Genossenschaften – Lückenbüßer oder Ausweg?
Genossenschaften – Lückenbüßer oder Ausweg?
Brennstoff Nr. 40 | MARKUS DISTELBERGER | 10.07.2026

Lasst uns in Erscheinung treten, los, mit noch größerer Evidenz als so, wir sind noch deutlich diesseits jeder Evidenz, wir sind noch deutlich diesseits von allem. Nur ein Schimmer dessen sind wir, was wir wollten, und mehr nicht, und noch längst nicht alles. Wir sind noch blass, unentschieden, leise, und bilden noch keine richtige Masse. Wir sind noch unzusammenhängend und verschwommen. Los doch. Lasst uns verdichten, was wir sind. Forcieren wir den Strich, wenn es sein muss. Und forcieren wir den Übergang. Sorgen wir fürs Anschwellen. Füllen wir die Leerstellen. Wachsen wir auch in die Höhe. Entwickeln wir das ganze Ausmaß, das es braucht. Erreichen wir die Dichte der unausweichlichen Überraschung.
Mariette Navarro, Wir Wellen

In dem dramatischen Gedicht »Wir Wellen« bereitet eine Gruppe eine Aktion, vielleicht einen Aufstand vor. Erinnerungen an Widerstand, Protest und Revolution werden wachgerufen, die Entstehung eines Kollektivs beschrieben. Navarro beschreibt ihren Text als »Traum des kollektiven Handelns. Es ist die Geschichte einer Bewegung mit ihren Widrigkeiten und Fraglosigkeiten.« Sie evoziert damit die Revolte mit ihren Hoffnungen und ihrer Fragilität und zeigt, dass der Tropfen zum Ozean werden kann.
Mariette Navarro, Wir Wellen, Verlag Matthes & Seitz

SIND GENOSSENSCHAFTEN Lückenbüßer im Kapitalismus oder sind sie ein Ausweg aus ihm und aus dem Zwang, unsere Erde, unsere Arbeit, unser Geld und Vermögen, so wir eins haben, immer nur »zu Markte zu tragen«? Wie könnte ein anderes, gemeinsinniges Wirtschaften konkret gestaltet werden? Wie können dazu Arbeit, Kapital und Unternehmen, entgegen unserer bisherigen Vorstellungen, auf Basis von Gemeinschaft und Verbundenheit ganz neu organisiert werden?

Eine gute Freundin, Veronika Bennholdt-Thomsen, Soziologin, international bekannt unter anderem durch ihre Arbeiten zur »Subsistenzperspektive«, sagte mir vor kurzem, dass sie sich mit dem Thema »Genossenschaften« schwer tut. Eigentlich kennt sie keine Genossenschaften, die ein Wirtschaften jenseits des Profitzwanges umgesetzt hätten. Zwar ursprünglich oft an menschenfreundlichem, solidarischem Wirtschaften orientiert, sind sie schließlich doch der Dynamik des Kapitalismus erlegen. Es ging ihnen schließlich auch immer wieder nur ums Geld: Wie verdienen wir mehr davon, wie sparen wir es ein?

Nach dem Genossenschaftsgesetz ist das genau ihr Zweck, nämlich ihre Mitglieder wirtschaftlich zu fördern, sprich ihnen dabei zu helfen, Geld zu sparen oder mehr Geld zu verdienen, etwa durch gemeinsamen Einkauf, gemeinsames Marketing, gemeinsame Infrastruktur, gemeinsame Finanzierung von Groß-Investitionen usw. oder leichteren Zugang zu Kapital zu ermöglichen durch alternative Spar- und Kreditvereine.

