Wer schneller lebt ist früher fertig!? - Betrachtungen über die LANGEWEILE
Von Rosa Glauser
Viele können es nicht benennen: „leeres Sehnen“ oder „langes Warten“ oder den „unruhigen Stillstand der Seele“.
Es gibt sie – die tödliche, existentielle und überdrüssige Langeweile. Schopenhauer nannte sie den „Hausteufel der Dummen“, Cocteau die „Syphilis der Intellektuellen“. Einer der großen Theoretiker der Fadesse, Sören Kierkegaard schrieb: „Wer sich langweilt, schreit nach Abwechslung“. Und wenn dreiste Dumpfbacken vor dem Richter stehen, nachdem sie Tier & Mensch quälten oder Telefonterror inszenierten, lautet eine immer ähnliche Rechtfertigung: „Mir war einfach fad!“
„Diese unangenehme seelische Windstille ...“
Die Ruhe ist langweilig, weil ihr die Abwechslung fehlt, die Abwechslung ist langweilig, weil ihr die Ruhe fehlt. Das ist die heimliche Dialektik der Enttäuschung, die Logik der Schwermut, der wir angeblich nicht entrinnen.
Arbeiten ist langweilig. Schule ist langweilig. Freizeit ist langweilig. Beinahe alles wird bald langweilig. Zahlreich sind die Stimmen, die in der Langeweile immer schon ein Virus ihrer Zeit oder das Kainsmal menschlicher Existenz sichteten. Ist der Mensch dazu verdammt, weil er nach Abwechslung hungert, weil er die schwierige Mitte zwischen Bewegung und Stillstand weder finden und noch weniger – halten – kann? In der Langeweile, der – so Büchner „unangenehmen seelischen Windstille“, verfügt der Mensch nicht mehr sinnvoll über Raum und Zeit, in ihr wird er sich selber zur Last. Wenn aber Zeit Geld ist, und produktiv verbrachte Zeit einziger Maßstab, den eine Gemeinschaft an ihre Mitglieder legt, so muss das Erleben unproduktiver Zeit für den einzelnen zur inneren Katastrophe werden.
„Hast Du Lust? Ich weiß nicht recht ...“
Wer langweilt sich? Natürlich niemand. Man klagt über anderes, über Migräne, über Stress, Herzbeschwerden über Lustlosigkeit, Überdruss oder Schlechtwetterdepressionen. Für die Langeweile bleibt mir gar keine Zeit, sagen die meisten. Die Tage und Abende sind ausgefüllt mit Programmen und wir haben die Leistungsmoral unseres Alltags verinnerlicht. Wir haben immer was zu tun. Nichts wirkt bedrohlicher als „ungenutzte“ Zeit. Nur im historischen Rückblick lassen der höfische Adel und, in der bürgerlichen Arbeitsgesellschaft, die Bohème – und sie bis heute – die Neigung zur Langeweile als einen Lebensstil erkennen. Wenn Menschen heute in einer Tour de Force durch wechselnde Moden und erlebnisversprechende Fun-Szenarien düsen, werden sie immer öfter mit der Frage konfrontiert: „Was, wenn‘s fad‘ wird?“. Also Fun&Action, da bleibt das Festzelt im Ausseerland länger am Platz. Damit sich was abspielt, und die Zeit bis zum Kirtag schnell vergeht, gibt es eine Woche zuvor den „Kirtag- Warm-Up“– und als Nachschlag zum Jahreshöhepunkt wird in der Woche darauf eine spaßige „After-Party“ durchgezogen. Langeweile wird vorrangig als Problem „der anderen“ und nicht als eigenes gesehen.
„Durch die freie, zwanglose Hingabe an die Zeit, so die romantische Utopie, kehrt der Mensch zur Natur zurück und entdeckt in sich die schöpferischen Kräfte.“ Wer Langweile bei sich selbst erkennt, erlebt sie als innere Unruhe, als Unlust, fühlt sich „überfordert“ und „genervt“, will einfach „davonlaufen“ und kommt doch nicht weiter als bis zum nächsten Ablenkungsapparat.
