1973
Ich erzähle es immer wieder (darum kennen viele von Euch diese Geschichte bereits), dass ich in Afrika das Wichtigste für mein Leben gelernt habe, - nämlich: es gibt im Leben nichts Wichtigeres als das Leben. Das Leben selbst ist es. Hierzulande hat man schnell einmal den Eindruck, das Wichtigste im Leben sei das Geld, die Wohnung, das Haus, und oft braucht es den Todesfall eines geliebten Menschen oder einen tragischen Unfall in unserer Umgebung, dass wir - auch hierzulande - kapieren: das Wichtigste im Leben ist das Leben.
19 jährig fuhren Kraus Reinhold und ich mit den Mopeds von Österreich nach Afrika. Der Norden von Tansania war unser Ziel, weil wir in Afrika niemanden kannten außer Dr. Herbert Watschinger, der dort sein erstes Spital errichtet hatte.
Nach Tansania war es weit. Jeden Tag war an den Mopeds irgendwas hin. Ein „Rekord“ waren 14 Patschen (flat tires) in der Wüste Sahara (die Dornen waren so stark). So dauerte die Fahrt ziemlich genau ein halbes Jahr, bis wir im Norden von Tansania landeten. Nach einigen gemeinsamen Wochen reiste Reinhold zurück nach Österreich, und ich blieb noch einige Monate bei Dr. Watschinger im Maasai-Land. Dank ihm lernte ich Land und Leute relativ gut kennen. Da ich da war, schickte er mich nach Endulen. Dort durfte ich bei der Baustelle für sein zweites Spital mitarbeiten ... ein unglaubliches Erlebnis. Endulen liegt in der Nähe vom Ngorongoro Krater. Mein Moped war schon lange kaputt. So war ich viel zu Fuß unterwegs. Giraffen, Zebras, Gnus, Antilopen und manchmal auch Büffel sind dort irgendwie dauernd in der Nähe. Das ist schon wunderbar. Dampfende Elefantenscheiße im dichten Nebel hat was Spannendes, und der grasende Büffel beim nächtlichen Urinieren, in unmittelbarer Nähe, - der ist auch ein Erlebnis.
2006
Meine Schwester war 2006 in Tansania. Auf dieser Reise besuchte sie auch die Watschinger Spitäler in Wasso und Endulen. Barbara war entsetzt über den Zustand des Spitals in Endulen. Als sie mir das alles erzählte, spürte ich, dass mir das alles weh tat. Also fuhr ich 2006 frisch entschlossen nach Tansania um einmal zu sehen, ob ich was Sinnvolles zur Genesung von diesem Spital beitragen könnte. Einiges konnte ich ruckzuck verbessern. Über Telefon und Email konnte ich ziemlich schnell etwas Geld auftreiben. So konnten wir rasch am Gebäude notwendige Sanierungen durchziehen, konnten Matratzen besorgen, und ich erbettelte dort und da Medikamente. Es machte allen Freude, dass dieses Spital wieder einigermaßen funktionierte. Wenn ich jetzt gerade daran denke, so kann ich rückblickend meinen Elan und meine Freude wieder spüren. Oh ja, super war s.
In dieser Zeit lernte ich auch Lemayan kennen. Er arbeitete damals im Spital. Dank ihm lernte ich seine Familie mitsamt der großen Verwandtschaft kennen. So erfuhr ich mehr und mehr über ihre Lebensart, ihre Feste und Bräuche.
Die Spitäler nahmen eine seltsame Entwicklung. In Wasso wurde der Einfluss vom staatlichen Gesundheitswesen immer stärker. Für die Maasai brachte dies mehr Nachteile als Vorteile.
In Endulen wiederum war es die mächtige NCAA (Ngorongoro Conservation Area Authority), die es immer viel lieber gesehen hätte, wenn die Maasai ganz aus der Gegend verschwänden.
Der Wildlife Tourismus ist ein Riesengeschäft, während die Maasai mit ihrer Lebensweise kein Geschäft darstellen. Mit ihrer halbnomadischen Lebensweise zahlen sie keine Steuern (eh klar), und doch waren es justament die Maasai, denen wir - dank ihrer eigentümlichen Lebensweise - das Überleben der wilden Tiere zu verdanken haben. Warum? ... ganz einfach, - die Maasai waren nie Jäger. Für sie ist eine Kuh das größte Glück auf Erden. Ziegen und Schafe haben sie auch gern, aber die wilden Tiere? Sie haben gelernt mit ihnen in Co-Existenz zu leben. Sie haben auch Respekt vor den wilden Tieren. In gewisser Weise lieben sie sie auch. Aber niemals zum Jagen. Schon gar nicht zum Verspeisen.
Natürlich sind die jungen Leute in der traditionellen Lebensart eingebunden. Durch Schule und Ausbildung jedoch kommen sie auch in Kontakt mit der „anderen“ Welt. Die „andere“ Welt sagt inständig, „entwickelt euch, lernt was, tut was“, doch dann gibt es „nix“. Keine Jobs. Ja, ein paar Arbeitsplätze im Spital, ein paar in der öffentlichen Verwaltung und sonst? Nix.