Die erste Aktion des deutschen Sozialreformers Friedrich Wilhelm Raiffeisen (1818–1888) zur Zeit der Hungersnot 1846/47 war, dass er als Bürgermeister einer kleinen Gemeinde das von der Regierung zur Verfügung gestellte Brotgetreide, das vorschriftsmäßig nur gegen Barzahlung abgegeben werden durfte, illegal gegen Schuldscheine abgab, da die ärmsten Teile der Bevölkerung nicht genug Geld hatten, es sofort zu bezahlen. Dann gründete er einen »Brotverein«, mit Hilfe dessen er von den etwas begüterteren MitbürgerInnen Einlagen ihrer (auch) geringen Ersparnisse bekam. Mit diesen finanzierte er neben der Bezahlung des auf Schuldschein ausgegebenen Getreides den Bau eines Gemeindebackhauses und die Anschaffung von Saatkartoffeln, wodurch er für die ärmeren Bürger die Basis schuf, dass sie durch den Verkauf der Kartoffel wieder soviel verdienen konnten, dass sie schließlich ihre Schulden damit wieder begleichen konnten.

Was verbinden wir heute mit dem Namen »Raif-

feisen«? Einen gigantischen Konzern mit einer Bilanzsumme doppelt bis dreifach so hoch wie die des Bundesbudgets, der »halb Österreich« besitzt, in alle Lebensbereiche hinein verzweigt ist und die Politik stark mitbestimmt. Lutz Holzinger und Clemens Stau dinger zeigen mit ihrem »Schwarzbuch Raiffeisen«, erschienen im Mandelbaum Verlag, was für ein »Big Player« der Finanzwirtschaft der Raiffeisen-Konzern geworden ist und wie der Gedanke des genossenschaftlichen, sozial-solidarischen Wirtschaftens dadurch total in den Hintergrund geschoben wurde. Das gilt genauso für all die anderen genossenschaftlichen Bewegungen und Ansätze, die es in diesen letzten eineinhalb Jahrhunderten gab: Die Genossenschaften im Bereich Wohnen ( Wiener Siedlerbewegung ), Einkauf, Sparen und Kredit, die eher aus dem Arbeitermilieu stammen und die von Schulze-Delitsch und anderen gegründete Genossenschaftsbewegung von Kleingewerbetreibenden – alle waren sie ursprünglich Bewegungen von unten. Doch sie mündeten im wesentlichen alle in eher bürokratische Systeme, die zwar eher sozialstaatlich orientiert, zugleich aber auch Teil der zwischen »Rot und Schwarz« aufgeteilten »Reichs hälften«, sprich eine Art von Herrschafts sphä ren der damals vorherrschenden politischen Parteien waren. Legitimierten sie sich in dieser Zeit noch durch ihren sozialen Auftrag, trat dieser in der Zeit des Neoliberalismus der letzten 30 Jahre zunehmend in den Hintergrund zugunsten eines Agierens als reiner Wirt schaftsbetrieb, der sich im wesentlichen durch die Quan tität seiner Wirtschaftsakti vitäten legitimierte.

Wir sollten uns aber hüten, die 150-jährige Raiffeisen-Geschichte zu verwenden, um mit unserem Finger auf dieses ganze Raiffeisen-Wirtschaftsbiotop und ihre Bewohner zu zeigen. Es stellt sich vielmehr die Frage: Was können wir aus dieser Geschichte lernen, die auch unser aller Geschichte mit dem Kapitalismus mit all ihren hellen und dunklen Seiten ist? Welche neuen Ansätze gibt es bereits?

Auch wenn sie von der jüngeren Generation nicht mehr selbst erlebt wurde, wirken sie doch noch weiter: die emanzipatorischen Ansätze aus der 68er – Bewegung in Form von sogenannten selbstverwalteten Betrieben und Sozialeinrichtungen. Schließlich entstand in jüngerer Zeit (in den letzten 30 Jahren) die Bewegung der Baugruppen, Wohnprojekte und Cohousing-Siedlungen mit ihrem Fokus auf Gemeinschaftsbildung. Sie alle zeigen, dass ein Leben mit mehr Gemeinschaft attraktiv ist und funktioniert. Sie halten in einer Zeit der Dominanz des Konsumstrebens, der Geldversessenheit und von »Geiz ist geil« andere, menschliche Werte hoch.

