Das Spektrum der Liebe
„Liebe ist immer diskriminierend. Sie wählt aus, sie unterscheidet, sie zieht vor und stößt zurück. Man kann nicht alle lieben. Erstens kennt man nicht alle Menschen, daher geht das schon deshalb nicht. Und zweitens sind nicht alle Menschen liebenswert.“
Hannes Doblhofer im Gespräch mit Rudolf Burger
D: Im Titel eines berühmten Schlagers wird behauptet „Die Liebe ist ein seltsames Spiel“, ein anderer repetiert das großartige Bekenntnis „Marmor, Stein und Eisen bricht ...“ – Was assoziieren Sie mit der Leuchtschrift „Liebe“?
B: Sicher nicht Stein und Eisen, Spiele schon eher, durchaus auch seltsame, immer aber erregende. Mit dem Wort Liebe assoziiere ich zunächst einmal Erinnerungen, sehr schöne Erinnerungen, auch bittere. In der Folge dann auch enttäuschende Erfahrungen, Verletzungen, unabgegoltene Sehnsüchte, also Material aus dem eigenen Erinnerungsfundus.
Trauer. Gesichter. Vielleicht auch Träume. Ich versuche mir zu überlegen: Gab es dieses Gefühl, diesen Zustand „Liebe“ eigentlich schon immer? Hat es Liebe in dem Sinn, in dem wir das Wort heute verwenden, oder in dem wir es bis vor kurzem verwendet haben, immer schon gegeben? Ist es möglich, dass die Liebe wieder verschwindet?
Ich habe die starke Vermutung, dass das so ist. Denn dass Liebe ein historisches Phänomen ist, das lehren nicht nur die literarischen und philosophischen Zeugnisse vergangener Epochen, das stellt sich allein schon heraus, wenn man gegen seine eigenen Affekte reflektiert, wenn man darüber nachdenkt, ohne Selbstverliebtheit, sozusagen. Denken heißt ja fast immer denken gegen die eigenen Sympathien oder gegen die eigenen Erwartungen. Das ist nicht leicht, im Gegenteil, es ist sehr schmerzhaft, verletzend, aber nur durch intellektuelle Brutalität kommt so etwas wie Erkenntnis zustande. Das gilt ganz allgemein, also auch in der Selbstbetrachtung. „Das Denken ist brutal“, sagt Paul Valéry, „es kennt keine Schonung. Was wäre brutaler als ein Gedanke?“ Man darf mit der Liebe nicht liebevoll umgehen, will man sie erkennen – und ich lege Wert auf den erotischen Doppelsinn des Wortes „erkennen“.
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D: Die Liebe hat viele Gesichter und wahrscheinlich ebenso viele Masken.
B: Jeder von uns hat das erlebt: romantische Lieben, keusche Lieben und sehr sinnliche, sehr leidenschaftliche Lieben, wobei auch das sich oft in Komponenten auffächert …. Man kann jemand beschützen wollen, wenn man ihn liebt, ohne zu wissen, wovor, und man kann ihn vernichten wollen, ohne zu wissen, warum. Manchmal ist Liebe eine stille Träumerei, manchmal eine Raserei, manchmal eine fiebrige Seance. Und frage mich daher, ob, wenn man das alles unter einem Begriff zusammenfasst und sich selbst als verliebt interpretiert, man nicht einer internalisierten, kulturellen Erwartung nachkommt. Man kann sich programmatisch verlieben. „Liebe ist die Schwäche der Christen“, soll Ibn Saud einmal gesagt haben, der arabische König mit seinem riesigen Harem.
D: Die Liebe ist also ein relativ neuer Zustand. Früher gab es diese Stilisierung eines Gefühls noch nicht, heute dagegen wird ständig davon gesprochen – geradezu inflationär.
B: Ja, vermutlich gibt es das, was wir heute unter Liebe verstehen, nach einer ersten Blüte im Hochmittelalter, in Europa erst seit der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts, sie ist die Sentimentalisierung des Erotischen.
Das Wort „empfindsam“ kommt damals in Mode. Außerdem ist die Schwelle zur bürgerlichen Gesellschaft auch das Zeitalter der großen Singularisierungen.
Damals wurde die Liebe erfunden, als Großbegriff, so wie die Geschichte erfunden wurde und die Kunst. Vorher gab es Leidenschaften, Geschichten und Künste. „Die Liebe ist eine Erfindung“, sagt Paul Valéry, „wie der Alkohol eine Erfindung ist“. Heute, nach dem Ende des Bürgertums und dem Eintritt in die konsumistische Massengesellschaft, frage ich mich – als ich gesagt habe, ob so etwas wie Liebe auch wieder verschwinden könnte – ob nicht überhaupt starke Gefühle, wie eben Liebe und Leidenschaft, aus unserer Gesellschaft ganz systematisch vertrieben werden? Und dieses Pathos, das einen selbst oft noch mitreißt, eigentlich keine Stütze mehr findet in unserem hedonistischen Normengefüge. Gewiss hat jede Liebe eine naturhafte Triebbasis, ein physisches, ein biologisches Substrat. Aber der ganze psychische Überbau ist historisch und damit das Begehren selber in seiner – wie Sartre gesagt hätte – Interiorität, also so wie man es selber erlebt. Da hat man es mit einem sehr komplexen, in sich widersprüchlichen Phänomen zu tun. Die großen Singularisierungen lösen sich aber heute wieder auf – die Geschichte in Geschichten, die Kunst in Künste – warum also nicht auch die Liebe in einzelne Formen des Begehrens?
