GLÜCK
GLÜCK

Erinnert, Ersehnt, Flüchtig, Zeitlos – GLÜCK.

Menschen sind unersättlich. Sie wünschen, sie wollen, sie begehren und sind doch nie auf Dauer zufrieden zu stellen.

Ihre Sorge um das Glück kommt nie zur Ruhe, weil fast jeder Genuss, statt ihren sehnsuchtsvollen Drang zu stillen, die Begierden erst anstachelt. Oder ist es etwa so: Wo ich nicht bin, da ist das Glück?

Von Hannes Doblhofer

Der neugeborene Esel im Stroh, ein ballspielendes Kind, die blumengeschmückte Hochzeitslimousine, Eisstockschützen mit dem Siegerpokal – Bilder vom Glück. Mit nachdenklich-normalen Gesichtern ist nichts zu erreichen, „Seid glücklich“ lautet der Befehl vieler Ratgeber für ein gutes Leben. Und versäumen auch nicht, gleich die Anleitung mit auf den Weg zu geben, wie man es denn findet, das Glück. Und überall grinsen sie uns an und blecken ihr Gebiss, von Plakaten, aus Inseraten und TV-Spots: Mit Traurigen ist keine gute Werbung zu machen. Das Glück und die Suche nach ihm gehören zum Fundus der modernen Gesellschaft. „Das Glück ist eine neue Idee in Europa“ schrieb Saint-Just zur Zeit der Französischen Revolution.

Manchmal aber gehört zum Glücklichsein, vom Glück verschont zu werden. Torbergs Tante Jolesch sagt: „Gott soll abhüten vor allem, was noch ein Glück ist.“ Wir lassen uns nicht vorschreiben, worin das eigene Glück besteht. Es stellt sich ein, es kommt einfach, es sind gerade die unwillkürlichen Glücksmomente, die man als besonders befriedigend empfindet. „Das Glück“ so der Philosoph Dieter Thomä, … gehört zum Gesamtprogramm der „Moderne“. Die Glückserwartung des „modernen“ Menschen ist groß. Ein wichtiger Beitrag dafür ist die amerikanische Unabhängigkeitserklärung, in der die „pursuit of happiness“, ein Aufruf, dass jeder sein Glück verfolgen könne, festgehalten ist.

* Glück „praktisch“

Als Lebensglück gilt – das Glück zu Zweit. Doch was als Glück betrachtet wird, variiert höchst individuell. Die einen versuchen, auf der Suche nach dem Glück ihr Äußeres chirurgisch zu optimieren, andere üben sich in Enthaltsamkeit. Für jeden Glückstypus findet sich das entsprechende Buch in den reich gefüllten Regalen der Ratgeberliteratur – als Kompass. Paul Anka singt „I did it my way“.

* Glück „chemisch“

Im Zusammenspiel von Gehirn und Hormonen entstehen „Glücksgefühle“. Molekularbiologen haben entschlüsselt, auf welche Weise etwa Sex, Sport und Schokolade Glücksgefühle auslösen. Als Glücksboten gelten die Neurotransmitter Serotonin und Dopamin, zusammen mit Adrenalin und Noradrenalin heben sie die Stimmung. Forscher suchen seit langem (erfolglos) nach einem „Glücks-Gen“. Die einen sind „happy“ mit der Leberkässemmel, andere beim Biss in die Karotte.

* Glück „sprachlich“

Sprachforscher leiten „Glück“ vom Verb „gelingen“ ab. Glück und das sprachlich verwandte englische „luck“ bezeichnen ursprünglich das Gelungene, das leicht Erreichte oder den günstigen Ausgang eines Ereignisses. So kommt der Ausdruck „Glück“ ins Glückspiel.

* Glück „gehabt“

Noch rechtzeitig gebremst und um Zentimeter die Stoßstange verfehlt, dem Blumentopf vom Balkon entronnen, das Tennismatch mit einem Netzroller gewonnen – „es war Glück“. Früher lebte der Mensch in einer Welt als Glück und Gefahr – heute lebt er in einer Welt als Risiko und Versicherung. Die Versicherungen kaufen uns das Unglück ab. Die Lotterie ist die Domestizierung des Glücks, die Versicherung ist die Domestizierung des Unglücks. Zivilisation ersetzt Glück durch Sicherheit.

* Glück „utopisch“

In Huxley`s „Schöne neue Welt“ wird der Held vor die Wahl gestellt, in einer total funktionierenden Welt glücklich zu leben oder in der Freiheit vom Unglück nicht verschont zu bleiben. Die Kontroverse ist ideologisch, denn es gab nie eine Gesellschaft, die diese Wahl bieten konnte. Sie war vielmehr immer ein technischen Utopien abzuarbeiten. Denn Glück hat mit Realität, mit Lebenssituationen zu tun, denen man ausgesetzt ist.

