspolitiker, dass sie über die Grenzen von Grundlagenforschung und ihrer Anwendung so mühelos hinweg springen können?
Zum Glück wurde Albert Einstein nicht genötigt, seine Innovationskette abzubilden, sondern wurde 1911 österreichischer Staatsbürger und »ordentlicher« Professor. Dort erst, wo er regelmäßig Franz Kafka, Max Brod, Philipp Frank und Koryphäen aller Fakultäten im Salon der Frau Fanta traf, nahm die allgemeine Relativität erst Konturen an. Er selbst schreibt: »In den stillen Räumen des Theoretisch-Physikalischen Instituts der Prager Deutschen Universität, in der Vinicna ulice, entdeckte ich 1911 ... « Jedenfalls ließ die erste wirklich alltagsrelevante Anwendung der beiden Relativitätstheorien nach der Prager Entdeckung noch fast 70 Jahre auf sich warten: Sie besteht in der korrekten Frequenzeinstellung, damit das GPS den Autolenkern Position und Standardzeit exakt wiedergibt.
Oder nehmen wir Paul Adrien Dirac, der um 1930 phantasierte, es gäbe ein Meer von Teilchen negativer Energie (»Dirac Sea«), also im bedauerlichen Zustand, weniger als nichts zu sein! Und dann überlegte dieser Dirac, wie sich wohl ein Loch in diesem Weniger-als-nichts zeigen könnte ... Selbst wenn man dir, verwichenes Ministerium, die äußerliche Würde der Selbständigkeit gelassen hätte – als »Joint Research Center« – könntest du ein solches Alice-im-Wunderland-Forschungsvorhaben nicht fördern. Zumal zwischen der »Idee« (»Dirac Sea«) und der »Innovation« (Positronen-Emissions-Tomographie ) wiederum fast zwei Generationen vergangen sind. PET ist heute das vielleicht wichtigste Instrument zur Krebs-Früherkennung, ohne dass die meisten Ärzte und Patienten ahnen, welch gelinde gesagt – kühnen Gedankengängen eines Eigenbrötlers es letztlich seine Existenz verdankt.
Anders gesagt: Die einzig wirklich hoffnungslose Utopie ist die, welche glaubt, man könne »nützliche« von »unbrauchbaren« Utopien von vornherein unterscheiden ... Welthauptstadt des Geistes. Dabei ist alles einst von Wien ausgegangen. Wer weiß, was in der Welt alles nicht geschehen wäre, wenn nicht drei Jahre nach deiner Gründung als Proto-Wissenschafts-Ministerium im Palais Starhemberg ein Mensch, zerrissen zwischen Wissenschaft und Religion, Österreich-Ungarn heimgesucht hätte. Franz Brentano ist hier nicht eingetroffen. Er ist eingeschlagen. Wie ein Asteroid.
Und die von ihm ausgelösten geistesgeschichtlichen Tsunamis gingen mehrmals um den Erdball und sind noch immer nicht verebbt! Ein katholischer Priester mit der Wahnsinnsidee: unter den Augen des Habsburger-Kaisers zu heiraten, verliert dadurch seine Professur. Und, gewinnt, ohne es recht zu wissen, eine neue Welt für zahllose Generationen.
Brentano also wird die Lehrbefugnis entzogen. Doch er hat Schüler. Und zwar solche, die selber Schulen gründen: Edmund Husserl, Sigmund Freud, Rudolf Steiner, Bertrand Russell, Ernst Mach. Der langobardische Brandstifter aus der berüchtigt-romantischen Familie – blutsverwandt mit Clemens Brentano und Bettina Arnim – wirft einen einzigen Gedankenfunken in die Festung des Materialismus: INTENTIONALITÄT.
In der Vorstellung ist etwas vorgestellt, in dem Urteile ist etwas anerkannt oder verworfen, in der Liebe geliebt, in dem Hasse gehasst, in dem Begehren begehrt usw. Diese intentionale Inexistenz ist den psychischen Phänomenen ausschließlich eigentümlich. Kein physisches Phänomen zeigt etwas Ähnliches.
