EIN GEDANKENEXPERIMENT: Wir sind uns weitgehend einig, dass es wünschenswert ist, dass Menschen einander nicht töten, verletzen, beleidigen, vergewaltigen, auffressen; dass sie ihres Nächsten Haus nicht anzünden, die öffentliche Sicherheit nicht gefährden und die Umwelt nicht verschmutzen. Käme aber irgendjemand auf die Idee, das Töten, Verletzen, Beleidigen, Vergewaltigen, Kannibalisieren und Umweltverschmutzen, wenn es denn einmal doch passiert, nicht zu sanktionieren und nicht unter Strafe zu stellen? Mit Verweis auf das Mantra, man dürfe das Zusammenleben der Menschen nicht überregulieren, das würde ihre Freiheit über das Maß gefährden? Wie viele Jahrhunderte würden wir eine solche Argumentation zurückverorten?
Merkwürdig: Auf den Märkten hält sich diese Ideologie so hartnäckig wie Gicht. Adam Smiths fromme Hoffnung, dass die unternehmerische Freiheit ausreiche, um das Noble im Menschen über das Schwache obsiegen zu lassen und am Ende des Tages das Gemeinwohl zu befördern, wird von den Ökonomen wie ein Leitvirus fortgetragen und unterliegt einer Innovations- und Erkenntnissperre. Die Krux an dieser Hoffnung ist, dass sie nicht falsch sein muss, und stets ist ein Beispiel zur Hand, wo private Unternehmen sich edel, hilfreich und gut verhalten und das Gemeinwohl umfassend fördern. Diese positiven Beispiele ändern aber nichts daran, dass ihr Gegenteil genauso anzutreffen ist und umso mehr grassiert, als beides gleich erlaubt und vom Gesetzgeber geduldet wird. Es zählt zu den Grunderkenntnissen der Spieltheorie, dass sich im »freien Spiel« zwischen Fairplayern und Skrupellosen letztere durchsetzen und nicht erstere. Solange feindliche Übernahmen, Kannibalismus, spekulative Attacken und Geierfonds erlaubt sind, darf sich niemand wundern, dass diese Verhaltensweisen auf »freien« Märkten massenhaft auftreten. Ebenso wenig wäre es verwunderlich, wenn Menschen einander regelmäßig töteten, verletzten, vergewaltigten und auffräßen, wenn wir es vorzögen, nur an unsere Moral und noblen Werte zu appellieren, aber keine Gesetze zum Schutz derselben erließen.
Unter jede intellektuelle Artmutsgrenze sinkt die ökonomische Diskussion, wenn beim Anführen dieser Negativbeispiele »die Märkte« als Naturgewalt angerufen werden, um das unglückliche Schicksal, dass eigentlich niemand will, doch hinzunehmen und andere dazu zu bringen, es ebenfalls zu akzeptieren. Ich möchte an dieser Stelle die Märkte entschieden freisprechen, sowohl von ihrem Image, sie würden per se das Böse im Menschen hervorrufen; als auch von dem Verdacht, es handle sich bei ihnen um Naturgewalten. Märkte sind Beziehungsräume, in denen sich Menschen und Unternehmen auf jede erdenkliche Art begegnen können: grausam und zärtlich, kooperativ und kompetitiv, mörderisch oder solidarisch. Es liegt an den gesetzlichen Regeln, die Märkte in Richtung menschlicher Schwächen und Laster oder eben Tugenden und Werte zu steuern.
Wenn wir wollen, dass sich Unternehmen edel, hilfreich und gut verhalten, dann sollten die Spielregeln für die Wirtschaft ebendiese Qualitäten rechtlich belohnen – und ihre negativen Konterparts von Gier und Geiz bis Dumping und Kannibalismus negativ anreizen oder verbieten. Auf Märkten handeln dieselben Menschen wie in der allgemeinen Gesellschaft, und wenn in der Wirtschaft die gleichen Werte gelten sollen wie im sonstigen Zusammenleben, dann bedarf es einer Änderung der Spielregeln und nicht der Menschennatur.
So kam es zur Idee der Gemeinwohl-Bilanz für Unternehmen. Diese misst Grundwerte und belohnt »ethische Leistungen« umso stärker, je höher sie ausfallen. Natürlich bedarf es einer Mindestübereinkunft, was ein demokratisches Gemeinwesen unter humanen Arbeitsbedingungen, negativen Umweltauswirkungen,gerechter Verteilung oder gefährlicher Machtkonzentration versteht, doch angesichts dessen, was alles normiert wird – allein CETA und TTIP bringen Tausende Seiten zusätzliches Völkerrecht – sind 17 Gemeinwohl-Indikatoren sicher weder der ultimative Regulierungs-GAU noch das Ende unternehmerischer Freiheit. Im Gegenteil: Erst dadurch, dass das Recht des Rücksichtsloseren außer Kraft gesetzt wird, kann das Recht, das von Gerechtigkeit kommt und die gleiche Freiheit für alle schützt, in Kraft treten.
Märkte können intelligent designt werden, weil sie zum Glück eben keine Naturgesetze, sondern kulturelle Innovationen sind. Märkte dem Ordnungsprinzip »Hoffnung« zu überlassen, ist irrational. Unternehmen können edel, hilfreich und gut werden, wenn der Rechtsrahmen der Wirtschaft sie dabei unterstützt.