Nochmals die Ausgangsfrage: Wie könnte ein anderes, gemeinsinniges Wirtschaften konkret gestaltet werden? Wie können dazu Arbeit, Kapital und Unternehmen, entgegen unserer bisherigen Vorstellungen, auf Basis von Gemeinschaft und Verbundenheit ganz neu organisiert werden?

Ich möchte ein anderes, gemeinsinniges Wirtschaften mit Hilfe von Genossenschaften und einer neuen Genossenschaftsbewegung, vom Ist-Zustand der Wirtschaft ausgehend, skizzieren:

Ich gehe mal von einer konkreten, realistisch erscheinenden Ausgangssituation aus und lasse mich zu einer Vision in Form einer Geschichte inspirieren:

Das Bauunternehmen, nennen wir es »Zukunftbau GesmbH« mit 150 MitarbeiterInnen, das bisher einer Unternehmerfamilie gehörte, ist in Konkurs. Das genossenschaftliche Unternehmensmodell (sagen wir unter anderem auch dank von Symposien, wie GEA sie veranstaltet) genießt inzwischen breites Vertrauen. Es gibt ein großes Netzwerk von vielen tausenden Menschen, die die Idee von Produktionsgenossenschaften unterstützen, und eine bekannte Servicestelle, die die Gründung solcher Genossenschaften, insbesondere auch die Übernahme von Unternehmen, die in Konkurs sind oder die vielleicht mangels Unternehmensnachfolger aufgelöst werden sollen, unterstützt.

Es findet sich ein fachlich kompetentes Geschäftsführungsteam, das ein überzeugendes Unternehmenskonzept (sagen wir, weil mir persönlich das gerade sehr sympathisch ist: für innovativen Lehmbau) zur Fortführung der »Zukunftbau« entwickelt hat. Dieses wird in dem großen Genossenschaftsnetzwerk be kannt gemacht und zur Zeichnung des ebenfalls schon vorbereiteten Genossenschaftsvertrages eingeladen. FinanzierungsgenossenschafterInnen zeichnen darüber hinaus auch Anleihen oder Nachrangdarlehen, um die Mittel zum Kauf des Betriebes aus dem Konkurs zu ermöglichen. Der Masseverwalter unterstützt die Gründung der Genossenschaft zwecks Übernahme des Betriebes, weil er dadurch einen besseren Verkaufs erlös für die Konkursgläubiger erzielt.

Die Genossenschaftsservicestelle veranstaltet eine Einführung und Schulung für die MitarbeiterInnen der »Zukunftbau«. Daraufhin entscheiden sich über 50 % zum Beitritt als ArbeitsgenossenschafterInnen. Die zu künftige Genossenschaft wird partizipativ und soziokratisch als Mitunternehmerschaft organisiert. Es gibt keine Dienstverhältnisse. Alle GenossenschafterInnen sind gleichberechtigte, selbständige UnternehmerInnen. Die vorhandene Arbeit und das damit erzielte Einkommen werden auch unter sozialen Gesichtspunkten gerecht aufgeteilt. Alle Funktionen der Genossenschaft werden in offener, freier Wahl gewählt.

In derselben Weise wird über die Grundsätze aller Bereiche der Unternehmenspolitik entschieden.

Die Genossenschaft ist wirtschaftlich sehr erfolgreich. Sie wächst und nimmt neue GenossenschafterInnen auf. Sie ermöglicht auch großzügige Freiräume für individuelle Zeitgestaltung des Arbeitslebens und der betrieblichen Anwesenheit. Das Wohlergehen der MitarbeiterInnen hat oberste Priorität in der Unternehmenspolitik. Die Identifikation der GenossenschafterInnen mit ihrem Betrieb ist sehr groß.

