Haben oder Sein
Haben oder Sein
Brennstoff Nr. 72 | Erich Fromm | 10.07.2026

Geld oder Leben oder ...

ERICH FROMM - HABEN ODER SEIN

„Da wir in einer Gesellschaft leben, die auf den drei Säulen Privateigentum, Profit und Macht ruht, ist unser Urteil äußerst voreingenmommen. Erwerben, Besitzen und Gewinnmachen sind die geheiligten und unveräußerlichten Rechte des Individuums in der Industriegesellschaft. Dabei spielt es weder eine Rolle, woher das Eigentum stammt, noch ist mit seinem Besitz irgendeine Verpflichtung verbunden.“

... Dorothee Sölle ergänzt: Diese Orientierung am Haben wird als in der menschlichen Natur verwurzelt und daher als unveränderbar angesehen. Sie zerstört die Beziehung zum Nächsten, zur Natur und zum Ich.

Fromm trifft eine hilfreiche Unterscheidung zwischen dem Eigentum, das dem Gebrauch dient oder „funktional“ ist, und dem reinen Besitz, der keinen Gebrauchswert hat, sondern dem sozialen Status des Ego, der Sicherung der Zukunft oder aus der sich verselbständigenden reinen Gier dient. Er sieht natürlich, dass der Mensch nicht leben kann ohne zu haben, meint aber, dass Menschen seit der Entstehung des Homo sapiens vor allem mit Gebrauchseigentum lebten und sich 40.000 Jahre lang dem Zwang des Habenmüssens nicht unterwarfen!

Erst der entwickelte Kapitalismus hat, nach Fromm, eine Mentalitätsveränderung hervorgebracht, die tatsächlich eine Neudefinition des Menschen bedeutet im Sinne des „Haste was, so biste was“, wie Sparkassenwerbung noch in den dreißiger Jahren klotzig zu lehren sich anmaßte. D.S.

DIE WERBUNG

Die Werbung inszeniert den raschen Umschlag vom Gebrauchswert zum Besitzkult und betreibt geradezu das, wovor die mystische Tradition gewarnt hat: dass aus dem erfreulichen Besitz eine zu sichernde Last wird, dass der Herr und Besitzer zum Sklaven und Diener seines Eigentums wird. Der versprochene Palast wird zum Gefängnis.

WERBUNG VERDREHT UNSER GANZES WELTBILD

Werbung sucht immer das ICH im Du. Nur das EGO ist ein guter Kunde. Also wird das ICH um- schmeichelt, umgarnt ... hin und wieder wäre das völlig wurscht. Indem aber Werbung ein Dauerfeuer auf die Menschen prasseln lässt, ist es nicht mehr wurscht. Es begünstigt ein völlig falsches Bild vom Ich. Ich bin, weil ich bin. (wenn man so liest, spürt man eh, dass es ein Blödsinn ist; dennoch spielt die Werbung diese Nummer) Ich kaufe, was mir Spaß macht, ich fühle mich großartig, wenn ich „das“ habe ... Das Ubuntu Bild ist viel richtiger: Ich bin, weil du bist. hei

CONSUMO ERGO SUM - Identität durch KAUFEN

Es lässt sich lernen, dass mit weniger auskommen oft bedeutet, mehr an Zeit und Kraft für anderes zu gewinnen. Unser Verhältnis zu den Dingen wird gelassener, wir können sie als uns kurzfristig überlassene, sozusagen geliehene Dinge ansehen. Sie verselbständigen sich nicht mehr und verlieren die Macht über ihre Besitzer. Die Verrücktheit der Sufis und vieler anderer radikal eigentumskritischer Traditionen deutet hin auf diesen Jubelsprung in die Freiheit. - Oh Freedom! D.S.

SKLAV´ BRAV ... ODER: OH FREEDOM

And before I d be a slave, I d be burried in my grave.
Und bevor ich leb als Sklav´, bin ich lieber tot als brav.

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ein Artikel von

Erich Fromm

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