„Glücklich sein bedeutet, in seinen Lebensbedingungen sich selbst bestätigt zu finden.“ (Rosa Mayreder)

Kürzlich erschien ein Buch: Tausend Glücksmomente. Sie reichen vom Kuchenbacken bis zum warmen Bad am Abend. Glück, eine gleichmäßig harmlose Seligkeit. Warum nicht? Wer Glück höher ansetzt, muss seine Unbescheidenheit vielleicht durch Unglück büßen. Im übrigen, meinte Schopenhauer, „ist das Leben nicht eigentlich da, um genossen, sondern um überhaupt abgetan zu werden.“ Und bei aller Suche nach dem Glück, dachte niemand an das Un-Glück der Unterdrückten, an das Glück der Indianer und Negersklaven, und wann sind die Industrie-Sklaven glücklich?

„Verdoppeln lässt sich das Glück nur, wenn man es teilt.“ (Johann Nestroy)

Damit sind wir bei den ewigen Ärgernissen des Glücks. Wenn alle ein Recht haben, ihr Glück zu verfolgen, gibt es Interessenskonflikte, Verteilungskämpfe, gibt es Gewinner und Verlierer des Glücks. Das Tauziehen ums Glück ist ein Nullsummenspiel. Oder ist alles eine Frage der Deutung? „Der Sündenfall...“, schreibt Robert Bolz – „wird zum Glücksfall gedeutet, der nun jedes weitere Glück überflüssig macht. Das Unglück wird zum Motor des Heils. Die Auferstehung ist das Happy End des Christentums“.

„Haben wir das Glück erfunden oder existiert es wirklich irgendwo, immer erreichbar für uns?“ Ricarda Winterswyl geht auf die philosophische Spurensuche und findet auf diese Frage im Vorvorgestern und im Heute keine Sicherheiten. Doch Glück ist schon mit der „conditio humana“ kaum zu vereinbaren.

Sigmund Freud meint zwar, dass das Streben der Menschen nach dem Glück Zweck und Absicht ihres Lebens sei, stellt aber fest, dass dieses Programm „im Hader“ sei „mit der ganzen Welt, mit dem Makrokosmos ebenso wie mit dem Mikrokosmos“. Alle Einrichtungen des Alls widerstehen ihm; man möchte sagen, die Absicht, dass der Mensch „glücklich“ sei, ist im Plan der „Schöpfung“ nicht enthalten.

Die Moderne leidet unter einem Selbstmissverständnis. Auf der einen Seite ist die Aussage, das Glück sei Privatsache – populär, auf der anderen Seite gehört das Glück, (ein sprachlicher Overkill) zum Gesamtprogramm der Moderne. Eben deshalb ist das Glück auch der Analyse zugänglich. Dass es in den USA jährlich 7,5 Millionen Schönheitsoperationen gibt, ist nicht nur eine Tatsache, die das private Glück der Operierten betrifft, sondern dies provoziert auch einen Streit darüber, welchen Stellenwert unser Äußeres (oder unser Inneres) für unser Lebensgefühl und für unser Glück hat. Doch: Das Entscheidende am Leben ist, dass es gerade jetzt, in dieser Sekunde gelebt wird. Deshalb ist der jetzige Moment immer der entscheidende. Wären wir nicht glücklich, wenn es nicht diese besonderen Momente gäbe, die doch ganz einfach sein können, etwa ein Blick auf eine Landschaft oder ein Blick zwischen Freunden. Dieses situative Glück bezeichne ich als das wirkliche Glück.

Damit das Herz nicht matt werde

Als mir nun bei diesem ernsten, eifrigen, heißen Mühn eine Erwägung des Entsagens aufstieg, sagte ich mir: „Aufgestiegen ist mir da diese Erwägung des Entsagens; und sie führt wahrlich nicht zu eigener Beschränkung, führt zu keines Beschränkung, fördert die Weisheit, bringt keine Verstörung mit sich, führt zur Wahnerlöschung.

Ob ich sie nun bei Nacht erwäge und überlege, ich kann in ihr nichts Schreckliches finden.

Aber gäbe ich mich dem Erwägen und Überlegen zu lange hin, so würde mein Körper ermüden, bei müdem Körper das Herz matt werden, und das matte Herz ist fern von der Selbstvertiefung.“

Da faßte ich denn, ihr Mönche, mein Herz innig zusammen, beruhigte es, einigte es, festigte es, und warum das?

Damit mein Herz nicht matt werde.

Buddha, M., 19. Rede, 116

Literatur & Information:

Für Skeptische: Alain „Die Pflicht glücklich zu sein“. Suhrkamp Tb 859

Für Forschende: Ricarda Winterswyl „Das Glück - eine Spurensuche“. BR 1120 Glück kreuz und quer: „Wespennest“

Zeitschrift für brauchbare Texte. Wespennest Nr. 105

Zum Zitieren: „Glück“ – Und was die Dichter davon wissen. Jung&Jung

Plädoyer für Unglückliche: Pascal Bruckner

„Verdammt zum Glück“. Aufbau Verlag

Für glücklos Glückliche: http://www.eur.nl/fsw/research/Happiness

Fast alles über das Glück: http://de.wikipeda.org

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