... so zärtlich, dass ich mich nicht schäme und weiß: ich brauche keinen mehr.
Gerhart war der jüngere Bruder meines Mannes, mein Schwager. Im vergangenen November ist er verstorben. Wir haben ihn in seinen letzten Lebensmonaten begleitet. Bei Gerharts Geburt, am 14. Mai 1954, war eine unerwartete Komplikation aufgetreten. Seine kindliche Entwicklung war daraufhin beeinträchtigt und verzögert. Mit sechs Jahren kam er ins Kinderdorf St. Isidor, dort lernte er Lesen und Schreiben. Später konnte er, dank der Fürsprache seiner Eltern, bis zur Pensionierung in der Firma seines Onkels arbeiten, wo er Packerl zur Post brachte, Jause holte und die Werkstatt zusammenkehrte.
Mir ist, als ob mir irgendwer jetzt leise meinen Namen nähme, so zärtlich, dass ich mich nicht schäme und weiß: ich brauche keinen mehr.
Trotz langjähriger widriger Verhältnisse an seinem Wohnort, wo es keine Unterstützung für ihn gab, konnte er großteils ein eigenständiges Leben führen. Weil es immer wieder Menschen gab, die ihn wohlwollend begleiteten. Die sich auf ihn, auf seine Bedürfnisse, seine Eigenarten einließen.
Die Wirte, zu denen er Essen ging. Die Friseurin, bei der er zum Haarschnitt immer seinen geliebten Kaffee bekam. Die Geschäftsleute, die ihm die Sachen verkauften, die er wollte und brauchte. Wichtigste Bezugsperson war die gute Frida, in deren Obhut er Zeit seines Lebens stand und die erst im vergangenen Sommer 102-jährig verstorben ist.
Gerhart ist es immer wieder gelungen, sich neuen Gegebenheiten anzupassen. Selbst wenn das bedeutete, seine strikt ablaufenden, täglichen Routinen ändern zu müssen. Das hat uns oft erstaunt und unsere Sorgen überflüssig erscheinen lassen. Wir hätten ihn gerne noch mehr beschützt, es war jedoch nicht möglich. Und vielleicht war es nicht einmal nötig. Bei seiner Begräbnisfeier kamen erstaunlich viele Menschen. Da haben wir begriffen, dass wir nur ein Teil eines ganz fein funktionierenden sozialen Geflechts waren, das er sich aufgebaut hatte. Nach genau seinen Bedürfnissen und mit seinen Möglichkeiten.
Der Vers aus einem Rilke-Gedicht, den wir für sein Totenbild ausgewählt haben, ist Ausdruck unserer Hoffnung, dass Gerharts Sein nun in gute Hände zurückgelegt wurde.