Was dabei auffällt: Langweile gilt in der Öffentlichkeit eher als Freizeitproblem, denn als Arbeitsplatz und Zeitproblem. Ein positiver und erhellender Begriff von Langeweile im Sinne von einkehrendem Stillstehen, geduldigem Verweilen, von Entspannung oder empfindsamem Abwarten ist weitgehend verlorengegangen. Langeweile nistet irgendwo zwischen leichtem Unbehagen und schwerer Missstimmung, ungutem Nebeneinander von Betätigungsdrang und Betätigungshemmung, sie ist eine „Leidenschaft der Indifferenz“. In einer mit wachsender Industrialisierung zunehmend gestressten Gesellschaft, die nur mehr die Arbeitspause kennt, aber nicht die Muße, wird die Zeit zu einer Zielgeraden, auf der unsportliche Sinnsucher, Zögerer und Tempoverweigerer zwangsläufig scheitern müssen.
„Wer immer etwas zu tun hat, merkt oft spät, dass er ein Problem hat.“
Mit dem pflichttreuen Bürger betritt eine Menschenklasse die historische Bühne, die mit den Stunden rechnet und ihrer schlauen Einteilung von allem und jedem – den ökonomischen Gewinn verdankt. Die Zeit ist kein Kreis, kein Rad mehr, das in jahreszeitlichem Wechsel das Vertraute wiederholt und den Menschen in einen vorgegebenen Rhythmus einbindet. Das panische Rechnen wurde uns zur zweiten Haut, wir sind zu dem geschrumpft, was wir in Zahlen vorweisen können. Wenn das Rechnen mit der Zeit zur Religion wird, muss umgekehrt die ungenutzte, „verschwendete“ Zeit zum Programm einer Revolte werden.
„Bei all‘ den „Kicks“ – wo bleibt Zeit für Langeweile?!“
Dass die romantische Utopie scheiterte, ist evident. Der romantische Held, der sich vom Alltag abkehrte, vermochte seine Wurzeln nicht in sich selbst zu finden. Aber auch Heidegger spricht in seiner Schrift „Was ist Metaphysik?“ von der „tiefen Langeweile“, die in den Abgründen des Daseins wie ein schweigender Nebel nistet. Dieser „schweigende Nebel“ meint nicht nur ein individuelles Seelenklima, als globaler Wettermacher durchzieht er längst Städte und Länder. Er meint die Vernetzung der Kontinente, die Normierung der Arbeitsabläufe, die unser Seelenleben homogenisiert. Der rastlos Tätige und der verzweifelt Tatenlose sind – Kinder einer Kultur, die das sorglose Verschwenden der Zeit stigmatisiert.
Die „lange Weile“ ist die Zeit, die man sich selbst nimmt, ist manchmal sogar zweckloser Zeitvertreib. Also definieren wir uns durch die Anzahl der Dinge, die wir erledigen, ohne zu merken, dass wir damit uns selbst erledigen. Langeweile ist ein Zustand der Erlebnisarmut, doch ist nicht dieses „weniger“ der Weg zu „mehr“?
Die Psychoanalytikerin Ursula Kreuzer-Hauenstein sagt auf die Frage, warum heute Langeweile permanent vermieden wird: „Langeweile ernst zu nehmen könnte auch bedeuten, dass wir uns mit Fragen der Sinnlosigkeit, der Leere, dem Tod auseinander setzen müssten ... die Überbewertung von Aktivität ist so etwas wie ein Fetisch.“ Sich einer Todesstimmung hinzugeben kann wieder Kraft geben, sich dem Leben zuzuwenden. Außerdem stellt sich häufig heraus, dass man selbst und alle Menschen in unserem Umfeld mehr davon haben, wenn man sich weniger Termine aufhalst und sich Ruhepausen gönnt.
Kierkegaard wusste: „Langeweile, diese inhaltlose Ewigkeit, diese genusslose Seligkeit, diese oberflächliche Tiefe, diese hungrige Übersättigung.“
Bitte langweilen! Die Psychoanalytikerin Ulrike Kreuzer-Hauenstein lobt das Nichtstun.
Auf einem Kongress „Psychoanalyse und Zeit“ haben Sie für die Langeweile plädiert. Warum?
