Gedanken über die Schwierigkeit, widerständig zu sein
Gedanken über die Schwierigkeit, widerständig zu sein
Brennstoff Nr. 35 | Ursula Baatz | 13.07.2026

Den Marktinspektoren musste man Schmiergeld zahlen, wenn sie nach der Genehmigung fragten. Das war für die Gemüsehändler von Sidi Bouzid, einer Kleinstadt im Norden Tunesiens, Routine. Solche behördliche Schikanen betrafen in Tunesien viele Menschen. Bis sich dann der achtundzwanzigjährige Mohamed Bouazizi im Dezember 2010 selbst verbrannte, weil sein Gemüsestand mehrfach willkürlich geschlossen worden war, seine Beschwerden bei der Stadtverwaltung erfolglos blieben und ihm eine Auseinandersetzung mit der Polizei eintrugen. Ein Augenzeuge filmte Bouazizis Selbstverbrennung mit dem Handy, der Film wurde ins Netz gestellt. Bouazizis Tod wurde zum Funken, der einen Flächenbrand auslöste: den »arabischen Frühling«. War Mohamed Bouazizi ein Widerstandskämpfer?

Bouazizi war Alleinverdiener, der seine Familie mit dem Gemüseverkauf erhielt. Die Schikanen richteten sich gegen ihn und seinen Gemüsestand und bedrohten Überleben und Wohlergehen seiner Familie; und in weiterer Folge auch seine Identität als Mann, der seine Familie ernähren kann, was in den männerdominierten Gesellschaften des Maghreb viel schwerwiegender ist als bei uns. Bouazizi setzte sich zur Wehr, und als dies nichts nützte, verbrannte er sich selbst. Dies alles tat er aber nicht, um die Gesellschaft zu verändern, sondern um Grundbedürfnisse – Überleben, Wohler gehen und Identität zu verteidigen. Für die jungen Leute, vorwiegend aus den gebildeten Mittelschichten, die in Tunesien und dann auch in Ägypten die Proteste trugen, ging es darüber hinaus auch um das Bedürfnis nach Freiheit. Dafür waren Zehntausende bereit, ihre Gesundheit und auch ihr Leben zu riskieren. Nach einer vorsichtigen Schätzung kostete der ägyptische »Aufstand des 25. Jänner« rund 900 Menschenleben und Tausende wurden verletzt.

Überleben, Wohlergehen, Identität und Freiheit sind Grundbedürfnisse, die alle Menschen haben. Dies ermittelte Johan Galtung, der Begründer der Friedensforschung, in einer internationalen Untersuchung. Bleiben diese Grundbedürfnisse durch äußere Zwänge länger unbefriedigt, kommt es zu Konflikten, die eskalieren können. Grundbedürfnisse können aber auch pervertiert als Machtgier o. ä. auftreten. Darin liegt nach Galtung die Wurzel aller Aufstände, Kriege und Revolutionen.

Ein Blick in Geschichte und Gegenwart zeigt, dass Aufstände entstehen, weil Brotpreise zu hoch sind oder Menschen Freiheit, Würde und Bürgerrechte wollen, oder auf Grund von Unrechtserfahrungen – wenn etwa Identität und Sprache einer großen Minderheitsbevölkerung unterdrückt werden – wie z. B. die hinduistischen Tamilen in Sri Lanka. Wann ein Aufstand ausbricht, kann niemand vorhersagen. Soziale Netzwerke spielten und spielen in diesen Prozessen eine wichtige Rolle. Heute wird deren Wirkung durch die Möglichkeiten der elektronischen Medien beschleunigt und intensiviert.

Auch wenn es auf den ersten Blick nach »erst kommt das Fressen, dann kommt die Moral« (Brecht) aussieht, gibt es keine Hierarchie dieser Grundbedürfnisse, sondern sie sind gleichwertig. Das heißt, jeder Mensch, aber auch jede Zeit und Bevölkerung hat eigene Prioritäten. Mancher opfert sein Überleben für die Freiheit – »Eleftheria i thanatos«, »Freiheit oder Tod« hieß 1820 das Motto der Griechen während des Unabhängigkeitskrieges gegen die türkischen Ottomanen – es ging den Griechen um Freiheit und Identität; im »arabischen Frühling« ging es ums Wohlergehen, weil die überwiegend junge Bevölkerung zwar oft gut ausgebildet ist, jedoch arbeits- und perspektivlos, und es ging um Freiheit und Identität – um ein demokratisches Tunesien, ein demokratisches Ägypten. Dafür setzten Abertausende ihr Überleben aufs Spiel.