Die Genossenschaft ist von Bankdarlehen unabhängig, da sie das benötigte Fremdkapital zur Gänze in Form von Anleihen und Nachrangdarlehen aus dem Kreis der GenossenschafterInnen und dem größeren Genossenschaftsnetzwerk erhält. Die Genossenschaft betreibt auch einen Vermögenspool, der hohe Sicherheit bietet durch Hypotheken im Grundbuch und durch Verwaltung einer Liquiditätsreserve durch einen Treuhänder bei gleichzeitiger relativ kurzfristiger Verfügbarkeit der Einlagen. Die Menschen aus dem Netzwerk wollen keine Rendite für ihre Geldeinlagen, sondern finden eine Werterhaltung, die wirtschaftlich und sozial sinnvolle Verwendung der Gelder, die persönliche Beziehung zum Unternehmen und hohe Sicherheit als eine sehr attraktive Gegenleistung. Auf diese Weise steht für sinnvolle und überzeugende Investitionen immer ausreichend Geld zu Verfügung.

Die Genossenschaft eröffnet Freiräume für Bildung und für die Entwicklung neuer Geschäftsfelder. Das regt die Kreativität und das Engagement der MitarbeiterInnen stark an. Daneben können andere ihr Leben auch anders gestalten, etwa indem sie sich mehr Zeit für Familie und Freunde nehmen. Es herrscht allgemein eine entspannte Atmosphäre und vielfältige, zum Teil auch recht tiefe Verbundenheit innerhalb der Genossenschaft und des Netzwerkes.

Eine mit der Zeit entstandene große Zahl von solchen Genossenschaften unterstützt sich gegenseitig. In der betreffenden Region ist Arbeitslosigkeit sehr gering geworden, weil den Menschen genug einfällt, was sie tun können und möchten und was andere brauchen

und durch das Genossenschaftsnetzwerk leicht auch als neuen Geschäftszweig starten können. Es sind inzwischen auch eine Reihe von Genossenschaften entstanden, indem sich ehemalige Ein-Personen-Unternehmen zusammengeschlossen haben, um aus dem früheren, oft sehr anstrengenden Einzelkämpfer-Dasein auszusteigen und sich gegenseitig zu unterstützen, vieles gemeinsam zu machen oder sich zu leisten.

Die Menschen in diesem Genossenschaftsnetzwerk zeigen hohes Selbstbewusstsein, Kommunikations- und Konfliktlösungsfähigkeit und Lebenszufriedenheit. Sie haben mit anderen Menschen Mitgefühl und beteiligen sich auch gerne an sozialen und politischen Initiativen für eine bessere Welt. Gleichzeitig haben sie auch viel Muße und Zeit für Kultur und Feste.

Und nun wollen wir noch ganz radikal werden: Die Genossenschaft verkauft ihre Produkte nicht mehr (nur) am »freien« Markt als Waren, deren Preis sich am Markt bildet, sondern vergemeinschaftet sich auch mit den Konsumenten, die die Güter brauchen und nach Kräften die Genossenschaft unterstützen, indem sie auch wirtschaftliches Risiko mittragen (durch die schon erwähnten Anleihen und Darlehen oder durch langfristige »Ernte«-Anteilsbezugsverträge, wie sie unter dem Titel Community Supported Agriculture ( CSA) im Bereich der Landwirtschaft bereits praktiziert wird).

Das Genossenschaftsbiotop bildet auch einen oder mehrere globale Knotenpunkte im Netz einer globalen Peer-to-Peer-Ökonomie aus, ähnlich wie die Free-Software-Bewegung oder Wikipedia.

Schließlich entdecken die Menschen in dem Genossenschaftsbiotop eine riesige Freude daran, vieles, vor allem im Bereich von Grundbedürfnissen wie Essen, Kleidung, Handwerk, Pflege und Betreuung von Alten und Kindern, selber zu machen oder sich lokal zusammenzuschließen. Sie genießen durch diese Vielfalt und die Gemeinschaft ein viel sinnlicheres und sinnhafteres und reicheres Leben, das es wie in einem Kreis von positiver Verstärkung wieder leichter macht, Ängste abzubauen und zu teilen.

Auch wenn vielleicht nicht alles sofort so perfekt laufen sollte, wie ich es jetzt visioniert habe, lohnt es sich vielleicht doch, in diese Richtung einen Schritt nach dem anderen zu gehen.

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ein Artikel von

MARKUS DISTELBERGER

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