Die „moderne“ Welt macht diesen jungen Leuten kaum ein Angebot, ... bei genauerer Betrachtung mancher Angebote der „anderen“ Welt sind Zweifel mehr als berechtigt. (Wahnsinn - die CO2 Zertifikate vom VW-Konzern im Maasailand ... siehe Seite 9)
Also dachten wir gemeinsam nach, was wir in dieser Situation machen könnten. Welche Talente und Fähigkeiten stünden zur Verfügung? Gastfreundschaft.
Die braucht man einem Afrikaner nicht beizubringen. Gastfreundschaft ist eine der tragenden Säulen afrikanischer Alltagskultur.
Gehen.
Die Maasai sind fantastische Fußgänger. Wenn z. B. ein Maasai jemanden treffen möchte, und dieser eine wäre 50 km weit weg, so würde er - ohne zu zögern - einfach zu Fuß losmarschieren. Gepäck? ... Null. Er kann sich auf die Gastfreundschaft aller verlassen, die auf seinem Weg liegen.
Walking Safari
Mit diesen Talenten im Talon starteten wir die ersten Walking Safaris. Eine österreichische Outdoor-Firma schenkte mir zehn Zelte, und schon ging s los. Genau diese Zelte seht ihr auf der Begrüßungsseite meiner Freunde ...
Seit mehr als zehn Jahren wandern nun meine Maasai Freunde mit Gästen aus Österreich, Deutschalnd und der Schweiz durch ihre faszinierende Heimat. Bei diesen Wanderungen erlebt man Afrika. Nicht nur die wilden Tiere und schönen Landschaften. Man erlebt auch Menschen in ihrem Alltag; vom Wildlife-Tourismus sind sie de facto ausgeschlossen.
Bei diesen Walking-Safaris wandert man ungefähr eine Woche lang durch das faszinierend schöne Maasailand. Die weiten Landschaften. Die zauberhafte Tierwelt, der Vulkan Oldonyo Lengai, die Flamingos am Natronsee. Natürlich ist es lustig, wenn Giraffen am Weg den Wanderern zusehen. Wandernd spürt man die Gegend viel besser und man staunt, wie anders Menschen ihr Leben auf Mutter Erde leben und bewältigen. Noch mehr staunt man über die oft strahlenden Gesichter, die in dieser Kargheit ein Leben in Würde leben.
Vertreibung
Die Vertreibung der Maasai aus ihren Lebensräumen hat eine lange Geschichte. Serengeti, Ngorongoro Crater Area, Maasai Mara ... gigantische Flächen, unendliche Weiten, - das alles waren Lebensräume der Maasai, aus denen sie nach und nach vertrieben wurden. Ich habe es oben schon erwähnt, dass es den Bossen von NCAA (Ngorongoro Conservation Area Authority) nur Recht wäre, würden die Maasai ganz verschwinden ..... ich war selber bei solchen Verhandlungen dabei. Der NCAA geht es ums Geschäft, und dieser Wildlife Tourismus ist ein Riesengeschäft, und dort, wo das Geld ist, ist auch die Macht und die Regierung hält eher zu den Mächtigen als zu den Menschen (ist doch bei uns auch so .... oderrr?)
Vertreibung der Familie von Lemayan
Ich kenne diese Familie seit fast zwanzig Jahren. Sie hatten ein ziemlich gutes Plätzchen am Fuße von Wasso Hill. Das Wichtigste dabei: Wasser. Genug Wasser für die Kühe, die Ziegen und Schafe, und natürlich auch genug für die Menschen.
Diverse Pläne der Regierung, u. a. der Neubau eines Spitals, hatten zur Folge, dass sie diesen Superplatz verlassen mussten (natürlich ohne jede Entschädigung). So wurden sie in eine Gegend verschlagen, wo sie zwar Platz genug, aber kein Wasser haben. D. h. Tag für Tag geht eine Gruppe der Familie sieben km zur Wasserstelle. Sieben Kilometer hin, sieben Kilometer zurück. Lemayan hat die Gegend von Brunnenspezialisten untersuchen lassen: das Ergebnis: es gibt Wasser, allerdings erst in 154 Meter Tiefe.
Lemayan wusste, dass wir keine Projekte unterstützen, wo bloß eine einzige Familie den ganzen Nutzen hat. Doch die Vertreibung geht still und leise weiter und so haben sich im Laufe der letzten Jahre immer mehr Leute in diesem „Niemandsland“ angesiedelt. Alle haben dasselbe Problem: kein Wasser.
Nun haben wir beschlossen, dass wir dieser Community helfen wollen, diesen Brunnen zu finanzieren. (Bei einer der nächsten Walking Safaris könnt ihr dann schon den lebensspendenen Brunnen erleben.) Die Gesamtkosten für den Brunnen: rund 50 Millionen Tanzania Shilling, das sind ungefähr 20.000 Euro.
Spenden - Kennwort: Maasai Brunnen