D: Aber ist es nicht das Besondere an der Liebe, dass sie spaltet und verbindet, dass sie sprengt und Verschmelzungsprozesse bewirkt?
B: Richtig. Der Begriff ist in sich selber widersprüchlich. Vielleicht ist Liebe nur das Raffinement des Hasses.
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D: Das Wort „Liebe“ wird ständig gebraucht. Die Liebe zu einem Land, die Liebe zu den Indianern, irgendwo hat die Revolution gesiegt, also liebt man die Revolution oder einen Führer.
B: Wenn ich über Liebe spreche, dann möchte ich über Frauen sprechen und nicht über Nicaragua, nicht über die Liebe zu einem Land oder zu einer Idee. Ich halte diese Metaphern für fragwürdig und für gefährliche Metaphern – denn sie haben die Tendenz, sich ihre eigenen Wirklichkeiten zu schaffen und aufzuhören, Metaphern zu sein. Mein strategisches Argumentationsinteresse ist es, ebenso wie mein privates Interesse auch, solche Gefühle und Bedürfnisse vor einem Missbrauch zu retten. Sie allein auf das Private konzentrieren zu wollen, wäre natürlich absurd – der frühe Frauentausch zwischen den Clans konstituierte überhaupt erst Öffentlichkeit, und das ist bis heute so geblieben. Zugleich sind die dabei umgesetzten Gefühle aber sehr privat. Ich wünsche mir eine Gesellschaft mit Lebensformen, in der Leidenschaft, in der Liebe mit all ihren chaotischen Konsequenzen ein privates Phänomen ist und bleibt. Von „Liebe ohne Pardon“ hat Nietzsche einmal gesprochen, und er dachte dabei an Carmen und gegen die Wagnersche Senta-Sentimentalität. Ich möchte diese Emotionen, im Interesse der Emotionen, aber auch im Interesse der Politik, aus der Politik möglichst fernhalten. Ich möchte keine leidenschaftliche Politik, ich möchte eine trockene, kalte, rationale Politik. Eine Politik, die an bestimmten Prinzipien der Gerechtigkeit, der Friedenssicherung usw. orientiert ist, aber die als solche möglichst leidenschaftslos, wenn auch mit Ernst und Energie, oder, wie das scheußliche Wort heißt, „korrekt“ betrieben wird. Aber die Liebe zu Österreich, oder die Liebe zu was immer, halte ich für eine entweder schlechte Metapher oder für ein fragwürdiges Programm. Ich glaube, es war Heinemann, der deutsche Bundespräsident, der einmal gesagt hat, erliebe seine Frau, nicht Deutschland.
D: Und wenn die Liebe stirbt?
B: Dann ist das natürlich sehr traurig, zumindest für einen. Und sie stirbt immer, meistens noch, bevor die Individuen sterben. Wenn das Absterben oder das Ermüden dieses Gefühls, das Versanden in Gleichgültigkeit oder auch das Umschlagen in Hass – auch das ist eine Möglichkeit, eine sehr häufige sogar – real wird, dann ist das eine sehr bittere Erfahrung. Andererseits ist das Erlöschen eines großen Gefühls auch immer eine Befreiung - die Welt, die verengt war, und in der Liebe ist sie immer verengt, weitet sich wieder, die Dinge werden plastisch und bekommen Farbe. Es tauchen auf einmal Frauen auf, die es vorher nicht gab.
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D: „Ich liebe Dich“, „Wir lieben Euch“,„liebet einander“ – kann man diese großen Worte überhaupt noch glaubwürdig formulieren?
B: Oh ja, aber nur im Singular. Es ist natürlich eine Formel, die als Stereotype zur Verfügung steht, um die Intensität des Begehrens auszudrücken. Deshalb muss sie aber nicht falsch sein. Das drängt sich einem auf die Lippen in der Erregung, im Begehren. In so einem Zustand ist man ja literarisch nicht sehr intelligent, wie man am Großteil der Liebeslyrik sieht. Dieser Ausdruck kann also sehr hilfreich sein, obwohl er natürlich ein kulturell zur Verfügung gestelltes Klischee ist.
Klischees können also authentische Gefühle ausdrücken – und manchmal können das wohl nur Klischees! Aber wie gesagt, nur in der ersten und zweiten Person Singular. Jede Pluralisierung ist fragwürdig. Liebe ist immer diskriminierend. Sie wählt aus, sie unterscheidet, sie zieht vor und stößt zurück. Man kann nicht alle lieben. Erstens kennt man nicht alle Menschen, daher geht das schon deshalb nicht. Und zweitens sind nicht alle Menschen liebenswert, das hat übrigens Sigmund Freud gesagt. Man verbraucht, man inflationiert den Begriff, wenn man von der „Liebe zu den Menschen“ spricht. Das ist nur eine gedankenlose Propagandaphrase.