Weil diese vier Grundbedürfnisse nicht hierarchisch, sondern gleichwertig sind, wird jede und jeder eine eigene Wahl treffen. Etwa haben die meisten Kollegen eines Mobbing-Opfers Angst um ihr Überleben und Wohlergehen – weil sie Familie haben, ein Haus auf Kredit gebaut oder ähnliches, deswegen solidarisieren sie sich nicht. Oder es geht um Identität – etwa wenn jemand Teil der Geschäftsführung ist, kann es schwierig sein, sich mit einem gemobbten Mitarbeiter zu solidarisieren. Selbst das Bedürfnis nach Freiheit kann zu Entsolidarisierung führen.

Welche Grundbedürfnisse für jemanden Priorität haben, kann nicht verordnet werden, und es lässt sich darüber auch nur schlecht argumentieren.

Deswegen können sich Bedürfnisse als Hindernis erweisen – nämlich dann, wenn sie so funktionieren wie z. B. bei einem Alkoholiker das Bedürfnis nach Alkohol. Die Befriedigung des Bedürfnisses hat zerstörerische Wirkung, nekrophil nannte dies Erich Fromm. Er sah solche Strukturen in der Industriegesellschaft am Werk – die Diagnose, erstellt Anfang der 1970er Jahre, hat sich rückschauend als Zukunftsprognose erwiesen. Auf den ersten Blick werden Grundbedürfnisse gut bedient – man sichert das Überleben »für den schnellen Hunger« durch Snacks und Fertiggerichte; Bankkonten, Badezusätze oder Bier sorgen für Wohlergehen; Turnschuhe oder Jeans bedienen die Identität, Autos stehen für Freiheit und Naturnähe usw. Was als lebenssprühend und lebensfördernd erscheint, erweist sich bei genauerer Betrachtung oft als Nekrophilie in ihrer schönsten Form. Die Werbe-Idyllen nehmen durch kalkulierte Sinnesreize die Sehnsüchte in Beschlag. Das kleine Glück der Surrogate macht müde.

Die Widersprüche, die es produziert, sollen übersehen werden: Jeder in Europa nimmt unweigerlich teil an der Unterdrückung von Menschen und der Ausbeutung von Rohstoffen außerhalb der industrialisierten Staaten – selbst wenn sie oder er nach europäischen Standards nicht vermögend ist. Zudem verzehrt die Arbeitszeit, die notwendig ist, um die glücksverheißenden Produkte zu kaufen, die Lebenszeit, die nötig wäre, um die Produkte auch entsprechend genussvoll zu konsumieren.

Dagegen beginnt sich nun allmählich so etwas wie Widerstand zu formieren – manche versuchen, ein Jahr lang nichts Neues mehr zu kaufen, oder nur nachhaltig einzukaufen etc. Vermutlich ist es das erste Mal in der Geschichte der Menschheit, dass Impulse zu einer gesellschaftlichen Veränderung aus Überdruss am Überfluss kommen.

Widerstand ist mehr als nur etwas nicht zu tun oder gegen etwas zu protestieren. Es bedeutet auch, etwas grundlegend anders zu tun. Gandhis Anweisung zum gewaltfreien Widerstand empfiehlt: »Sei selbst die Veränderung, die du in der Welt zu sehen wünscht«. Für seine – nach mehr als 30 Jahren erfolgreiche – Strategie des gewaltfreien Widerstands wählte Gandhi aus, was das britische Kolonialsystem am meisten treffen konnte. Eine nekrophile Gesellschaft ist am besten dort zu treffen, wo tote Objekte als Surrogate des Lebens geboten werden. Stattdessen das Lebendige zu wählen – in welcher Form auch immer es auftritt –, wird zunächst mit Verzicht und Scheitern verbunden sein. Doch das öffnet den Weg zu neuen Zielen, »die ihrerseits scheitern werden. Aus dieser nicht enden wollenden Verkettung ist die Geschichte unserer Gattung geschrieben.« ( Stephane Hessel )

Vielleicht ist die Angst vor dem Scheitern das größte Hindernis. Doch jeder Weg beginnt mit dem ersten Schritt. Und wer stolpert, ist auf dem Weg zu einer neuen Balance.

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ein Artikel von

Ursula Baatz

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