Ein (1) Quadratmeter Lein
Ein (1) Quadratmeter Lein
Brennstoff Nr. 69 | Christiane Seufferlein | 10.07.2026

Textile Selbstversorgung

Auf der Suche nach dem richtigen Maß

Wer das rechte Maß im Leben findet, findet Glück – davon war Aristoteles überzeugt. Seiner „Mesotes“-Lehre zur Folge liegt dieses Maß zwischen Übermaß und dem Mangel – nicht zu viel nicht zu wenig, einfach passend. Der Zustand der Welt zeigt, dass uns dieses Mittel auf allen Ebenen abhanden kommt. Immer ist alles zu wenig, selten zu viel, weil mehr geht immer. Wohin dieses unreflektierte „mehr“ führt zeigt gerade die Textilindustrie auf: 70% der Textilien, die in einem Jahr gekauft werden, wandern noch im selben Jahr weltweit in den Müll und 30 % davon kommen gar nicht erst in den Verkauf. In Summe macht das jede Sekunde einen LKW voll. Das sind 31.447.600 Sekunden und Ladungen im Jahr. Im Schnitt werden Kleidungsstücke 1,5 mal getragen bevor man sie entsorgt.

2700 Liter Wasser für ein T-Shirt

Ehe aber die vielen Millionen Hemden, Hosen, Röcke und Jacken in der chilenischen Atacama Wüste endgelagert oder verbrannt werden, haben sie unvorstellbare Mengen an Ressourcen in der Herstellung verbraucht. Um ein einziges Baumwoll T-Shirt herzustellen, braucht es ca. 2.700 Liter Süßwasser, was der Menge entspricht, die eine Person in 2,5 Jahren trinkt. Wenn man denn überhaupt Trinkwasser hat, denn durch die Färbung und Veredelung von Textilien werden rund 20 Prozent der weltweiten Wasserverschmutzung verursacht. Laboruntersuchungen zeigen, dass viele Flüsse in Bangladesch die obersten Verschmutzungsgrenzwerte um ein hundertfaches übersteigen. Anders ausgedrückt: Hier schwimmt kein Fisch mehr.

Leben unter Wasser

Aber auch wo noch Leben unter Wasser herrscht, wird es durch den Textilkonsum des Westens bedroht. Etwa 60 – 70 Prozent der Textilien bestehen aus Polyester, das kaum abbaubar ist und über den Abrieb von kleinen Fasern etwa in der Waschmaschine, aber auch beim Tragen der Kleidung in die Umwelt gelangt. Etwa ein Drittel des Mikroplastiks im Meer sind Plastikfasern, die bei der Wäsche verloren gehen.

Leben auf großem Fuß

Der CO2 Fußabdruck, den die Fast Fashion hinterlässt, schlägt höher zu Buche als der Flug- und Schiffverkehr zusammen und macht jährlich mehr als 850 Millionen Tonnen aus. Dabei wäre das Einsparungspotential groß: Würden wir die Lebensdauer unserer Kleidungsstücke von einem auf zwei Jahre verdoppeln, würde dies die CO2-Emissionen der Textilien um 24 Prozent reduzieren.

Die Lösung hat Aristoteles also schon vorweg genommen – zurück zur gesunden Mitte und das geht nur mit weniger.

Hemden wachsen im Garten - GEA Akademie

Lassen wir gemeinsam wieder Hemden in unseren Gärten wachsen!

Da wirkt es wie aus der Zeit gefallen, wenn in der GEA Akademie die Brechel klappern, und begeisterte Frauen und Männer gemeinsam Flachs verarbeiten. Vom Samen zum Textil – dieser Zusammenhang war bis vor 80 Jahren in weiten Teilen des Waldviertels nicht nur bekannt, es war der bäuerliche Alltag. Dass ein Hemd früher nicht aus dem Geschäft, sondern aus dem Garten kam, kann sich kaum mehr jemand vorstellen. Christiane Seufferlein will das ändern. Seit sieben Jahren ist die Oberösterreicherin textile Workshopleiterin in der GEA Akademie und verbindet ihre Liebe zum Handwerk mit Geschichte und Geschichtchen aus der Welt von Pullover und Co.

Sie spinnt mit ihren TeilenhmerInnen Schafwolle und Flachs, färbt mit natürlichen Farben und zeigt, wie man mit einfachen Mitteln und viel Liebe zum Detail wunderbares Textil von Grund auf selbst herstellen kann.

Raus aus der eigenen Blase

Rohe Wolle berühren, waschen und verspinnen, Leinsamen in der Erde verstecken und dann staunen, wie die Pflanze und in ihr die Fasern wachsen – all das tut etwas mit unserem Verhältnis zum Textilkonsum. Es dauert Monate bis man nach dem Anbau die ersten eigenen Fäden in der Hand hält, gesponnen auf einer Handspindel oder einem Spinnrad, am Besten gemeinsam mit anderen, dann plaudert es sich feiner. Ja – das kostet Zeit, ja - das braucht Geduld und es entfaltet am Ende einen Zauber, der kaum zu fassen ist:

„Ich hab mit einem kleinen Samen ein Kleidungsstück gemacht – mit meinen eigenen Händen!“

Um noch mehr Menschen, auch außerhalb der eigenen textilverliebten Blase zu erreichen, um Kinder, Schulen, Gemeinschaften oder einfach jeden und jede mit einem kleinen Stückchen Erde ebenso zu verzaubern, will Christiane 2025 1000 m2 Faserlein in Österreich wachsen lassen.

1 Quadratmeter textile Selbstversorgung

1 QM Lein heißt das Non-Profit Projekt. Die Idee für die Wiederbelebung der Leinenkultur hat sie von einem Aufenthalt in Schweden mitgebracht. Der schwedische Hemslöjden-Verband hat schon 2020 das Projekt 1 KVM Lin ins Leben gerufen, bei dem die breite Öffentlichkeit eingeladen wird, auf einem Quadratmeter Flachs anzubauen und mit Hilfe von Videotutorials, Mini-Workshops und entstehenden Gemeinschaften, die Pflanze bis zum Leinenfaden zu verarbeiten.

Ab heuer soll es nun auch in Österreich soweit sein. Interessierte können sich auf www.1qmlein.at registrieren und ihr Saatgutpaket für einen Quadratmeter bestellen, im Frühjahr 2025 starten dann die Videotutori als auf der Webseite. Außerdem können sich alle TeilnehmerInnen online vernetzen und sich im Idealfall auch im echten Leben zum Herumflachsen treffen. Es braucht dafür auch keine Vorkenntnisse, grüne Daumen oder einen großen Acker. Mitmachen können alle, die einen Quadratmeter Erde auftreiben können, egal ob im Blumentrog, Gartenbeet, oder Feld.


„In dem Maße, in dem das Handwerk durch die Konkurrenz der Industrie ausgerottet wird und in dem der kleinere Unternehmer, einschließlich des Bauern, existenzunfähig wird, sind wir alle ganz einfach gezwungen, uns in unserer Lebensführung den Wünschen der Großproduzenten zu fügen, die Nahrungsmittel zu fressen und die Kleidungsstücke anzuziehen, die sie für uns für gut befinden, und was das Allerschlimmste ist, wir merken kraft der uns zuteil gewordenen Konditionierung gar nicht, daß sie dies tun.“
Konrad Lorenz, Die acht Todsünden der zivilisierten Menschheit

Author Placeholder

ein Artikel von

Christiane Seufferlein

Teile deine Meinung auf