Daran kiefeln alle Nichts-als-ob’ler, alle Reduktionisten, Gehirnler bis heute. Brentano ist es zu verdanken, dass Leben ein legitimes Abenteuer bleibt. Über Husserl erreicht die Flamme von Wien aus in Freiburg Edith Stein, Martin Heidegger, Hannah Arendt, Jean Paul Sartre, Simone de Beauvoir, Maurice Merleau-Ponty ... die Phänomenologie tritt ihren Siegeszug an.
Im Gefolge Brentanos werden auch Tiefenpsychologie und Anthroposophie zu geschichtsmächtigen Bewegungen. Russell gründet, vermittelt über die von Brentano inspirierte Grazer Schule, in England die Analytische Philosophie, verliert ebenfalls aufgrund seiner Dickköpfigkeit vorübergehend den Professorentitel und wirft seine Weltanschauung über den Haufen, als ein alles überragender Sprössling aus der Enkel-Generation der Brentano-Schule bei ihm anklopft: Ludwig Wittgenstein ...
A.E.I.O.U. Der Rest ist schier endloses name dropping. Am besten, wir fangen mit Ernst Mach an, dem enfant terrible unter den Schülern von Franz Brentano. Dieser schrieb gegen Ende seines Lebens ein ganzes Buch, um seinen hyperaktiven Epigonen zu bremsen. Doch dieser hatte anscheinend seine Forschungen zur Überschallgeschwindigkeit (»Mach1«, »Mach2«, ...) verinnerlicht. In atemberaubendem Tempo »befreite« er die Newtonsche Mechanik nach mehr als 150 Jahren unhinterfragter Dominanz von ihrer wichtigsten Stütze, dem absoluten Raum, der angeblich die Trägheit bewirkt und schlug so eine gewaltige Schneise für die Allgemeine Relativität. Einstein selber – übrigens Mitglied des »Wiener Kreises«, der ursprünglich »Verein Ernst Mach« hieß –, nannte den Namensgeber dieser weltweit wohl einflussreichsten wissenschaftlichen Institution aller Zeiten seinen Lehrer. Nebenbei schaffte Mach noch ( bewusst in Anlehnung an den Buddhismus ) das »Ich« – ein illusionäres Missverständnis – ab und gilt zusammen mit Brentano als Urvater von Akt- und Gestaltpsychologie.
Allein die global hervorragenden Mitglieder des Wiener Kreises zu nennen, reicht der Platz nicht. Schlick, Carnap, Neurath und andere Größen verhalfen Wittgenstein zu seinem nachhaltigen Weltruhm. Dieser wieder führte Wahrheitstafeln und Statistik – lange vor jeglicher »Datenverarbeitung« in die Sprachphilosophie ein. Sowohl die Philosophie der idealen wie die der normalen Sprache gehen auf ihn zurück.
Ebenfalls dem Vienna Circle verpflichtet war der österreichisch-ungarische Universal-Kreative Johann v. Neumann, der nicht nur mit dem Arbeitsspeicher den Computer erst ermöglichte, die noch junge Quantenphysik erstmals schlüssig interpretierte, die Spieltheorie in die Wirtschaft einführte sowie mit Kurt Gödel – dem größten mathematischen Logiker seit Aristoteles – bei der Entwicklung des zweiten Unvollständigkeitssatzes um die Wette dachte. Nicht zu vergessen: Auch Erwin Schrödinger, Entdecker der legendären Funktion und Schöpfer der Wellenmechanik, wurde ebenfalls in diesem heroischen Zeitalter physikalisch sozialisiert. Nicht zu vergessen der Konstruktivismus, die dreiwertige Logik ...
Wissens-Wonne. Deshalb sage ich zu Beginn unserer philosophischen Spaziergänge an der Unirampe einfach: »Schaut euch um, fast alles, was in diesem Moment irgendwo auf dem Erdball ergrübelt oder durchdacht wird, hat einen wichtigen Ursprung, hier im Umkreis von ein paar Kilometern ist es entstanden, im Zeitraum einer Generation vor und einer nach 1900.« Und darum ist mir nicht bang um deine Zukunft, liebes Ministerium, ganz gleich, wo du dich während dieses Mini-Mittelalters verbirgst. Die schlauen Wirtschaftstypen sollen erst einmal die Innovationskette von Franz Brentano bis Anton Zeilinger abbilden. Da haben sie genug zu tun. Bis zur nächsten Wahl ...