Negative Assoziationen zur Langeweile sind eine Folge der Aufklärung. Arbeit wurde als bester Ausdruck des aufklärerischen Ideals verstanden, zur selbstbestimmten Mündigkeit zu kommen. „Die lange Wiele“ – davor ein reiner Zeitbegriff – wurde nun als unangenehme Empfindung der leeren, geschäftslosen Zeitdauer definiert. Doch heute ist die wenigste Arbeit noch Ausdruck selbst bestimmter Mündigkeit. Daher gab der Schwiegersohn von Karl Marx, Paul Lafargue die Devise aus: Jeder hat ein Recht auf Faulheit! Aber zum Faulsein haben heute immer weniger Menschen Zeit. Wir wollen in die Zeit, die uns zur Verfügung steht, immer mehr hineinpacken. Bewusster Umgang mit der Zeit muss dienBegrenztheit der eigenen Möglichkeiten einschließen.
Mehr Muße – gerne. Aber müssen wir uns dabei langweilen?
Muße ist eine gefüllte Zeit zwischen zwei Arbeitsperioden, Langeweile wird dagegen als destruktiv empfunden, als quälende Spannung. Aber wenn wir Langeweile tolerieren, dann entsteht eine Situation, in der wir uns treiben lassen. Alles ist im Fluss. Daraus kann sich etwas Interessantes entwickeln. Das ist bei Kindern sehr schön zu beobachten. Sie langweilen sich und kommen dann plötzlich darauf, was sie gern tun wollen. So gesehen, hat Langeweile ein sehr kreatives Potenzial.
Warum wollen wir dann permanent Langeweile vermeiden?
Weil sie zunächst unangenehm ist. In der Psychoanalyse wird Langeweile zum Beispiel als Abwehr von Triebwünschen gesehen. Wenn Triebe aufgrund von Tabus unterdrückt werden, kann man in Langeweile verfallen, um seine eigentlichen Wünsche nicht mehr wahrnehmen zu müssen. Langeweile ernst zu nehmen, könnte auch bedeuten, dass wir uns existentiellen Fragen stellen und wirklich in den eigenen Spiegel blicken, also uns selbst genau betrachten und erkennen, wer wir sind. Mit prallem Leben wird aber heute eher ein ausgefüllter Terminkalender assoziiert als das Herumsitzen und Nichtstun. Die Überbewertung von Aktivität ist in unserer Gesellschaft so etwas wie ein Fetisch. Das ist selbst bei alten Menschen zu beobachten. Wenn Senioren einen Wert haben sollen, müssen auch sie unentwegt beschäftigt sein. Und Studenten glauben, sofort nach dem Studium eine Anstellung haben zu müssen, weil sonst eine Lücke im Lebenslauf entstünde.
Was hat das für Folgen?
Der Zeitdruck verstärkt meist vorhandene seelische Schwierigkeiten. Es sind vor allem immer öfter narzisstische Störungen zu beobachten. Der eigene individuelle Wert wird daran gemessen, ob man tätig ist oder nicht.
Und wie steht es mit den jungen Dynamischen, die unter Termindruck und knapper Zeit leiden?
Wer sich mit Arbeit eindeckt, merkt oft erst spät, dass er ein Problem hat. Rastlose Tätigkeit dient nicht selten dazu, unterschwellige seelische Konflikte zu überdecken. Viele überaktive Menschen sind von ihrer Grundstruktur her ängstlich. Sie fürchten unbewusst, dass sie bei mehr Ruhe diese Angst oder gar eine depressive Struktur in sich entdecken könnten.
Und diesen hyperaktiven Menschen raten Sie zur Langeweile?
Für gewöhnlich steckt man in einem fast zwanghaften Ablauf des Zeitfüllens. Langeweile kann man ja nicht beschließen. Sie kommt als unangenehme Stimmung. Den Überaktiven rate ich, sich einmal zu fragen: Warum mache ich das eigentlich? Um sich Klarheit zu verschaffen, sollten sie mit einem Partner und mit Freunden darüber sprechen. Häufig stellt sich heraus, dass man selbst und alle Menschen in der Umgebung mehr davon haben, wenn man sich weniger Termine aufhalst und Ruhepausen gönnt.
Das Gespräch führte Harald Raab