Es ist schon erstaunlich, das Leben von Josef
Es ist schon erstaunlich, das Leben von Josef
Brennstoff Nr. 38 | Heini Staudinger | 10.07.2026

Typisch Ernst. Ich habe Ernst Mitterberger vor vielen Jahren bei einer Diskussionsveranstaltung kennengelernt. Irgendwie haben wir uns sofort verstanden, denn Ernst sieht, so wie ich, in der Gestaltung unseres Lebensraumes eine ganz große Möglichkeit, die uns Menschen gegeben ist. Wir können das Glück nicht zwingen, wir können das Leben nicht zwingen, aber wir können den Boden aufbereiten, auf dass unser Leben gelingen möge.
Im nun folgenden Text ist Ernst der Erzähler. Ernst selbst ist es, der damals der Bürgermeister war, der sich des Schicksals seines Gemeindebürgers »Josef« an nahm.
Als er diese Geschichte erzählte, waren alle ergriffen. Viele weinten. Alle, und zu denen gehörte auch ich, spürten, dass Lebensraumpflege mehr als eine Gymnastikübung des Herzens sein kann.
Typisch Ernst! Er hat mich gebeten alle Namen zu verändern. Er ist so ein bescheidener Typ; will nur ja nicht im Vordergrund stehen. Er will diese Geschichte einfach erzählen, um Anstifter für Lebensraum- und Herzenspflege zu sein. | Heini

Die Schönheit des Lebens in der tiefsten Krise neu entdecken

Es ist schon erstaunlich, das Leben von Josef. 1957 wurde er in ärmliche Verhältnisse in eine ländliche Gemeinde in Oberösterreich geboren. Sein Vater verstarb recht früh. Seine Mutter suchte Trost im Alkohol. Liebe und Geborgenheit waren ihm fremd. Nach der Volksschule begann er mit einer Tischlerlehre, die er auch abschloss. Er heiratete und es kamen drei Kinder zur Welt. Seine Frau war bald überfordert mit Kindern und dem Haushalt. Sie wendete sich so wie ihr Mann dem Alkohol zu, bis die Ehe völlig zerrüttet war. Die Jugendwohlfahrt musste ihnen die Kinder wegen drohender Vernachlässigung abnehmen. Es kam zur Scheidung.

Josef lebte nun völlig alleine und ohne Hoffnung im kleinen Anwesen, zu dem einige Joch Grund gehörten. Er wurde immer mehr zum nicht erwünschten Randalierer in den Gaststätten der kleinen Gemeinde. Der damalige Bürgermeister, der mit einer gelungenen Dorferneuerung die Häuser des Ortes nicht nur verschönerte, sondern auch wieder mit Leben füllte, wollte nicht hinnehmen, dass bei Josef alles beim Alten blieb. Er holte Josef versuchsweise in ein Beschäftigungsprojekt für Langzeitarbeitslose, welches vom AMS unterstützt wurde. Während der Arbeitszeit galt striktes Alkoholverbot, aber nach Arbeitsschluss, besonders am Wochenende, siegte die alte Sucht bei Josef. So auch am Freitag, den 11. Jänner 1996.

Josef wollte unbedingt, trotz starker Alkoholisierung und ungeeigneter Arbeitsschuhe, beim Eisstockschießen auf der Eisbahn mitmachen. Er stürzte zweimal auf dem Eis und zog sich beim Aufprall auf eine Betonbegrenzung ein Schädel-Hirn-Trauma zu. Bewusstlos ins Krankenhaus eingeliefert, lag er gut drei Monate nicht ansprechbar, auf der Intensivstation des Krankenhauses Vöcklabruck. Auf Vorschlag einer Krankenschwester nahm der Bürgermeister das Bellen seines Hundes, der in dieser Zeit von einem Nachbarn betreut wurde, auf eine Tonkassette auf. Mit diesem Bellen gelang es, den Schwerstverletzten aus dem Tiefschlaf zu holen. Sein Zustand war schockierend. Keine Sprach- und Schreibfähigkeit mehr und eine sehr eingeschränkte Beweglichkeit einer Körperhälfte. Durch das ständige Reißen mit dem noch beweglichen Fuß am Gitter seines Krankenbettes merkte man seine große Verzweiflung. Nach längerer Zeit im Krankenhaus sind die offenen Stellen am Körper zwar abgeheilt, aber der Gesamtzustand blieb erbarmenswert.

Josef wurde gegen seinen Willen zur Reha nach Wien-Meidling überstellt. Beim ersten Besuch des Bürgermeisters wurde diesem vom Personal der Reha-Anstalt kaum Hoffnung für einen zu erwartenden Fortschritt gemacht. Josef lehnte nämlich jede Therapie ab. Diese Ausweglosigkeit veranlasste den Bürgermeister, die Anschrift von Josef im Reha-Zentrum auf Klebeetiketten zu schreiben. Er verteilte diese an mehrere Personen im Ort mit der Bitte, an Josef einige Zeilen zu richten, ihm ein Foto oder eine Regional- bzw. Gemeindezeitung zu schicken.

Die vom Bürgermeister angesprochenen Personen erfüllten gerne sein Ersuchen. Ab jetzt erhielt Josef ständig Post aus der Heimat und wurde so zum umfangreichsten Empfänger in der Reha-Anstalt. Er spürte, dass er von den Menschen seiner Gemeinde nicht vergessen und abgeschrieben wurde. Er begann die angebotenen Therapien mit erstaunlicher Konsequenz und Ausdauer auszuführen. Die Freude an den kleinen Fortschritten, die Josef machte, erfasste auch die beherzten Therapeutinnen, die mit großer Zuwendung mit ihm arbeiteten. Er erlernte auch wieder Buchstaben zu Worten zusammenzufügen und sogar wieder verschiedene Silben auszusprechen. Nach sieben Monaten in Wien-Meidling kehrte er, zwar noch stark beeinträchtigt, in sein Haus zurück.

Seither führt er selbst den Haushalt. Ja, er kümmert sich mit großer Hingabe sogar um eine Anzahl von Kleintieren, die zu einer seiner Lebensfreuden geworden sind. Von der Heuernte bis zur Schneeräumung geht sein Einsatz, trotz seiner schweren Behinderungen. Seit der Rückkehr in sein Haus führt er Aufzeichnungen über die durchgeführten Arbeiten und sein jetziges Leben. Auf den ersten Seiten seines »Tagebuches« schreibt Josef, dass er erst in seinem »zweiten Leben« die Schönheit und Bedeutung des Lebens erfahren hat. Er macht sich seither auch zunehmend Sorgen über die Gedankenlosigkeit von vielen Menschen im Umgang mit Energie, Boden, ja der gesamten Schöpfung. Josef zeigt seinem Umfeld: Nichts, aber auch gar nichts, muss so bleiben wie es ist. Eine Umkehr ist möglich und kann neue Lebensfreude, Sinn und Kraft auch in ein sinnlos erscheinendes Leben bringen. Josef ist überzeugt, er hat dieses neue Leben nicht verdient, sondern er hat es als Geschenk empfangen.

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Heini Staudinger

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