Ich bin so groß als Gott, er ist als ich so klein. Er kann nicht über mich, ich unter ihm nicht sein.
Ich bin so groß als Gott, er ist als ich so klein. Er kann nicht über mich, ich unter ihm nicht sein.
Brennstoff Nr. 69 | Gunnar Decker | 10.07.2026

Eben“bild“ Gottes ... Bild ... Bildung

Das deutsche Wort „Bildung“ stammt von Meister Eckhart. Meister Eckhart ging genau von diesem Satz aus, - „Gott schuf den Menschen nach seinem Ebenbild“, und so gesehen ist es Aufgabe der Bildung das Werden dieses Ebenbildes zu begleiten, zu fördern und zu fordern.

Wie? - Meister Eckhart sagt, schon mit der Geburt seien uns göttliche Samen ins Herz gelegt worden. Diese Samen heißen: Gerechtigkeit, Wahrheit, Liebe, Lebendigkeit oder wie Eckhart es ausdrückt, - das Sein. Diese Samen sollen zum Keimen, zur Enfaltung, zur Blüte kommen, dann würde dieses Ebenbild Gottes sichtbar.

Zwischendurch meint Eckhart, Gott gäbe es gar nicht, es sei denn durch dich, indem eben die Frucht dieser Samen sichtbar werde.

Der Mensch schuf Gott nach seinem Ebenbild

„Einen Gott, den es gibt, gibt es nicht.“ Dietrich Bonhoeffer (Evangelischer Theologe, Er wurde am 9. April 1945 hingerichtet, - nur fünf Tage vor Räumung des KZ Flossenbürg)

„If you can‘t see God in all,
you can‘t see God at all“
Yogi Bhajan

„Ich aber dachte gestern Abend, dass Gott ENT-höht werden sollte, nicht absolut, sondern vielmehr von innen ... Was oben war, das wurde innen. Du sollst geINNIGT werden, von dir selber in dich selber, auf dass er IN dir sei, nicht, dass wir etwas nehmen von dem, was über uns sei; wir sollten es vielmehr in uns nehmen und sollen es nehmen von uns selbst in ins selbst.“
Meister Eckhart

Rilkes Stundenbuch und sein Gott

Rilkes Gott sollte man nicht mit dem Gebet zu Gott in traditioneller Weise verwechseln, wie es nach dem Erscheinen des »Stunden-Buchs« häufig geschah.

Es ist tatsächlich viel von Gott darin die Rede - und der Irrtum, man lese hier die Gedichte eines von seiner Frömmigkeit getragenen Gottsuchers, also genuin religiöse Dichtung, wurzelt vor allem im ersten Teil des »Stunden-Buchs«. Aber es ist nur bedingt der christliche Gott, um den es hier geht - so viel und so wenig es in den Schriften der Mystiker von Meister Eckhart bis Angelus Silesius um diesen geht.

Meister Eckhart und Angelus Silesius

Beide Autoren kennt Rilke, der als Dichter keinen Ehrgeiz darein setzt, besonders viele Bücher zu lesen. Aber diejenigen, die er liest, liest er auf eine besondere, eine innige Weise. Bei Meister Eckhart wohnt Gott auf dem Grunde der Seele des Einzelnen, der sich in sich versenken, »Wesensschau« halten muss, um gleichzeitig Gott und sich selbst zu erkennen.

Gott kann nicht ohne mich

Gott erscheint hier also gleichsam als ein Gegenüber, das kein unpersönliches Prinzip ist. Ein Wegbegleiter, an den man das Wort richtet und gegenüber dem man gleichzeitig auf Antwort lauscht. Wie auch Angelus Silesius glaubt auch Rilke nicht an die Existenz Gottes außerhalb dieser Ich-Du-Beziehung. Darum erscheint hier Gott als Verbindung zwischen dem Kleinsten und dem Größten, der Alleinheit.

Eines ist nicht ohne das andere. Bei Angelus Silesius lesen wir: »Ich bin so groß als Gott, er ist als ich so klein; Er kann nicht über mich, ich unter ihm nicht sein.« Oder auch: »Gott ist mir das Feu‘r, und ich in ihm der Schein: Sind wir einander nicht ganz inniglich gemein?«

Gunnar Decker, Rilke, der ferne Magier

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Gunnar Decker

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