Lou Andreas-Salomé und Rainer Maria Rilke
Mitte Mai hat er sie kennengelernt, jetzt ist immer noch Mai, und er schreibt ihr schon wieder: Sehnsucht singt:
„Ich bin Dir wie ein Vorbereiten
Und lächle leise, wenn Du irrst;
Ich weiß, dass Du aus Einsamkeiten
Dem großen Glück entgegenschreiten
Und meine Hände finden wirst.“
Wendet man sich so an eine wesentlich ältere, verheiratete Frau? Er sagt „Du“ zu ihr, das ist sehr ungezogen. Und er lächelt über ihre Irrtümer? Über die Irrtümer einer Frau, der bereits Friedrich Nietzsche den Titel seines „Geschwistergehirns“ zuerkannt hatte, aufgrund intellektueller Ebenbürtigkeit, partielle Überlegenheit inklusive. Sie kannte Kant besser.
Wie also kommt ein 21jähriger verbummelter, kaum studierender Münchner Student dazu, die Pose der Überlegenheit einzunehmen? Und was heißt „aus Einsamkeiten“? Sie ist nicht einsam, im Gegenteil. Kann sie denn nirgends hingehen ohne von Heiratsanträgen verfolgt zu werden? Selbst Friedrich Nietzsche und sein Freund Paul Rée, beide bekennende Junggesellen, hatten es gleich mehrmals versucht. „Von welchen Sternen sind wir hier einander zugefallen?“, war Nietzsches erster Satz an sie, als sie sich trafen, im Petersdom in Rom. Damals war sie 21, Nietzsche war 36. Jetzt, im Mai 1897, ist sie 36 und dieser unmögliche junge Korrespondent ist 21. Will der junge Mann etwa den Belagerungszustand über sie verhängen?
Auch so kann man ein Gedicht lesen, das wohl zu den schönsten Liebesgedichten der Weltliteratur gehört:
„Lösch mir die Augen aus:
Ich kann Dich sehn
Wirf mir die Ohren zu:
Ich kann Dich hören
Und ohne Fuß noch
kann ich zu Dir gehn
Und ohne Mund noch
kann ich Dich beschwören ...“
Der Fortgang ist von bezwingender Logik in der physiologischen Reduktion des lyrischen Ich, am Ende ist nichts mehr von ihm übrig, und doch: „Und wirfst Du mir auch in mein Hirn den Brand / so will ich Dich auf meinem Blute tragen.“ Die Botschaft lautet: Du entkommst mir nicht! Das musste am Ende auch die Empfängerin eingesehen haben.
Nie wieder wird Rainer Maria Rilke so lieben können. Lou Andreas-Salomé ist die Frau im Singular in diesem später mit Frauen übervölkerten Leben, aber keiner wird er mehr so rückhaltlos Einlass in sich gewähren. Lous Gesicht wird immer über seinem Leben stehen. Wahrscheinlich gibt es keinen Dichter, der von Liebe nichts weiß. Wahrscheinlich gibt es kaum einen Dichter, der von Liebe so viel weiß wie Rainer Maria Rilke. Denn sie ist der intensivste und zugleich unverfügbarste Anwendungsfall von Rilkes Grundsehnsucht, eine Heimat zu haben. Außen soll Innen werden! Das ist der Antrieb seiner Dichtung. Und in jeder Liebe schaffen zwei Menschen ihren eigenen Weltinnenraum.
Die Nähe der Sprache der Liebe zur religiösen Sprache ist oft bemerkt worden. Was ist denn ein Gedicht, ein Rilke-Gedicht? Gebet ohne Gott. Rilke spürte sofort, dass die Petersburger Generalstochter eine atheistische Gottsucherin ist. Er hatte ihren Aufsatz „Jesus der Jude“ gelesen und meinte erst jetzt seine „Christusvisionen“ zu begreifen. Wohl instinktiv wandte er sich dem Weltwissen der Frauen zu, das der Männer schien ihm die Hülle des Äußeren nie zu durchstoßen. Auch war er auf der Suche nach einer neuen Mutter, und Lou machte, was Mütter tun: Sie gab ihm einen Namen - aus René wurd Rainer -, sie ließ ihn in endlosen Übungen eine neue Handschrift lernen, die ihr besser gefiel, sie hielt Gericht über seine Arbeiten und er musste in der Küche helfen: zu Hause in Berlin, bei ihrem Mann, dem Orientalisten Friedrich Carl Andreas.
Rainer Maria Rilke wusste genau, was er verlor, als Lou ihn verstieß:
„Warst mir die mütterlichste der Frauen,
ein Freund warst Du wie Männer sind
ein Weib so warst Du anzuschauen,
und öfter noch warst Du ein Kind.
Du warst das Zarteste, das mir begegnet,
das Härteste warst Du, damit ich rang.“