Ich glaube an das Gute im Menschen – rate aber, sich auf das Schlechte in ihm zu verlassen
Ich glaube an das Gute im Menschen – rate aber, sich auf das Schlechte in ihm zu verlassen
Brennstoff Nr. 43 | Martin Schenk, Moreau | 10.07.2026

Zwei Wölfe und die dünne Decke

Es kann schnell gehen, dass Nach barn zu Feinden werden. Wir haben ne beneinander und miteinander gelebt, erzählen mir Freunde aus dem ehemaligen Jugoslawien. Im selben Dorf, in der selben Straße. Plötzlich gab es kein Gespräch mehr, nur mehr Misstrauen, Hass und Angst.

Die Angst steckte im Spalt zwischen »Was habe ich« und »Wer bin ich«? Eigentlich unglaublich, wie schnell Nationalismus, Identität, Ohnmacht und Eifersucht zu einem giftigen Gebräu werden können – besonders dann, wenn Bestehendes zerfällt und das Neue noch nicht geboren ist.

Soll Hetze gegen eine bestimmte – meist schwächere - Gruppe erfolgreich sein, dann braucht es eine bestimmte Masse und die Erwartung, dass das eigene Tun keine persönlichen Folgen hat. Die Masse kann auf der Straße sichtbar sein, sie kann sich aber auch online auf Facebook organisieren. Ein wichtiger Grund für das schnelle Anwachsen der »Hetzmasse« – wie der Schriftsteller Elias Canetti das Phänomen nannte – ist die Gefahrlosigkeit des Unternehmens. Niemand habe eine Sanktion zu befürchten. Der Sündenbock muss folgenlos erlegbar sein. Nachdem das Opfer erledigt ist, zerfällt die Hetzmasse wieder, ihre Mitglieder kehren in ihren früheren, unbefriedigten Zustand zurück. Was bleibt: Unruhe und das Verlangen nach Dosissteigerung. Das nächste Mal verlangt nach einem stärkeren Kick. Hetze wirkt wie Drogen. Um dieselbe Wirkung von vorher zu erzielen, muss beim nächsten Mal die Dosis erhöht werden.

Der Mensch ist unter Umständen eine gefährliche Spezies. Die Decke der Zivilisation ist dünn, bemerkte der Psychoanalytiker Sigmund Freud. Und Alfred Polgar: »Ich glaube an das Gute im Menschen – rate aber, sich auf das Schlechte in ihm zu verlassen.«

In einer aus Nordamerika überlieferten Erzählung sagte der Großvater zu seinem Enkel: »In meiner Brust findet ein schrecklicher Kampf zwischen zwei Wölfen statt. Der eine Wolf hält sich für etwas Besseres, ist rach süchtig, eifersüchtig, unaufrichtig und voller Angst. Der andere Wolf hält Konflikte aus, ist freudvoll, einfühlsam, großherzig und voller Hofnung«. Das Kind sah seinen Großvater mit großen Augen an. Voller Ungeduld sagte es: »Erzähl weiter, Großvater. Was ist mit den Wölfen in meiner Brust?« Und so fuhr der Alte fort ... »Beide Wölfe kämpfen oft miteinander. Sie umkreisen sich gegenseitig und fletschen ihre Zähne. Sie gehen sich gegenseitig an die Kehle, so lange bis einer der beiden kraftlos zu Boden sinkt. Doch sie können nicht sterben. Denn sie sind keine gewöhnlichen Wölfe. Immer wieder, Nacht für Nacht, Tag für Tag erwachen sie zu neuem Leben und beginnen von vorn. Sie ruhen niemals.«

Wieder schwieg der alte Mann eine Weile. Der Kleine wurde ungeduldig. »Welcher Wolf gewinnt?« fragte er. »Großvater, sag schon. Welcher von den beiden gewinnt?« Der alte Mann antwortete: »Jener Wolf, den du fütterst.«
Martin Schenk

If you live in a myth, everything looks like a supporting fact

ÜBERZEUGUNGEN sind gefährlichere Feinde der Wahrheit als Lügen«, sagt Friedrich Nietzsche. Gegen Überzeugungen kommt man nicht an, sie sind wahnhaft. Wer schon einmal, natürlich erfolglos, versucht hat, mit einem religiösen oder nationalen Fundamentalisten, einem Antisemiten oder einem, der gegen Fremde hetzt, zu disktutieren, wird gemerkt haben, dass das von Überzeugungen befallene Gehirn die Wirklichkeit – seine Wirklichkeit – stets so konstruiert und interpretiert, dass die eigene Weltsicht bestätigt wird. Logische Argumente und Tatsachenbeweise zählen nicht. Die Bereitschaft, einem vermeintlichen Feind alles erdenklich Schlechte zuzutrauen, aber auch zuzumuten, ist groß: darum »sage ich«, ruft HC Strache wahlkämpfend ins Publikum, »die Hercules umrüsten zu einer Abf lugmaschine. Da können [die Flüchtlinge] schreien und sich anurinieren – da stört’s dann niemanden!« Nur in der geschlossenen Anstalt seiner eigenen Wirklichkeitskonstruktion fühlt sich ein von seinen Vorurteilen überzeugter Mensch sicher. Er wendet einen Großteil seiner psychischen Energie auf, die Mauern seines Gefängnisses zu sichern und zu verstärken. Wenn ihm gelingt, andere mit seinem Wahn anzustecken, wird es gefährlich.
Moreau

Author Placeholder

ein Artikel von

Martin Schenk, Moreau

Teile deine Meinung auf