Die letzte Prüfung
Die letzte Prüfung
Brennstoff Nr. 43 | Cecily Corti | 10.07.2026

ETWAS SORGEN BEREITETEN mir die Bewohner des Hauses. Wie würden sie unser Vorhaben aufnehmen? Ich war vorbereitet auf Ablehnung, ja, sogar körperliche Aggression wurde mir vorhergesagt. Bei einer Hausversammlung stellten wir uns vor. Einige wollten gleich ausziehen, andere waren unschlüssig, was sie davon halten sollten, wieder andere boten ihre Mitarbeit an. Ich versicherte, alles zu unternehmen, um Schmutz, Lärm und Gestank zu vermeiden. Ich bat um Geduld und Offenheit, um unserem Projekt eine Chance zu geben. Relativ undramatisch sind wir auseinandergegangen.

Kurz vor der Eröffnung der Notschlafstelle gab es ein Mitarbeitertreffen, um die letzten Vereinbarungen miteinander abzustimmen. Es ging auch darum, wer nun tatsächlich aufgenommen werden sollte. Nur Männer, nur Österreicher, EU-Bürger? Was geschieht mit Pärchen, die ein Bett brauchen, was mit Frauen? Und was mit Personen, die von einem Hund begleitet sind? Mir war durch Zufall zwei Tage zuvor die Geschichte von Yudhistira in die Hände gefallen:

Der große Held Yudhistira hatte alle Freuden, alle Macht, alle Ehren, die einem Menschen zuteilwerden können, erlebt. Aber er war auch durch alle irdischen Höllen gegangen, hatte Armut, Knechtschaft, Verbannung und Demütigung am eigenen Leib erfahren. Am Ende seiner Lebensaufgabe angelangt, machte er sich auf seinen letzten Weg und wanderte in Richtung Himalaya, in der Hoffnung, vom höchsten Berg der Welt aus den Weg in den Himmel zu finden. Es folgte ihm seine Familie ein Stück weit, aber schon bald blieb einer nach dem anderen zurück. So wurde die Gruppe immer kleiner, bis Yudhistira schließlich ganz allein war, gefolgt nur von einem kleinen, treuen Hund, der ihm in einem der letzten Dörfer zugelaufen war. Als sie den Gipfel erreichten, da öffnete sich der Himmel und Indra, der König aller Götter, trat heraus und hieß Yudhistira willkommen. Als er das feurige Himmelsgefährt besteigen wollte, um in den Himmel einzufahren, da sprang auch der kleine Hund auf den Wagen. Indra wehrte entrüstet ab und befahl Yudhistira, das verlauste Tier wegzujagen. Dieser hielt erschrocken inne: Dieser Hund ist die einzige Seele, die in Treue zu mir gehalten hat und mir bis hierher gefolgt ist. Wie sollte ich ihn hier zurücklassen? Aber Indra ließ sich nicht erweichen und Yudhistira hatte nur die Möglichkeit, den Himmel ohne Hund zu betreten oder auf den Himmel ganz zu verzichten. Da wandte sich Yudhistira zum Gehen: Gerne verzichte ich auf einen Himmel, der nicht groß genug ist, dass auch eine Hundeseele in ihm Platz fände! In diesem Moment geschah es, dass sich der kleine Hund in ein gleißendes Licht verwandelte und Yama, der Gott des Todes und der Barmherzigkeit, vor ihm stand: Yudhistira, du Barmherziger, das war deine letzte Prüfung! Und mit Jubel öffneten sich die Tore des Himmels und alles war Glanz und Herrlichkeit.

Dass ich ausgerechnet auf diese Geschichte gestoßen war, konnte doch kein Zufall sein! Wir beschlossen, Obdachlose mit Hund aufzunehmen. Die Hunde sind oft die einzigen Begleiter, die obdachlosen Menschen wirklich nahestehen. Keiner von ihnen würde sich von seinem Hund trennen, um ein Bett für die Nacht zu haben. Auch das verstanden wir unter bedingungsloser Akzeptanz.

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ein Artikel von

Cecily Corti

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